Nur singen, tanzen, betteln?

November 17th, 2014  |  Published in Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Flashmob im Rahmen der Roma-Jugendkonferenz in Wien (Foto:)70 junge Roma aus elf europäischen Ländern weh­ren sich ge­gen Ras­sis­mus und dis­kri­mi­nie­ren­de Vor­ur­tei­le, die sie selbst Lü­gen stra­fen.

Heinz Wagner/Kurier.at: Ein kleiner Massenauflauf Jugendlicher und junger Erwach­se­ner in der Maria­hil­fer Straße bei der Neu­bau­gasse. Ein Skate­boarder zeigt ei­ni­ge Tricks, an­de­re ent­rol­len eine Flag­ge – himmel­blau der obere, wie­sen­grün der un­te­re Teil und in der Mitte ein rotes Spei­chen­rad, Chakra genannt. Letzte­res weist auf die Her­kunft der Roma hin, auch die indi­sche Flagge ent­hält ein sol­ches Chakra.

Putren le Jakha! – Macht die Augen auf!

Andere entrollen handgeschrieben Plakate – in eng­li­scher Sprache mit der Frage, ob die Vorü­ber­ge­hen­den nun erwar­ten wür­den, dass die jungen Leute sin­gen, tan­zen oder bet­teln? Klischee­bil­der de­nen sie sich als Ange­hö­rige der Volks­grup­pe der Roma mehr als oft gegen­über se­hen. „Macht die Augen auf, erweitert euren Blick­win­kel!“ – so lau­tet die Über­set­zung von „Putren le Jakha!“. Dies ist das Motto der aller­ers­ten Jugend­konferenz von Roma aus elf euro­päi­schen Län­dern, die nun in Wien statt­findet. Mit wei­te­ren Buch­sta­ben for­dern die rund 70 Jugend­li­chen und jun­gen Er­wach­se­nen von Spanien bis Rumä­nien, von Tsche­chien bis Alba­nien „Stopp Anti­ziga­nis­mus!“ So wird Diskri­mi­nie­rung und Rassi­smus gegen­über jenen genannt, die oft als „Zigeu­ner“ be­schimpft werden.

Lebende Gegenbeweise

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst strafen alle­samt als leben­dige Bewei­se die Kli­schee­bilder Lügen. Gut, die eine oder der an­dere kann sin­gen, tan­zen …, aber: Die 22-jäh­rige Ina Majko aus Albanien steht kurz vor dem Ab­schluss ihres Bio­lo­gie­stu­diums. Alis Alexandra Gusa (Rumä­nien) hat be­reits zwei Bache­lor-Stu­dien (inter­nationale Bezie­hun­gen, Euro­päi­sche Studien) ab­ge­schlos­sen, steckt in einem Poli­tik­wis­sen­schafts-Master­stu­dium an der Uni von Buka­rest und war schon Trainee bei der EU-Kommission. Mustafa Jakupov (Maze­donien) hat Philolo­gie stu­diert und ist Über­setzer für Deutsch und Fran­zö­sisch und leitet unter ande­rem Work­shops in Team-Buil­ding.

Perla Scripcariu (18) aus dem rumänischen Botosani be­sucht das letzte Schul­jahr vor der Matura. Sie ist zwei­spra­chig (Romanes und Rumä­nisch) auf­ge­wach­sen, lernt in der Schule Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Latein, Italie­nisch und Deutsch. Nach der Schule will sie in Groß­bri­tan­nien Politik­wis­sen­schaft stu­die­ren. Sie ist Landes­meis­te­rin und Vize-Welt­meis­terin in Romanes. Irina Spataru, in Bukarest geboren, absol­vier­te in Wien das Aka­de­mische Gym­na­sium, stu­dierte Trans­kulturelle Kom­mu­ni­kation, macht der­zeit den Dol­metsch-Mas­ter. Ihre Arbeits­sprachen: Deutsch, Fran­zö­sisch, Rumä­nisch. Und neben­her über­setzt sie bei Be­darf im St. Anna-Kin­derspital.

Samuel Mago, 18, ungarischer Rom in Wien, Sohn einer Akade­miker­fa­milie, matu­rier­te in die­sem Jahr, trug sich mit einer be­ein­drucken­den humor­vol­len Rede gegen Anti­ziga­nis­mus in die Liste der Sie­ger/innen beim mehr­spra­chi­gen Rede­bewerb „SAG’S MULTI!“ ein. Vor weni­gen Tagen erst wurde seine Fach­bereichs­arbeit zur Dar­stel­lung von Roma in deutsch­spra­chigen Medien als beste seines Jahr­gangs mit dem Fred-Schnei­der-Fa­mily-Award aus­ge­zeich­net. Und so neben­bei orga­ni­siert(e) er die Jugend­konfe­renz mit.

Der älteste Teilnehmer ist Jozef Miker mit 49 Jahren. Und das hat einen ganz speziellen Grund: Er organisiert Protest gegen eine Ungeheuerlichkeit. Auf dem Gelände des Nazi-Konzentrationslagers in Lety u Pisku wurde eine Schweinezuchtfarm errichtet – übrigens mit unterstützenden Mitteln der Europäischen Union. Gedenken an ermordete Roma, unter anderem Vorfahren von Miker, ist angesichts dieser Tatsache mit verbundenem entsprechenden Gestank nicht zu denken. (Weitere Kurzbiografien von Teilnehmer/innen in der Bildergalerie.)

Neben dem genannten tschechischen Beispiel oder dem mehrfach in Medien berichteten aus dem ungarischen Miskolc, wo ganze Familien vertrieben werden, berichtete aber auch Mustafa Jakupov davon, dass auf Druck aus der EU-Zentrale in seinem Land an den Grenzen offenes Ethno-Profiling stattfinde. Unter dem Vorwand, Roma aus Mazedonien könnten die EU sozusagen stürmen, versuchen die Grenzbehörden des Landes Menschen, die dunklere Haut, mehr Kinder, vielleicht nicht besonders viel Geld bei sich haben, an der Ausreise zu hindern. So konnten so manche Menschen nicht einmal zu Hochzeiten oder Begräbnissen in Serbien oder Bulgarien fahren, berichtet Jakupov.

Alltagsdiskriminierung

Da ist klingt es sogar „harmlos“, wenn die fast fertige Biologin Ina Majko über ihren Alltag in Albanien berichtet, wo sich Menschen wundern, dass sie so gut die Landessprache könne, immerhin ihre Muttersprache! Seit vier Jahren engagiert sie sich in der Initiative Roma Active Albania und sie spielt in einer TV-Serie eine Jugendliche, die versucht, in ihrer Schule akzeptiert zu werden.

Doch auch Österreich ist keine Insel der Seligen für Roma. Abgesehen davon, dass vor fast 20 Jahren (Februar 1995) vier Roma in Oberwart ermordet wurden, sehen sich Roma immer wieder mit Ausgrenzung konfrontiert und „die Darstellung von Roma in österreichischen Medien wird von Bettlern dominiert und viele verbreiten unhinterfragt Klischees. Diese und ähnliche Bilder führen zu einer steigenden Ablehnung“, beklagt der 18-jährige Konferenz-Mitorganisator Samuel Mago aus Wien.

Am Freitag zeigten junge Teilnehmer/innen einige der Ergebnisse, die sie in Workshops bei der Konferenz erarbeitet haben – Theater, Comic …

www.romano-centro.org

Dieser Artikel erschien am 13.11.2014 auf Kurier.at. Wiir danken dem Autor Heinz Wagner für die freundliche Erlaubnis!

Comments are closed.