Morde in Ungarn: Kein Interesse für die Opfer
September 5th, 2014 | Published in Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Fünf Jahre nach der rechtsextremistischen Mordserie an Roma
Von Keno Verseck
DeutschlandradioKultur.de, 3.9.2014: In den Jahren 2008/2009 ermordeten rechtsextreme Terroristen in Ungarn bei Anschlägen sechs Roma, darunter einen vierjährigen Jungen, und verletzten 55 Menschen, ebenfalls fast alle Roma, zum Teil lebensgefährlich. Den letzten Mordanschlag verübten sie am 3. August 2009, drei Wochen später wurden sie gefasst: vier Männer (…) mit einschlägiger rechtsextremer Vergangenheit.
Heute, fünf Jahre später, ist die Geschichte dieser Mordserie in Ungarn nur ansatzweise aufgearbeitet: Zwar wurden drei Täter vergangenes Jahr zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt, ein Komplize zu 13 Jahren, jedoch steht ein langes Berufungsverfahren bevor. Zum anderen spielten ungarische Geheimdienste während der Romamordserie, ähnlich wie bei den NSU-Morden, eine zwiespältige Rolle: (…) Die genauen Umstände werden derzeit untersucht. Außerdem fahnden Ermittler noch nach mutmaßlichen Mittätern und Helfershelfern. Vor allem aber: Die meisten überlebenden Opfer und Angehörigen der Mordserie leben in tiefster Armut – eine Folge der Anschläge, aber auch des öffentlichen Desinteresses an den Opfern.
(…) Sie wohnen überwiegend noch an den Tatorten und sind fast alle abgerutscht in tiefste Armut. Sie erhielten niemals psychologische Betreuung, verloren ihre Arbeitsplätze. Einige Überlebende müssen als Folge der Mordanschläge mit lebenslangen Verletzungen und Behinderungen leben, manche Angehörige erkrankten psychisch und physisch schwer. Eine öffentliche Würdigung erfuhren die Opfer der Romamordserie in Ungarn nie. Es gab keine staatliche Gedenkfeier für sie (…), es gab keine Einladung des Staats- oder Ministerpräsidenten.
(…) Die Pannen [waren] schwerwiegend: Lange Zeit wurden Spuren ins rechtsextreme Milieu nicht ernsthaft verfolgt, bei der Spurensicherung an Tatorten geschlampt. Mehr noch: Geheimdienste hatten zwei Täter jahrelang überwacht, standen in direktem Kontakt zu einem Komplizen, gaben jedoch diese Erkenntnisse nicht an die Ermittler weiter. (…) Auch Entschädigungen bekamen die Opfer vom Staat bis vor Kurzem nicht. Erst ein Mitglied der Orbán-Regierung änderte das: Zoltán Balog .(…) Auf seine Initiative hin stellte die Regierung im Herbst vergangenen Jahres eine humanitäre Opferhilfe in Höhe von insgesamt etwa 220.000 Euro zur Verfügung. Vor wenigen Wochen – also fünf Jahre nach den Morden – begann die Auszahlung: Überlebende und Angehörige erhielten im Schnitt zwischen vier- und siebentausend Euro. (…)
Bitte lesen bzw. hören Sie den hier nur in einigen kurzen Auszügen wiedergegebenen Beitrag von Keno Verseck, ausgestrahlt in der Sendung Weltzeit am 3. September 2014, in voller Länge auf DeutschlandradioKultur.de.