Wie wird man eine „Bettelmafia“?
Mai 18th, 2014 | Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Text von Ulli Gladik / BettelLobbyWien:
Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer Kleinstadt in Rumänien und gehören zu jenen vier Millionen RumänInnen, die in den letzten Jahren ihre Arbeit verloren haben. Die Sozialhilfe, die Sie erhalten, beträgt 50 Euro plus 20 Euro für Ihre beiden Kinder. Sie wissen nicht, wie Sie damit über die Runden kommen. Zum Glück schickt Ihre Schwester Ihnen manchmal via Moneygram etwas Geld. Ihre Schwester ist in Wien und bettelt. Sie wollen auch nach Wien. Endlich erfahren Sie, dass die Familie Ihrer Schwester eine eigene Wohnung gefunden hat. Sie können nachkommen.
Ihre Schwester schickt Geld und Sie nehmen das Sammeltaxi, das zwischen Wien und Ihrer Heimatstadt Pitesti verkehrt. Es kostet nicht mehr als die öffentlichen Verkehrsmittel, erspart Ihnen aber Umsteigen und das Schleppen Ihrer Taschen. In Wien müssen Sie sich mit der Familie Ihrer Schwester und den Verwandten Ihres Schwagers eine kleine Wohnung teilen. Die Wohnung kostet 500 Euro plus 100 Euro für Energiekosten. Jeder Mitbewohner muss einen Teil zahlen. Ihre Schwester zeigt Ihnen am nächsten Tag den Platz, wo Sie betteln können. Sie sind froh, dass Ihre Schwester und Ihr Schwager unweit dieses Platzes selbst betteln. Sie haben Sichtkontakt.
Nach kurzer Zeit schon kommt eine Polizeistreife. Sie, Ihre Schwester und Ihr Schwager müssen einsteigen und mitkommen. Auf dem Revier müssen Sie sich entkleiden. Die paar Centstücke, die Sie schon eingenommen haben, werden Ihnen abgenommen. Denn der Tatbestand des „organisierten Bettelns“, wie es im Wiener Landessicherheitsgesetz steht, wird sofort festgestellt: Sie haben sich zum Betteln verabredet. Das darf man in Wien nicht. Sie werden später eine Strafverfügung über 200 Euro ausgehändigt bekommen.
Jetzt warten Sie drei Stunden auf eine Dolmetscherin. Sie werden einzeln verhört. Man wird Ihnen nicht glauben, dass Sie Geschwister sind. Ihre Schwester wird des Menschenhandels verdächtigt. Denn sie hat Sie nicht nur zum Betteln „rekrutiert“, sondern Ihnen auch die Anreise organisiert. Auch der Fahrer des Sammeltaxis ist ein „Hintermann“, denn er hat nicht nur Sie, sondern auch andere BettlerInnen von Pitesti nach Wien und retour gebracht. Auch der Hausverwalter des Hauses, in dem Sie jetzt wohnen, ist ein „Hintermann“. Er ist wahrscheinlich sogar der Boss. Denn er kassiert die größten Summen. Er hat nicht nur Ihre, sondern auch andere Wohnungen an rumänische BettlerInnen vermietet.
Und schon hat man sie: Voilà, die Bettelmafia. Beweise für Menschenhandel, Ausbeutung oder Nötigung gibt es zwar nicht, weil „die Opfer sich nicht als Opfer fühlen“, der Wiener Polizei reichen die „Zusammenhänge“ aber, um in den Medien ein Bild von Ausbeutung und Zwang zu zeichnen.
Ulli Gladik ist Regisseurin und Journalistin. Ihre Recherchen führten Sie immer wieder in die von der Polizei so genannten „Hochburgen der Bettelmafia“. Häuser, wo nicht die Mafia, sondern armutsbetroffene Familien wohnen. Die Grundlage dieses Textes bieten die unzähligen Gespräche, die sie mit BettlerInnen seit 2003 führt.