Österreichs Hauptstadt des Antiziganismus?
Mai 3rd, 2014 | Published in Rassismus & Menschenrechte | 1 Comment
Nirgendwo sonst in Österreich kam es in den letzten Wochen und Monaten zu einer ähnlich alarmierenden Häufung von Gewalttaten gegen Bettler bzw. Roma wie in Salzburg. Ein Überblick.
Die Debatte um das Bettelverbot, das Mitte 2012 vom Höchstgericht als verfassungswidrig aufgehoben wurde, und der vergangene Wahlkampf, in dem auch die Stadt-ÖVP auf Stimmungsmache gegen die Ärmsten setzte, haben Ressentiments geschürt – Emotionen, die sich in Salzburg nun immer wieder auch in Gewalt entladen. Obwohl eine aktuelle Studie gerade erst ergeben hat, dass in Salzburg von einer Bettlermafia gar keine Rede sein kann, heizt selbst der Stadtpolizeikommandant die Stimmung mit der Forderungen nach einem rechtswidrigen Bettelverbot weiter an. Dass es nicht gerade zu den Gepflogenheiten eines Rechtsstaates gehört, dass ein Polizeichef eine eigene politische Agenda verfolgt (noch dazu eine, die sich um den Verfassungsgerichtshof nicht kümmert), sei hier nur am Rande angemerkt. Welch besorgniserregende Ausmaße diese Gewalt bereits angenommen hat, zeigt am besten folgende Zusammenstellung der dokumentierten Vorfälle:
- Erst Anfang dieser Woche gab es in der Stadt den jüngsten Vorfall: Die von der Caritas für Bettler eingerichtete kleine Winter-Notschlafstelle „Arche Süd“ wurde von Neonazis beschmiert; auch auf Facebook gab es NS-Drohungen (Zitat: „Also für mich gibt es eine lösung! dieses scheiss gsindel nach mauthausen und mal duschen lassen in einer der berühmtesten duschen welt weit!“). Caritas-Direktor Johannes Dines: „Wir haben am Mittwoch entdeckt, dass auf die Tür das Wort KZ draufgeschrieben wurde. Gleichzeitig wurden unsere Schlösser verklebt. Wir können das nicht anders deuten, als dass diese Leute wollen, dass Bettler ins KZ kommen, und man sie dort vergasen soll. Das deckt sich mit dem, was auf dieser Facebook-Plattform zu lesen war.“ Polizei und Verfassungsschutz ermitteln (derzeit laufen auch Ermittlungen wegen eine Serie von Nazi-Schmierereien bzw. Beschädigungen von Holocaust-Gedenksteinen: 30.4., 7.4., 31.1., 27.1., 2.12., 17.10., 16.10.). Angesichts der Drohungen gegen Bettler und Caritas werden auch Sicherheitsmaßnahmen bis hin zum Polizeischutz diskutiert.
- Ende April sollen drei Jugendliche einem Bettler beim Salzburger Müllnersteg den Schlafsack weggenommen und in die Salzach geworfen haben. „Der Standard“ zitiert Aussagen einer Romni, wonach sie tätlich angegriffen und „in den Bauch getreten“ wurde.
- Am 7. April 2014 wurden im Salzburger Stadtteil Schallmoos zwei Bettler-Schlafstätten von Unbekannten in Brand gesetzt. Das wenige Hab und Gut, das die gerade abwesenden Bettler dort verstaut hatten, wurde in einer augenscheinlich koordinierten Aktion angezündet; verletzt wurde hierbei niemand. ÖVP-Vizebürgermeister Harald Preuner mutmaßt, dass die beiden Brandanschläge auf erzürne Anrainer zurückgehen könnten. Die Polizei hält auch einen neonazistischen Tathintergrund für möglich.
- Am Abend des 8. Juni 2012 umstellte eine Gruppe von Jugendlichen ein Abrisshaus in Salzburg-Lehen und attackierten Roma aus Rumänien, die darin campierten. Die rund zwanzig jungen Männer waren mit Holz- und Eisenstangen bewaffnet und warfen Steine durch die Fenster. Zwei Personen wurden leicht verletzt. Ein Großaufgebot der Polizei konnte die Auseinandersetzung beenden. Bei den gewalttätigen Angreifern handelt es sich lat Polizei um Jugendliche mit Migrationshintergrund aus dem Stadtteil Lehen. Die Täter dürften glimpflich davonkommen, da Zeugen und Kläger fehlen. Die Polizei hat es nämlich offenbar verabsäumt, die Personalien und Aussagen der Opfer aufzunehmen. Sie war tags darauf sogar nochmals bei den überfallenen Roma – nicht etwa, um ihre Aussagen aufzunehmen, sondern für eine Razzia. Später waren die Roma unauffindbar.
- Doch nicht nur in der Landeshauptstadt kam es zu Gewaltakten: In der Nacht zum 3. September 2013 griffen rund zwanzig Personen in Bischofshofen eine Gruppe durchreisender Sinti bzw. Roma an, die mit ihren Wohnwägen legal auf dem Schanzenareal campierten. Der Mob hatte sich via Facebook zum Angriff verabredet. Es flogen Steine, es kam zu Drohungen und Beschimpfungen, und an einigen Wohnwägen entstanden Sachschäden. Verletzt wurde dank des Eingreifens der Polizei allerdings niemand. Zwölf Personen aus dem Pongau konnten ausgeforscht werden; sie wurden angezeigt.
(Roman Urbaner/dROMa)
Mai 4th, 2014 at 16:35 (#)
Gratulation zur feinen Zusammenführung der wichtigsten Fakten. Aktuell gibt es jedoch noch zwei wichtige Ergänzungen. Das betrifft einmal die jüngsten Initiativen einer Facebook-Seite sowie einer Unterschriftenaktion mit dem sinnigen Titel: “Für die Zerschlagung der rumänischen und bulgarischen Bettelbanden in Salzburg”. Diese Facebook-Seite hat sich als Forum für übelste rassistische bis neonazistische Hetze gegen bettelnde Roma entpuppt.
Zweitens gibt es eine breite Gegenbewegung, die diesen antiziganistischen Tendenzen Paroli zu bieten sucht, wie ich denke, mittlerweile recht erfolgreich Einfluss auf die öffentliche und veröffentlichte Meinung auszuüben vermag: Eine Plattform dafür bietet die jüngst entstandene Facebook-Seite: Nein zur Hetze gegen BettlerInnen in Salzburg (siehe: https://www.facebook.com/groups/1444079702498531/ ). Hier wäre auch der für Mitte Mai angesetzte Bettelkongress zu nennen, and dem namhafte ExpertInnen aus dem deutschsprachigen Raum teilnehmen und zu dem mehr als 300 TeilnehmerInnen angemeldet sind – noch gibt es also (zumindest ein wenig) Hoffnung!
mit den besten Grüßen, Heinz Schoibl