Kinderbuchdebatte in der Türkei
März 5th, 2014 | Published in Jugend & Bildung, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte
Türkische Regierung streicht Kinderbuch aus Empfehlungsliste
Wie umgehen mit Kinderbuch-Klassikern, die rassistische Vorurteile und Bezeichnungen verbreiten, als wäre die Zeit seit Jahrzehnten einfach stehen geblieben? Bücher, die zwar in der Mehrheitsbevölkerung lange Zeit keinerlei Anstoß erregten, die aber von der gesellschaftlichen Entwicklung, von der Sensibilisierung für Minderheiten, vom veränderten Sprachgebrauch längst überholt wurden? Rigide Werktreue oder pragmatische Anpassung an die Gegenwart?
Nun sind natürlich auch Kinderbücher literarische Dokumente, die das – eben manchmal antiquierte – Empfinden und die Klischees ihrer Entstehungszeit widerspiegeln. Würden sie ausschließlich als literarische Werke rezipiert, gäbe es keinen Grund, veraltete Wörter oder inhaltlich beanstandenswerte Passagen zu überarbeiten. Kinderbücher sind aber im Gegensatz dazu immer zugleich auch pädagogische Funktionstexte: Texte für Kinder, die Wertvorstellungen, Wissen und Sprachvermögen vermitteln sollen. Und als solche sind sie an den Maßstäben der Gegenwart zu messen – auch wenn dies punktuell vielleicht ab und zu Abstriche am Prinzip absoluter Werktreue erforderlich macht.
Die Debatte, die sich hierzulande zuletzt an Astrid Lindgens „Pippi Langstrumpf“ und Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ entzündet hat, gibt es in ähnlicher Form natürlich auch anderswo. Jetzt hat sie auch die Türkei erreicht: Der Kinderroman „Yonca Kız“ („Das Süßklee-Mädchen“) von Kemal Bilbaşar (1910 – 1983), seit seinem Erscheinen 1971 mehrfach neu aufgelegt, wird jetzt vom türkischen Bildungsministerium aus der offiziellen Empfehlungsliste für Kinderliteratur gestrichen. Damit reagiert das Ministerium auf Proteste im Zusammenhang mit einem Lesewettbewerb an einer Grundschule. Über die Streichung des Buches aus der Liste der 100 zu empfehlenden Kinderbücher berichtet Deutschlandradio: „Als Grund heißt es, es trage rassistische Züge und vertiefe Vorurteile gegen Sinti und Roma. Die Geschichte handelt von einen Mädchen, das von „Zigeuner-Hassan“ entführt und misshandelt wird.“ Der Verlag hat bereits die Überarbeitung des Buches zugesagt; alle diskriminierenden und beleidigenden Äußerungen sollen aus dem Buch entfernt werden.
(R.U./dROMa)