Berlinale-Star vor Abschiebung

Januar 26th, 2014  |  Published in Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte

Presiträger der Berlinale 2013 (Foto: Berlinale)Vor einem Jahr war er der gefeierte Star der Berlinale; das Fes­ti­val zeich­nete Nazif Mujić als bes­ten Darstel­ler mit dem Sil­ber­nen Bären aus. Heute droht dem bos­ni­schen Rom und sei­ner Fami­lie die Ab­schie­bung aus Deutsch­land.

Gegenüber der Presse erklärte Mujić, er sei bereit, seinen Silbernen Bären zurück­zu­geben, wenn er dafür in Deutsch­land blei­ben und arbei­ten dürfe. Die Festival­leitung will den Schauspieler unterstützen und die Abschiebung doch noch abwen­den. „Sein Schick­sal ist uns wich­tig, und im Rahmen unse­rer Mög­lich­kei­ten wol­len wir ihn natür­lich unter­stützen“, erklärte die Spre­cherin der Berlinale. Das Festi­val-Team habe erst vor eini­gen Tagen von Mujićs Schick­sal erfah­ren: „Wir haben ihn sofort ge­trof­fen und mit ihm gespro­chen und ihm ver­sichert, dass wir seine recht­li­chen Mög­lich­keiten prü­fen werden.“ Als Erstes habe man ihm einen Anwalt besogt.

Mujić spielt in Danis Tanovićs doku­men­ta­ri­schem Spielfilm „Eine Episode aus dem Leben eines Metallsammlers“ (in Berlin aus­gezeich­net mit dem „Großen Preis der Jury“) sich selbst. Der Film schildert das Leben und die Nöte seiner Familie, die er in Bosnien-Herzegowina mit dem Sam­meln von Alt­metallen über Was­ser hält.

Vor rund zwei Monaten ist Mujić nach Deutschland zu­rück­ge­kehrt und lebt derzeit in einem Flüchtlingslager am Stadt­rand von Berlin. Schon nach vier Wochen wurde sein Asylantrag als „offen­sicht­lich unbe­grün­det“ abge­lehnt: Eine humanitäre Notsituation sei nicht ge­geben und die Armut seiner Familie stelle keinen Asylgrund dar. „Die indivi­duelle wie syste­ma­ti­sche Dis­krimi­nierung und Gewalt gegen Roma auf dem gesam­ten Balkan fällt bei den deut­schen Behör­den nicht ins Gewicht“, kom­mentiert der Tagesspiegel die deut­sche Asyl­praxis. Das Berliner Blatt berichtete aus­führ­lich über dieses tra­gi­sche Berli­nale-Nach­spiel und Mujićs ent­täusch­te Hoff­nun­gen:

Die Hauptrolle in einem Film, die Auszeichnung mit dem Silbernen Bären, beides ist für ihn die Verheißung auf ein bes­seres Leben. Mujić teilt das Schick­sal von ande­ren Men­schen, die plötz­lich für kurze Zeit berühmt waren und an­schlie­ßend in ihr altes Leben zurück­kehren, mit großen Erwar­tun­gen. Sie war­ten oft lan­ge darauf, dass mit dem Ruhm auch der Wohlstand kommt. Und oft werden sie ent­täuscht. (…) Als Mujić von der Berli­nale zurück­kehrt in sein bau­fälliges, zugi­ges Haus, wartet er also, hoff­nungs­voll. Auf Filmrollen, auf Arbeit, auf einen Geld­regen. Er wartet monate­lang. Es kommen ein paar Job­ange­bote, aber keines hat das Potential, sein Leben zu ändern. Irgend­wann im No­vem­ber beschließt er, nicht mehr länger zu warten und die Verheißung ein­zu­for­dern. Und zwar dort, wo er sie am lau­tes­ten ver­nom­men hatte. In Berlin. (…)

„Wenn es den Film und alles, was danach kam, nicht gäbe, dann hätte ich nie etwas ande­res gese­hen und nie die Hoffnung auf ein bes­seres Leben gehabt“, erklärt Mujić. Dann wäre er jetzt in seinem Dorf, würde Eisen sam­meln und frie­ren, wie immer. Aber das kann er jetzt nicht mehr, denn die ande­ren Schrottsammler glauben, er ist ein Star, er ist reich, er soll ihnen den kar­gen Lohn nicht weg­neh­men. (…)

Eine Weile arbei­tete Nazif Mujić in der Nach­bar­stadt als Müllmann. (…) Später erzählt er auch noch, dass die Men­schen, deren Müll er einsammelte, ihn hänsel­ten. Der große Schauspieler, ein Müll­mann, das fanden sie zum Lachen! (…) „Sie haben mich wie einen Tanzbären an der Leine herum­ge­führt.“ Seine Nach­barn und die Ver­wandten denken immer noch, er sei reich. (…) Natür­lich haben sie zusam­men mehr als 3000 Euro bekom­men für die Arbeit im Film, für die Festival­besuche, viel Geld war das. Doch es war auch schnell wie­der weg. Für das baufäl­lige Haus, die Verwandten, die Kinder, das Kran­ken­haus, die Tabletten.

Auch die „taz“ hat mit Mujić gesprochen. Im Folgenden eini­ge Aus­züge:

„Ich bin 42 Jahre alt, glaub mir, es ist mir nicht leicht gefallen, mein Land zu verlassen. Aber in Bosnien habe ich nicht einmal genug Geld für ein biss­chen Mehl.“ Er will seine Familie ernäh­ren, die Frau Senada und die drei Kinder, die sieben­jährige Sandra, die sechs­jährige Schemsa und den klei­nen Danis. Der Andert­halb­jährige trägt den Namen des Mannes, der Nazif zu seinem Erfolg ver­holfen hat und den er in aller Öffent­lich­keit seinen bes­ten Freund nannte. Ein Jahr später sieht das alles ganz anders aus. Nazif fühlt sich als Opfer einer Ver­schwö­rung. Danis Tanovic habe ihn bestoh­len, sagt er, Ta­novic und die Regie­rung von Bosnien und Herzegowina. Wie ge­nau sie ihn betro­gen haben sollen? Er kann es nicht sagen. Immer­hin, für den Dreh haben er und seine Frau eine kleine Gage erhal­ten, sagt Nazif. 50 Euro pro Dreh­tag, macht zusam­men 500 pro Person. Danis Tanovic sagt der taz, der Film sei eine Mikro-Bud­get-Pro­duk­tion gewe­sen mit einem Etat von 17.000 Euro. Die Produ­zentin habe einen Kredit auf­neh­men müssen, den sie noch abzahlt. Einige aus der Crew hätten ganz auf Gagen ver­zichtet, so auch er selbst. Tano­vic beteuert: Er habe Nazif immer mit Liebe und Respekt behan­delt und wünsch­te, er könne mehr helfen.

Ein Preisgeld für die Bären gibt es nicht (…). Nazif Mujic ist nichts geblieben. (…). Heute lassen ihn die anderen Metall­sammler nicht mehr mit­arbei­ten. Wozu auch?, fragen sie. Er hat doch als bester Schau­spieler ein Ver­mögen gemacht. Das Gerede schmerzt ihn – und ent­zieht ihm seine Lebens­grund­lage. Der Bär ist für ihn zum Problem ge­wor­den. Nazif Mujic ist prominent. Die Ärzte und Kranken­schwes­tern erken­nen ihn wieder, auch sie denken, er sei reich, erzählt Nazif. „(…) Sie haben jetzt viel Geld und kön­nen zah­len, was wir haben wollen.“ So reden sie. Mujic bekommt Angst. Was passiert, wenn eines sei­ner Kinder krank wird, aber nicht behan­delt werden kann, weil er kein Geld hat? (…) Der Traum ist geplatzt. Die Leute, die ihn ge­feiert haben, ächten ihn jetzt, mobben seine Kin­der und schließen ihn von seinem Brot­erwerb aus. Nazif Mujic sieht keine Zu­kunft mehr in sei­nem alten Leben.“

Und auch die Süddeutsche Zeitung hat den Fall aufgegriffen:

In seinem Dorf in Bosnien (…) gehen alle davon aus, dass er nun reich ist. Als sie sehen, dass er wieder Schrott sammelt, die Straße reinigt, versucht, sich mit den dreckigsten, schwersten Arbeiten über Wasser zu halten, lachen sie ihn aus. Fotografieren ihn, stellen Videos auf Youtube. „Seht her, da ist er, der beste Schauspieler des Jahres!“ (…) Er sagt, er erhebt keine Vorwürfe gegen Danis Tanović, und dann blickt er direkt in die Kamera: „Ich möchte nur, dass er weiß, dass es mir noch viel schlechter geht als vor dem Film.“ (…)

Der Programm-Manager der Berlinale unter­stützt die Initia­tive Pro-Asyl. Und er weiß, wie sehr Roma in Bosnien unter Aus­gren­zung und Armut leiden. Doch die Ber­linale könne nicht ein­fach, wie es einige for­dern, einen Haus­meis­ter-Job für Mujić schaffen. Die Berlinale beschäf­tigt keine Haus­meis­ter, sie ist eine Kultur­veranstal­tung, mit öffent­li­chem Geld finan­ziert. Sie kann sich nicht über einen abge­lehn­ten Asylantrag hinweg­setzen. (…) Der Programm­direktor ärgert sich, dass alle auf die Ber­linale zei­gen, dass er sich fragen las­sen muss, ob man nicht hätte wis­sen müs­sen, wie diese Ge­schich­te aus­geht. (…)

(R.U./dROMa)

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