Roma-Theater im Gemeindebau
April 15th, 2009 | Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Interview, Veranstaltungen & Ausstellungen | 3 Comments
Die Theater- und Filmemacherin Tina Leisch und Roma-Schauspielerin Sandra Selimović gehen an Orte, die viele nicht mit Theater in Verbindung bringen würden. Doch gerade da fängt für die Aktivistinnen politisch engagiertes Theater erst an.
In einem Interview mit dem Wiener Stadtmagazin wieninternational.at sprachen sie mit der Redakteurin Sandra Schäfer über die Probleme einer einseitigen Geschichtsschreibung, vorhandene Klischees und warum die Volksgruppe der Roma im Theater mit Puppen spielt.
Ihr zweisprachiges Roma-Theaterstück „Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon – Čin či baj taj naš“ hat am 14. Mai im Wiener Hermann-Fischer-Hof Premiere: Auf der Suche nach der Geschichte der Roma in Österreich zieht eine Wandertheatertruppe durch die Jahrhunderte. Auf der Bühne präsentieren sie die märchenhaftesten Versionen ihrer Erlebnisse, doch nach dem Applaus im Wirtshaussaal schlägt die Wirklichkeit zu. Unter Leitung von Nestroypreisträgerin Tina Leisch haben die DarstellerInnen, – unter ihnen Stars des Romatheaters wie Sandra Selimović und Radiša Barbul – eine bösartige und groteske Revue erarbeitet. Die Musik stammt von der charismatischen Balkan-Jazz-Sängerin Matilda Leko.
Im Folgenden bringen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Auszüge aus dem ursprünglich zweiteiligen Interview.
(…) wieninternational: In ihrem neuen Stück „Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon“ widmen Sie sich der größten Randgruppe Europas, den Roma. Eine Volksgruppe, die mit einer Unzahl an Klischees behaftet zu sein scheint – vom verarmten über den bettelnden bis hin zum musizierenden Rom? War es ihre Intention, die Klischees der Roma-Kultur aufzuzeigen, oder ging es ihnen vielmehr darum, nur Unterdrückungsmechanismen sichtbar zu machen?
Tina Leisch: Wir haben bereits 2006 ein Romatheaterstück gemacht, wo Roma und Nicht-Roma zusammen gearbeitet haben (Anm.: „Liebesforschung“, dieTheater Künstlerhaus, November 2006). Das Interessante daran war, dass die Roma vielmehr über ihre inneren Konflikte sprechen wollten, während die Nicht-Roma eher den Punkt der Diskriminierung herausarbeiten wollten. Letztendlich haben wir eine gute, recht wilde Mischung hinbekommen.
Sandra Selimović: Es ist schon so, dass die Roma selbst auch auf solche Klischees wie ihre Liebe zur Musik bestehen. Es gibt ein Sprichwort bei uns Roma: „Bevor du gehen lernst, lernst du tanzen!“ Auf der anderen Seite wird natürlich nicht jeder Rom mit einer Geige geboren. Aber Feste feiern ist schon etwas sehr Wichtiges bei uns. Was aber sicher ein großes Problem ist, ist, wie sehr ich mich integriere. Meine Eltern sind ein Paradebeispiel. Auf der einen Seite sind sie hergezogen, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen, auf der anderen Seite ist da natürlich auch die Angst, die Tradition zu verlieren. Unsere Generation wurde in dieser Hinsicht sehr schizophren erzogen. Einerseits wird verlangt, dass du Karriere machst, aber gleichzeitig auch noch mit 16 heiratest und vier Kinder kriegst.
Tina Leisch: Was interessant zu beobachten ist, ist, dass Roma immer „die Anderen“ sind. Was die Leute dabei oft vergessen, ist, dass die Roma in Österreich bereits seit 600 Jahren ansässig sind. Ein Problem ist die Geschichtsschreibung. Roma tauchen immer nur im Zusammenhang mit Pogromen, Zwangsverordnungen, Schubhaftgesetzen usw. auf. Ob das jetzt Verhörprotokolle aus dem 16. Jahrhundert sind oder Untersuchungen von NS-Rassenforschern. Diesen Dokumenten mit einem Ensemble von Roma Leben einzuhauchen ist Arbeit unseres Theaterstücks.
wieninternational: Welche Rolle spielen die Marionetten und Puppen dabei?
Tina Leisch: Wir haben bei unseren Recherchen herausgefunden, dass es im 18. und 19. Jahrhundert im K.u.k.-Raum viele Roma-Theatergruppen gab, die als Puppenspieler durch die Gegend gezogen sind. Es macht also Sinn, ein Stück zu machen, wo Roma wieder mit Puppentheater auf Tournee gehen. Zudem finde ich diesen Kontrast zwischen dem Puppenspiel und der dokumentarischen Ebene sehr spannend. Wir versuchen mit diesen schrecklichen Dingen spielerisch umzugehen.
wieninternational: Wer ist ihre Zielgruppe: Roma und Nicht-Roma gleichermaßen?
Sandra Selimović: Es freut mich, wenn Nicht-Roma kommen. Ich erwarte allerdings in erster Linie sehr viele von unseren Leuten.
Tina Leisch: Das Stück wird im Gemeindebau Premiere haben. Auch weil wir wollen, dass sich die Leute im Gemeindebau – wo 30 bis 40 Prozent FPÖ wählen – einmal anhand eines lustigen, amüsanten und humoristischen Kasperltheaters damit auseinandersetzen, wie die Roma seit Jahrhunderten behandelt werden. Auch heute noch herrscht dieser Volksgruppe gegenüber mangelnder Respekt. Viele der Roma, die heute hier leben, sind im Übrigen gar nicht als Roma vermerkt. Sie kamen als Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien. Viele der früher hier ansässigen Roma wurden von den Nationalsozialisten vertrieben, zwangssterilisiert oder ermordet. Wir erarbeiten parallel zum Stück also auch so etwas wie eine Geschichte der österreichischen Roma. (…)
wieninternational: Können Sie uns zum Schluss noch erklären, was der Titel „Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon” bedeutet?
Sandra Selimović: Der Titel ist ein uraltes Roma-Sprichwort, das meine Mutter bei jeder Gelegenheit verwendet. Das Sprichwort beschreibt unakzeptable Situationen, denen man ausgesetzt ist, wo man sich am liebsten den Ärmel abschneiden und davonlaufen möchte. Ähnlich wie bei Tieren, die einen Teil ihres Schwanzes abwerfen und weglaufen, weil die Situation gerade nicht ideal ist.
Zu den Personen:
Tina Leisch arbeitet als Film-, Text- und Theaterarbeiterin. Im Jahr 2002 erhielt sie für George Taboris „Mein Kampf”, das sie im Männerwohnheim Meldemannstraße – wo auch Adolf Hitler einst wohnte – inszenierte, den Nestroytheaterpreis. Es folgten Arbeiten wie „Irrgelichter im Spiegelgrund” im Sozialmedizinischen Zentrum Baumgartner Höhe – ein Stück über die heutigen Probleme im Zusammenhang mit der Genetik -, „Stecken, Stab und Stangl” von Elfriede Jelinek im ehemaligen jüdischen Theater Nestroyhof oder „Date your Destiny” mit den männlichen Insassen der Justizanstalt Gerasdorf sowie „Medea bloß zum Trotz” mit den Insassinnen der Justizanstalt Schwarzau. Derzeit ist zudem ihr Film „Gangster Girls” im Kino zu sehen.
Sandra Selimović arbeitet als freie Schauspielerin. Als Romni setzt sie sich sowohl für die Gleichberechtigung der Frauen in der Roma-Community ein als auch gegen antiziganistische Diskriminierung. Sie war u.a. als Co-Regisseurin für Tina Leisch bei den Stücken „Medea bloß zum Trotz” und „Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon” tätig.
Termine und Reservierung:
Schneid dir den Ärmel ab und lauf davon!
Čin či baj taj naš! Tschin dschi baj taj nasch!
Odseci rukav i bezi!
15., 16., 17., 20., 21., 22., 23., 28., 29., 30. und 31. Mai 2009 (Beginn: 20.00 Uhr)
Theatersaal im Hermann-Fischer-Hof
Ybbsstraße 15-21, 1020 Wien
Kartenreservierung unter: Tel. 0699 / 108 149 15 bzw. laufdavon@gmx.at
Eintritt: € 15,– / € 12
Mai 9th, 2009 at 14:44 (#)
[...] Stück „Schneid deinen Ärmel ab und lauf davon/Čin či baj taj naš!“ (siehe auch diesen dROMa-Beitrag) ist eine Geschichtsstunde vom Geleitbrief König Sigismunds 1423 bis zur NS-Rasseforscherin Eva [...]
Mai 16th, 2009 at 13:19 (#)
[...] Premiere des Stücks „Schneid deinen Ärmel ab und lauf davon/Čin či baj taj naš!“ (siehe hier) von Tina Leisch im Wiener Hermann-Fischer-Hof besucht und erste Publikumsreaktionen [...]
Juli 4th, 2009 at 15:38 (#)
[...] Selimović (dROMa-Blog) gehört zur jungen Power-Generation der Roma-Volksgruppe und steht dazu: „Im Alltag merke ich [...]