BettelLobby: Interviews mit Betroffenen
Dezember 30th, 2010 | Published in Interview, Rassismus & Menschenrechte
Als Ergänzung zu ihrer Aussendung hat die BettelLobbyWien einige Kurzinterviews mit bettelnden Menschen aus Rumänien, der Slowakei und Bulgarien veröffentlicht – mit Betroffenen, die in der öffentlichen Debatte über angebliche Bettlerbanden und kriminelle Strukturen so gut wie nie zu Wort kommen:
Interview 1
Der 73-jährige Nikolai L. sitzt auf dem Gehsteig. Sein linkes Bein ist amputiert, das Gesicht von Falten zerfurcht. In seinem Mund sieht man kaum Zähne. Nikolai L. ist ein Rom aus Pitesti. Die ehemals florierende Industriemetropole in Südrumänien ist Sitz der Dacia-Werke, die 1999 gänzlich an Renault verkauft wurden und Anfang 2009 von drastischen Personalkürzungen und Streiks betroffen waren. Dieses Interview wurde im Sommer 2010 geführt:
Können Sie mir erzählen, seit wann Sie sich in Wien aufhalten?
Seit zehn Jahren.
Sind Sie alleine in Wien?
Nein, ich lebe gemeinsam mit meiner 42-jährigen Tochter, ihrem Ehemann und ihren vier erwachsenen Söhnen hier.
Wo wohnen Sie?
Mit meiner Familie teile ich ein vier mal vier Meter großes Zimmer mit Küche, Bad und WC.
Wieviel Miete müssen Sie dafür zahlen?
Im Monat an die 500 Euro.
Wem gehört die Wohnung?
Die Vermieterin ist Österreicherin.
Wieviel verdienen Sie am Tag als Bettler?
Zwischen zehn und zwanzig Euro.
Wie kann ihre Familie überleben?
Meine Tochter arbeitet in der Umgebung von Wien als Erntehelferin, ihre Söhne auf der Baustelle.
Das alles ist natürlich Schwarzarbeit. Die Söhne haben seit drei Monaten keinen Lohn gesehen.
Fahren Sie hin und wieder nach Rumänien?
Ich selbst war die letzten zehn Jahre nicht mehr in Rumänien, aber meine Familie fährt sieben bis acht Mal im Jahr hin. Wir haben dort eine Bretterbude.
Haben Sie schon Erfahrungen mit der Wiener Polizei machen müssen?
Ja, es ist schon öfter vorgekommen, dass man mich im Polizeiauto mitgenommen und ein paar Straßen weiter wieder ausgesetzt hat.
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Interview 2
Andrej O. bettelt vor einem Bankgebäude in der Nähe einer stark frequentierten U-Bahnstation in Wien. Vor zwanzig Jahren musste er aufgrund seiner Epilepsieerkrankung in Frühpension gehen. Davor hat er in einer Schlachterei in seiner Heimatstadt Rimavska Sobota, Slowakei, gearbeitet. Wir trafen ihn am Freitag in der so genannten 2. Gruft im Haus St. Josef (Caritas Wien), die seit kurzem für EU-Bürger einfache Notschlafmöglichkeiten anbietet.
Seit wann kommen Sie nach Wien?
Schon lange, seit fast zwanzig Jahren. Da meine Rente nur 200 Euro beträgt und meine Frau, mein Sohn und ich davon nicht leben können, fahre ich nach Wien zum Betteln. Meine Rente reicht nicht einmal für Miete, Strom und Heizkosten.
Sind Sie alleine hier?
Ich bin mit meinem Sohn da. Weil er aber schon oft von der Polizei bestraft wurde, bettelt er nur selten. Mein Sohn ist 24 Jahre alt, er kann in der Slowakei keine Arbeit finden. Erst ab dem Alter von 25 Jahren hat man in der Slowakei Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Das sind aber nur 60 Euro im Monat.
Hatten Sie auch schon Probleme mit der Polizei?
Ich werde oft vertrieben. Ich erkläre der Polizei aber immer, dass ich an Epilepsie leide, deswegen lassen sie mich meist in Ruhe.
Wo übernachten Sie, wenn Sie in Wien sind?
Im Sommer meist in Parks, im Herbst auf Pappkartons in einer U-Bahnpassage. Seit am Montag diese Notschlafstelle geöffnet wurde, schlafen wir hier. Auch zum Mittagessen kommen wir hierher. Hier bekommt man für 50 Cent ein Mittagessen.
Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?
Etwa 10 bis 20 Euro pro Tag, jetzt vor Weihnachten ein bisschen mehr, manchmal sogar 40 Euro. Ich sitze fast immer am selben Platz. Es gibt viele nette Leute, die täglich vorbeikommen. Sie kennen mich schon.
Wie lange bleiben Sie hier?
Ich fahre meist für mehrere Wochen her. Es hängt aber immer davon ab, wieviel Geld wir verdienen. Manchmal bleiben wir länger, dann wieder weniger lang. Am 23.12. fahren wir zurück, um Weihnachten mit meiner Frau zu verbringen.
Es gibt in den Medien immer wieder Berichte von der so genannten „Bettlermafia“. Haben Sie auch
schon davon gehört, dass Menschen ihr erbetteltes Geld abführen müssen?
Mich hat noch niemand kontaktiert. Es ist auch noch nicht vorgekommen, dass jemand meinen Platz haben wollte. Es sind viele Leute aus der Slowakei hier, wir kennen einige, sie betteln aber für sich selbst. Das Problem ist die Arbeitslosigkeit bei uns.
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Interview 3
Desislava P. ist aufgrund einer Polioerkrankung seit ihrer Kindheit körperbehindert. Sie kommt aus der bulgarischen Stadt Kjustendil. Wir trafen Sie im Herbst dieses Jahres am Praterstern.
Seit wann und warum kommen Sie zum Betteln nach Österreich?
Ich mache das schon seit einigen Jahren. In Bulgarien bekomme ich nur 50 Euro Behindertenrente, das reicht nicht zum Leben. Meine Geschwister und Eltern sind arbeitslos und können mich auch nicht unterstützen. Ich war auch schon in Deutschland zum Betteln.
Sind Sie alleine hier?
Ich bin mit meinem Mann da. Er ist ebenfalls körperbehindert. Wir betteln gemeinsam. Auch der Bruder meines Mannes ist hier.
Bettelt der Bruder Ihres Mannes auch?
Nein, er ist gesund. Er fährt das Auto und hilft uns. Er bringt meinen Mann, der nicht gehen kann, zum Betteln.
Wo wohnen Sie?
Wir wohnen in einem Zimmer. Es ist sehr klein und feucht, weil es im Keller ist. Es ist hier in der Nähe.
Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?
Es kommt darauf an. Manchmal 10 Euro, manchmal sogar 50. Ich habe Angst vor der Polizei, wenn Polizei kommt, gehe ich meist da nach hinten. Früher hab ich auf der Mariahilferstraße gebettelt, aber da wurde mir von der Polizei das Geld weggenommen. Hier ist es besser. Wir fahren aber auch nach Graz, da gibt es keine Probleme mit der Polizei. Aber dort sind so viele Bettler, dass wir nicht viel verdienen.
Wie ist Ihre Situation in Bulgarien?
Meine Familie wohnt in einer kleinen Hütte. Wir haben kein Geld. In Bulgarien zu betteln ist sehr schwierig, man verdient nichts und wird beschimpft. Deswegen komme ich hierher. Es gibt auch kaum Arbeit und alles ist sehr teuer geworden. Mit dem Betteln kann ich auch meine Verwandten unterstützen.
(Namen von der BettelLobbyWien geändert.)