Belgrad: 50 Romafamilien nach Abriss obdachlos

April 10th, 2009  |  Published in Rassismus & Menschenrechte  |  5 Comments

Unweit einer gerade fertiggestellten Belgrader Wohnsiedlung, in der im Juli 2009 etwa 13.000 Teilnehmer der Universiade untergebracht werden sollen, leben ein paar Dutzend Roma schon seit einer Woche unter freiem Himmel, darunter auch Frauen mit Babys. Die Belgrader Behörden hatten vergangenen Freitag ihre aus Pappe und Holz gebastelten Häuser abgerissen, um den künftigen Einwohnern einen unschönen Blick zu ersparen. Die Einwohner der „Karton-City“, wie die Roma-Wohnviertel in Serbien bezeichnet werden, erzählten nachher, dass sie von den Behörden die Aufforderung zum Umzug nur wenige Stunden vor dem Abriss der Siedlung erhalten hätten. Nach der Aufsehen erregenden Aktion entschlossen sich die Stadtbehörden, mitten in der Nacht eine Container-Siedlung in einem Vorort aufzustellen. Doch dortige Einwohner leisteten Widerstand und drohten, die Container samt Einwohnern in Brand zu setzen.

Die obdachlosen Roma-Familien lehnten andererseits mehrheitlich das darauffolgende Angebot der Behörden ab, Frauen und Kinder vorübergehend in einem Kinderheim unterzubringen. Die Einwohner von Boljevci, die am Wochenende die Aufstellung der Container-Siedlung in diesem Belgrader Vorort verhinderten, erklärten sich unterdessen bereit, eine bestimmte Zahl der Roma-Familien aufzunehmen, sofern die notwendige Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgung und Kanalisation gesichert sind. Der serbische Ombudsmann Saša Janković zeigte gewisses Verständnis für die Sorgen der Boljevci-Einwohner. Schließlich hätten es die Stadtbehörden unterlassen, die in der Hauptstadt lebenden Roma aufzuschreiben und die Pläne für ihren Umzug aus den Slums vorzubereiten.

Bürgermeister Dragan Đilas soll gehen

45 nichtstaatliche Organisationen forderten unterdessen den Belgrader Bürgermeister Dragan Đilas zum Rücktritt auf. Đilas hatte die Nacht-und-Nebel-Aktion der Behörden nämlich mit der Entschlossenheit der Stadtverwaltung erläutert, jede Slum-Siedlung, die die Entwicklung der Stadt behindere, zu beseitigen. Den jüngsten Abriss in Neu-Belgrad erläuterte der Bürgermeister mit dem Bau einer Straße, welche die Universiade-Siedlung mit einem naheliegenden Hotel verbinden soll. In den letzten Tagen ist diese tatsächlich schon angelegt worden.

Nur eine Familie in Belgrad angemeldet

Der Bürgermeister erklärte auch, dass sich die Stadt um die Unterkunft nur für jene Roma-Familien bemühen werde, die bei Belgrader Behörden auch angemeldet seien. Von rund 50 Familien, deren Häuser am Freitag abgerissen wurde, ist jedoch nur eine in der Hauptstadt angemeldet. Eine ähnliche Situation dürfte auch in anderen Slums in der Stadt herrschen. Ihre Zahl in Belgrad wird zwischen 50 bis 150 geschätzt. Auch über die Einwohnerzahl gibt es keine Angaben.

Verzerrte Zahlen

Eine vor drei Jahren angefertigte Studie legte an den Tag, dass von 36.000 damals in Belgrad lebenden Roma rund 13 Prozent gar keinen Personalausweis oder sonstiges persönliches Dokument besaßen. Eigentlich weiß zur Zeit niemand, wie viele Roma in Serbien leben. Bei der letzten Volkszählung hatten sich 2002 landesweit rund 108.000 Personen als Roma erklärt. Ihre wahre Zahl dürfte nach Meinung von Experten vier- bis achtmal so hoch sein. Auch über die Zahl der Roma, die 1999 aus dem Kosovo geflüchtet waren, gibt es nur Dunkelziffern. Viele von ihnen sind inzwischen Einwohner Belgrads geworden.

Staatliche Feier zum Internationalen Romatag

Das serbische Menschenrechtsministerium beging den Internationalen Romatag mit einer Reihe von Kundgebungen. Die Regierung soll auch eine nationale Strategie zur Besserung der Stellung der Roma annehmen. Fehlende Unterkunft und Gesundheitsschutz sowie Personaldokumente und passende Arbeit sind nach Angaben der Behörden die wichtigsten Probleme, mit welchen sich die Roma in Serbien auseinandersetzen.

Die Roma-Familien, deren Häuser abgerissen wurden, kündigten indessen neue Proteste im Stadtzentrum Belgrads an.

(volksgruppen.orf.at)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Wirbel um Šaban-Bajramović-Boulevard :: says:

    Mai 15th, 2009 at 19:29 (#)

    [...] Auf dw-world.de berichten Ivica Petrović und Mirjana Dikić für die Deutsche Welle von rassistisch motivierten Protesten gegen eine Ehrung des kürzlich verstorbenen Roma-Sängers Šaban Bajramović (hier der in dROMa 18/08 erschienene Nachruf). In seiner südserbischen Heimatstadt Niš trägt neuerdings auf Beschluss des Stadtrates eine Straße den Namen der international gefeierten Musikerlegende. Doch die Anwohner reagieren erzürnt auf die Umbenennung des bisherigen Süd-Boulevards in Šaban-Bajramović-Boulevard – und es ist nicht das erste Mal, dass Serbien in letzter Zeit wegen Roma-feindlicher Vorfälle in die Schlagzeilen gerät (vgl. etwa unsere Meldungen hier und hier): [...]

  2. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Schöne Blicke auf Belgrad :: says:

    Juni 26th, 2009 at 13:18 (#)

    [...] mehrerer Dutzend Familien abgerissen hatten, um die Verbindungsstraße anzulegen (siehe: dROMa-Blog). Unter Druck der Öffentlichkeit wurde auf den Abriss der gesamten Siedlung daraufhin [...]

  3. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen „Belleville“: Video über Romasiedlung in Belgrad :: says:

    Juli 18th, 2009 at 17:59 (#)

    [...] zeigen, dokumentiert den Abriss eines Teiles einer Roma-Siedlung durch die Behörden in Belgrad (dROMA-Blog) und die folgenden Proteste vor dem Rathaus. Belvil ist der Name eines Wohnkomplexes in [...]

  4. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Serbien: Warnung vor neuen Zwangsräumungen :: says:

    April 25th, 2010 at 12:19 (#)

    [...] einer informellen Siedlung in einem als Belvil bekannten Viertel Belgrads leben (mehr hier, hier, hier, hier). Mindestens 300 Haushalte sollen einer neuen Straße weichen. Den Familien könnte durch die [...]

  5. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Hintergrund: Zwangsräumungen in Serbien :: says:

    Oktober 22nd, 2010 at 20:53 (#)

    [...] der Zwangsräumung und vom Abriss von Roma-Siedlungen in Belgrad berichtet (mehr hier, hier, hier, hier oder hier). Aus aktuellem Anlass bringen wir Ihnen einige (allgemeine, politische und rechtliche) [...]