Archive for Januar 19th, 2014

„Antiziganismus prägt Zuwanderungsdebatte“

Januar 19th, 2014  |  Published in Interview, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte


Deutschland diskutiert heftig über das Thema EU-Migration aus Südost­europa. Schlagwörter wie „Armutszuwanderung“ und „Sozialtourismus“ do­mi­nieren die Debatte, teils offen, teils unter­schwellig durchziehen roma­feindliche Ressentiments die mediale und politische Auseinan­dersetzung. Andrea Grunau hat für die Deu­tsche Welle mit dem Anti­zi­ganis­mus-Forscher Markus End, der derzeit an einem Medien­gutachten für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma arbeitet, über die rassistischen Impli­kationen gesprochen. Auch in der aktuel­len Medien­bericht­erstat­tung finde man, so End, „kaum Beiträge, die vorurteilsfrei und minderheitensensibel sind“. Im Fol­genden bringen wir einige Auszüge aus dem Interview (den voll­stän­digen Text finden Sie hier):

Markus End: Mir stößt übel auf, dass diese Debatte antiziganistisch geführt wird. Seit Mitte 2012 wurde der Begriff „Armutszuwanderer“ in der Öffent­lich­keit gleich­gesetzt mit dem Begriff „Roma“. Dadurch wur­den Roma die Eigen­schaf­ten zugeschrie­ben, die man den sogenann­ten Armuts­zuwan­derern zu­schrieb: Sie wurden pauschal als faul und als Sozialschmarotzer be­zeich­net. Es hieß, sie würden Müll und Lärm produ­zieren oder zur Kriminalität nei­gen. Wer regel­mäßig Medien konsu­mierte, hat gelernt, dass Roma Armutszuwanderer seien. (…)

In den Medien findet man Berichte aus Städten, in die offen­bar viele arme EU-Zu­wanderer kom­men. Oft heißt es, viele da­von seien Roma – was genau ist falsch oder gefähr­lich an diesen Berich­ten?
M. E.: Man muss sich fragen, was der Hin­weis auf Roma soll: Es gibt ein Haus in Duisburg, das beson­ders in der Diskus­sion steht. Es wird abwech­selnd „Roma-Haus“ und „Problem-Haus“ ge­nannt. Das Wort Roma steht in dieser Debatte also ganz un­differen­ziert für Problem. Neben der Kritik an sol­chen Zuschrei­bungen muss man Differen­zierungen ein­fordern. Dass es ame­rika­nische, austra­lische und eben rumä­nische Roma gibt und deutsche Roma. In der Debatte wer­den Roma per se als Fremde dargestellt, obwohl viele seit Genera­tio­nen in Deutschland leben. Auch dass es gebil­dete Roma gibt und unge­bildete, arme und reiche, geht in der Diskus­sion völlig unter, Roma wird hier bei­nahe gleich­bedeu­tend mit Armut, Krimi­na­lität oder Müll ver­wendet. (…)

Welche Haltung zu den Zuwanderern und zu den Ange­hörigen der Minderheit prägt sich da aus?
Ich glaube, dass es gar keine Haltung gegen­über der Zuwan­de­rung ist, sondern dass um­ge­kehrt der Anti­ziganismus mitt­ler­weile die Debatte um Zuwan­de­rung prägt. Es ist also ein Ressentiment gegen­über Men­schen, die als „Zigeuner“ und damit pauschal als fremd, bedroh­lich oder unan­genehm wahr­genom­men werden. Auch wenn das Wort „Zigeuner“ selbst öffent­lich kaum noch ver­wen­det wird, die anti­ziganis­tischen Bilder haben die Debatte um die Zuwan­de­rung aus Rumänien und Bulgarien sehr stark geprägt.
(…) Read the rest of this entry »