Ludwig Laher: Ich habe unter euch gewohnt
März 20th, 2010 | Published in Geschichte & Gedenken, Medien & Presse
Ludwig Laher im „Standard“ (Album) v. 20./21.3.2010:
Ein fescher Bub. Über dem dunklen Anzug eine breite Schärpe, schneeweiß wie die Kommunionskleidchen der Mädchen vor ihm. Farbe der Unschuld. In der Rechten eine reich verzierte Kerze, scheint er tatsächlich zum Vernunftsgebrauch gelangt zu sein, wie es das Kirchenrecht als Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Ritual vorsieht. Und seine erste Beichte wird er wohl auch schon abgelegt haben, als er mit den gleichaltrigen Dorfkindern 1938 Aufstellung nimmt und der Fotograf den großen Augenblick festhält.
Ich kenne ihn. Das heißt, ich habe mich mit ihm beschäftigt, persönlich begegnet bin ich ihm nicht. Adolf ist sein Name, sagt eines der Mädchen auf dem Bild gut siebzig Jahre später, nein, Klemens, meint ein männlicher Schulkollege von einst, die beiden Brüder waren schließlich bloß siebzehn Monate auseinander, besuchten nur im Winter die Schule, und überhaupt, es ist ja schon so lange her. Ich selbst kann mir auch gut vorstellen, dass es der Franz oder der Karl ist, wenn das Foto wirklich aus dem Jahr 1938 stammt, wie die noch lebenden Abgebildeten unisono beteuern. Auf jeden Fall heißt, hieß er Rosenfels.
Im ganzen waren es zehn Geschwister, Adolf, Klemens, Erika, Marta, Franz, Karl, Maria, Rudolf, Helga und Ernst, alle noch Kinder, als sie in Lódz gemeinsam starben oder, präziser gesagt, innerhalb weniger Wochen um die Jahreswende 1941/42. Genau wie ihre Eltern, der Marktlieferant und Korbflechter Klemens Rosenfels und seine Frau Emma sowie 4995 weitere Sinti und Roma aus Österreich. Weiterlesen im „Standard“ (Album)
Siehe auch: Die Rosenfels − Eine Familie aus Weng (dROMa-Blog, 8.11.2009)