Nordirland: Roma im Visier (Teil 2)

Juni 22nd, 2026  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte

"Stamp out racism" – Grafitti in einer Straße in Nordbelfast (Foto: Ardfern/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Die jüngsten Angriffe (siehe Teil 1: „Po­grom in Belfast: auch Roma be­trof­fen“) ste­hen in einer lan­gen Tra­di­ti­on ras­sis­ti­scher Gewalt ge­gen Roma in Nord­irland. Sie tra­gen die­selbe Handschrift wie die Aus­schrei­tun­gen 2009, 2014 und 2025.

Anti-Roma-Gewalt 2009: Schlägertrupps in Belfast

Bereits im Juni 2009 wurden rund 110 rumäni­sche Roma, die groß­teils in zwei Straßen im Süden Belfasts lebten, Ziel wieder­holter Ein­schüch­terun­gen und Gewalt. Die An­greifer riefen rassis­­tische Parolen und schleuderten Flaschen, Molotow­cocktails und Ziegel­steine, Fenster wurden ein­geschla­gen und Türen eingetreten. Die Täter waren junge Männer aus einem als „Village“ be­kannten pro­testan­tischen Viertel. Dort fand die Polizei auch meh­rere Rohr­bomben, die für Anschläge auf Roma vor­ge­sehen waren. Auch die Neonazigruppe „C 18“ be­tei­ligte sich an den An­griffen. Nach tage­langen Attacken mussten die Roma ihre Woh­nungen unter Polizei­schutz ver­lassen. Sie fanden Auf­nahme in einer Kirche und einem Sport­zentrum, später wurden Not­unter­künfte bereit­gestellt. Rund 100 Angehörige der 20 bis 30 Großfamilien kehrten in der Folge aus Angst nach Rumänien zurück. Manche reisten nach Mona­ten wieder nach Nordirland. Sie berich­teten von neuer­li­chen Vorfällen.

Anti-Roma-Gewalt 2014: Bomben in Derry

2014 kam es insbesondere in Ost-Belfast und Derry/Lon­don­derry zu weite­ren Angriffen auf Fahr­zeuge und Wohn­häuser ost­euro­päischer Zu­wanderer, darunter zwei Spreng­stoff­anschlä­ge auf Häuser rumäni­scher Roma im Viertel Waterside in Derry/Lon­don­derry. Die Täter brachten am 8. März 2014 um 01:30 Uhr mit Nägeln gefüllte Rohr­bomben zur Explosion. Neun Men­schen, darun­ter ein neun­jähriges Kind, blieben un­verletzt, als die Spreng­körper vor ihren Häusern in der Lapwing Way und im Lincoln Court ex­plo­dierten. Polizei­chef Jon Burrows erklärte: „Die Nägel werden aus einem einzigen Grund dort angebracht, nämlich um schwere Ver­letzungen zu verursachen.“ Zwei Männer wurden vorüber­gehend festg­enommen, aber ohne Anklage wieder entlassen. Die Tat wurde offiziell als rassistisch motiviertes Hass­ver­brechen ein­gestuft. Die Polizei sah sich damals durch die nord­irischen Gewal­ttaten an „ein Stück ethnische Säuberungerinnert und sprach von der Beteili­gung pro­tes­tant­ischer Para­militärs. So sollen die Ulster Volunteer Forces (UVF) für die Orga­nisa­tion einer rassis­tischen Angriffs­serie in Süd- und Ost-Belfast ver­ant­wortlich gewesen sein.

Anti-Roma-Gewalt 2025: Ausschreitungen in Ballymena

Immer wieder berichten Roma von Gewaltakten und Einschüchterung (hier eine Meldung von 2018). Doch auch in jüngster Zeit wurden Roma wieder zur Ziel­­scheibe von Massen­­gewalt. Im Juni 2025 kam es in der Stadt Ballymena (County Antrim) nord­westlich von Belfast zu mehr;tägigen Aus­schreitun­gen. Auch diese Angriffe glichen einem „ko­ordi­nierten Pogrom“: Häuser wurden belagert und in Brand gesetzt, Fenster eingeschlagen und Familien vertrieben. Die Gewalt richtete sich vor­wie­gend gegen rumä­nische und bulgarische Roma-Fa­milien. Laut Zensus­daten lebte 2021 fast die Hälfte der Roma Nordirlands in Bally­mena und Umgebung.

Auslöser der Unruhen war ein versuchter sexueller Übergriff auf ein Schulmädchen. Tatverdächtig waren zwei 14-Jährige aus Rumänien. Sofort richte­ten sich die Angriffe gegen die lokale Roma-Ge­mein­schaft von Ballymena. Danach wei­teten sich sich die Unruhen auf an­dere Städte aus, darun­ter Belfast, Portadown, Coleraine und Derry City uns Strabane. In Larne wurde ein Freizeitzentrum an­gezündet, das als Not­unter­kunft für Eva­kuierte genutzt wurde. Die Lage eskal­ierte so sehr, dass sogar zusätz­liche Polizei­ein­heiten aus Schottland ange­for­dert werden muss­ten. 107 Polizei­beamte wurden wäh­rend der Aus­schre­itungen verletzt, min­destens 100 Per­sonen in der Folge fest­ge­nommen, gegen 91 (Stand November 2025) wurde Anklage erhoben.

Bilanz von Ballymena: ethnische Vertreibung

Die Mobilisierung über Soziale Medien spielte auch 2025 eine zentrale Rolle. Online wurde dazu auf­ge­rufen, Häuser, in denen Roma leben, mit einem X zu mar­kieren. Aus Angst brach­ten Nachbarn Natio­nal­fahnen oder Schilder an ihren Häusern an, um nicht mit Roma ver­wechselt zu werden. Denn die Gewalt zielte auf die Ve­rtrei­bung der Roma ab. Tat­säch­lich verließen rund zwei Drittel der etwa 1.200 in Bally­mena lebenden Roma in der Folge die Stadt. Auch noch Monate später „patrouil­lier­ten kleine Gruppen in den Stadtvierteln, um zu überwachen und ein­zu­schüch­tern. Die Botschaft ist klar: Sie wissen, wo sich die Ausländer auf­halten“, schreibt der Guardian.

Die Vergewaltigungsvorwürfe, die die Gewaltwelle aus­gelöst hatten, wurden später entkräftet. Das Ver­fahren gegen die zwei Teenager wurde im Novem­ber 2025 eingestellt, ebenso die Er­mitt­lungen gegen einen dritten Ver­dächtigen ein­gestellt.

Troubles nach den Troubles: Explosion rassistischer Vorfälle

Die Unruhen von 2025 erinnerten an die voran­gegan­genen rassistischen Tumulte in Belfast und anderen Teilen Nord­irlands im August 2024. Diese richteten sich nicht gegen Roma im Spe­ziellen, zeigen aber bereits das Poten­zial rassis­tischer Mobili­sierun­gen in Nord­irland.

Das Klima der Gewalt, das das Leben der Menschen in Nordirland seit Gene­ratio­nen be­stimmt hat, äußert sich heute vor allem in rassis­tischen Vor­fällen. Die polizei­lichen Statis­tiken zeigen, dass Rassismus in den Jahr­zehnten seit dem Ende des Nord­irland­konflikts („The Troubles“) drastisch zu­genommen hat, ganz beson­ders in letzter Zeit: Allein in den zwölf Monaten bis März 2026 wurden 2.367 rassis­tische Vorfälle („race incidents“) bzw. 1.507 rassisti­sche Straftaten („race crimes“) regist­riert. Es ist dies die Höchst­zahl seit Beginn der statisti­schen Erfas­sung vor über zwei Jahr­zehnten. Zu­gleich waren im selben Zeit­raum nur 71 Vorfälle zu ver­zeich­nen, die den traditio­nellen Nord­irland­konflikt be­treffen. In Summe wurden nach offi­ziellen Zahlen von 1996 bis 2025 mehr als 24.000 rassi­stische Vorfälle in Nordirland erfasst. In der Jahres­zählung stieg die Anzahl vom bis­heri­gen Rekord­jahr 2024 zu 2025 um weitere 27,8 Prozent.

Die „weißeste“ Region: Ausländerhass ohne Ausländer

Und dies, obwohl Nordirland den gerings­ten Anteil nicht-weißer Ein­wohner im gesamten Vereinig­ten Königreich hat. Ein häufig be­obach­tetes, als Kontakt­hypo­these be­kann­tes Phäno­men: Vorurteile und aus­länder­feind­li­che Politik reüs­sieren häufig aus­gerech­net dort, wo es am wenigs­ten Ausländer gibt. Einer aktuellen Studie zufolge gehören, basierend auf inter­natio­naler Migration, gerade einmal 3,4 % der Bevöl­kerung Nordirlands (65.600 Men­schen) nicht zur ethnischen Mehr­heits­bevölke­rung. Im Vergleich dazu liegen die Werte in England und Wales bei 18,3 % und in Schottland bei 12,9 %. Auch in Bally­mena sind 95 % der Einwohner weiß. „Zwar hat sich die kultu­relle Diversität in Nordirland in den letzten zwei Jahr­zehnten erhöht, den­noch bleibt die Region die am wenigs­ten viel­fältige im Vereinig­ten Königreich“, heißt es in der Studie. Laut Zensus von 2021 entfallen nur 1.500 Personen der Wohn­bevölke­rung in Nordirland auf die Minder­heit der Roma, das sind weniger als 0,1 Pro­zent der Einwohner.

(Text: Roman Urbaner / dROMa-Red.)

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