Pogrom in Belfast: auch Roma betroffen
Juni 15th, 2026 | Published in Rassismus & Menschenrechte
Schwere Ausschreitungen in Nordirland sorgten vergangene Woche für internationales Entsetzen. Ein rassistischer Mob zog randalierend durch von Ausländern bewohnte Straßen und steckte Häuser und Autos in Brand. Mindestens 27 Personen wurden obdachlos. Das weltweite Medienecho ist enorm. Kaum Erwähnung findet allerdings, dass – einmal mehr – auch Roma ins Visier der Rechtsextremisten gerieten.
The PSNI called for calm across NI last night as serious disorder broke out after an attempted murder in north Belfast on Monday night.
Read more: tinyurl.com/bdfz2pxd— Belfast Telegraph (@belfasttelegraph.co.uk) 10. Juni 2026 um 08:24
Auslöser der mehrtägigen Unruhen in Belfast war ein brutaler Messerangriff durch einen sudanesischen Asylwerber, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde. Ein Video der Tat verbreitete sich in den sozialen Netzwerken und wurde von rechtsextremen Akteuren genutzt, um zu Protesten aufzurufen. Elon Musk unterstützte die Appelle auf seiner Social-Media-Plattform X: Laut einer Datenanalyse hat er damit den nordirischen Pogrom – mit 64 Millionen Aufrufen – „maßgeblich angeheizt“: „Musks Verstärkung war entscheidend“ und habe eine „Explosion von Aufrufen zur Gewalt“ ausgelöst, heißt es in dem Bericht.
In der Folge griffen gewalttätige Gruppen am Dienstag und Mittwoch in den Abend- und Nachtstunden gezielt Wohnhäuser, Geschäfte und Fahrzeuge von Migranten an. Familien in verschiedenen Teilen der Stadt fanden sich plötzlich im Zentrum eines Pogroms wieder. Viele verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen, während Hunderte vermummte Rechtsextremisten durch die Straßen zogen. Auf der Suche nach Ausländern traten sie Haustüren ein; mehrere Gebäude und Autos wurden in Brand gesteckt, ein Autobus ging in Flammen auf. Paul Doherty, Belfaster Stadtrat und Leiter eines Gemeindezentrums, berichtet, dass die Randalierer auch die Heizöltanks einiger Häuser in Brand setzten – ein Zeichen dafür, dass es sich um „einen Versuch handelte, die Menschen in diesen Häusern zu töten“.
Mehrere Familien, viele mit Kindern, konnten von den Einsatzkräften erst im letzten Moment in Sicherheit gebracht wurden. Mindestens 27 Einwanderer wurden am Dienstag aus ihren Wohnungen vertrieben, „weil die Menschen von Tür zu Tür gingen, um gezielt gegen Ausländer vorzugehen“, erklärte Ruth Anderson, Ministerin im Kabinettsamt.
Auch Roma im Visier
Nicht nur schwarze und muslimische Menschen bangten um ihr Leben. Besonders betroffen waren auch Angehörige der Roma-Gemeinschaft aus Osteuropa. So wurde das Haus einer Roma-Familie in West-Belfast mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Brandsätzen attackiert. Die Familie musste fliehen, das Gebäude wurde schwer beschädigt. Nach Angaben von Nachbarn war dies bereits der dritte Angriff auf diese Familie. Erst vor einigen Wochen war ihr Haus Ziel einer ähnlichen Attacke geworden. Die Times berichtet:
Im Westen der Stadt war der Schriftzug „Local homes for local people“ an eine Wand neben einem ausgebrannten Haus gekritzelt, aus dem eine Familie fliehen musste. Nachbarn in der Ainsworth Drive sagten, es sei das dritte Mal gewesen, dass die Bewohner – die sie als Mitglieder der Roma-Gemeinschaft beschrieben – „rausgeworfen“ worden seien. Der vorherige Angriff, der erst zwei Monate zuvor stattgefunden hatte, lag so kurz zurück, dass ein Fenster noch immer mit Brettern vernagelt war, als maskierte Männer erneut über das Grundstück herfielen. Ein Anwohner half der Familie bei der Flucht, während Feuerwerkskörper und Ziegelsteine auf ihr Haus niederprasselten. Am Morgen waren die restlichen Fenster eingeschlagen, ein Auto in der Einfahrt war vollständig ausgebrannt und die Haustür war vom Feuer zerstört.
Auch in anderen Teilen der Stadt und Nordirlands, etwa in Antrim, Bangor, Ballymena, Newtownabbey oder Londonderry/Derry, wurden Unterkünfte und Autos von Migranten angegriffen.
Betroffen waren unter anderem ukrainische Familien, Pflegekräfte aus Uganda und Roma aus Rumänien. Auch der Guardian berichtet, wenn auch nur beiläufig, dass der rechtsextreme Mob es auch auf Roma abgesehen hatte. Mindestens drei Häuser seien in Brand gesteckt worden, schrieb die Zeitung am Mittwoch: „‚In dem da wohnte eine rumänische Gypsy-Familie‘, sagte eine Frau und deutete auf ein ausgebranntes Reihenhaus, aus dem noch Rauch aufstieg.“
Berichte in Rumänien
Rumänische Medien berichteten nach der ersten Gewaltnacht, dass die Häuser dreier rumänischer Familien beschädigt wurden. Die Betroffenen hätten nun vor, so schnell wie möglich nach Rumänien zurückzukehren. Unklar ist, ob es sich bei allen genannten Familien um Angehörige der Roma-Minderheit handelt.
Am Freitag teilte das Außenministerium in Bukarest mit, dass sich bisher über 40 rumänische Staatsbürger, darunter 17 Minderjährige, an die diplomatischen Vertretungen Rumäniens gewandt und um Hilfe gebeten haben. Die Botschaft in Dublin ist eingebunden und hat bereits 15 Reisedokumente für die Rückreise nach Rumänien ausgestellt. Zwei rumänische Familien seien in sichere Ersatzunterkünfte gebracht worden; eine weitere obdachlos gewordene Familie kam bei Verwandten unter. Die örtlichen Behörden hätten den Familien zudem Unterstützung bei der Bergung von Gegenständen und Dokumenten aus den verwüsteten Häusern und beim Transport zum Flughafen zugesichert. Über die ethnische Zugehörigkeit machte das Ministerium keine Angaben.
Nachbarschafthilfe
Die Gewalteskalation legte die Stadt lahm. Schulen und Geschäfte wurden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr kam zeitweise völlig zum Erliegen. Am zweiten Tag ging die Polizei mit Wasserwerfern gegen die gewalttätigen Gruppen vor, die sich einer Unterkunft für Migranten nähern wollten. Zwölf Polizeibeamte wurden in der zweiten Nacht verletzt, bis zum Wochenende wurden 23 Radalierer festgenommen. Während die Gewalt in der dritten Nacht abflaute, riefen antirassistische Organisationen zu Gegendemonstration in Belfast und Glasgow auf.
Viele freiwillige Helfer haben sich bereits in den Tagen zuvor um ihre bedrängten Nachbarn gekümmert. Als sich die rassistschen Übergriffe in der ganzen Stadt ausbreiteten, sprangen sofort Freiwillige und zivilgesellschaftliche Initiativen ein, um „Familien in Sicherheit zu bringen, und füllten damit eine Lücke, die staatliche Institutionen hinterlassen hatten“.
Schon am Mittwoch hatten Nachbarschaftsorganisationen in ganz Belfast sichere Orte eingerichtet und ein Netzwerk von Freiwilligen aufgebaut, die bereit waren, Familien aus bedrohten Gebieten zu transportieren. Anfragen kamen von Menschen, deren Adressen [Anm.: auf Ziellisten der Randalierer] online verbreitet worden waren, während andere sich entschieden hatten, in ihren Häusern zu bleiben, und Lebensmittel, Medikamente und praktische Unterstützung benötigten. Unserer Schätzung nach unterstützen wir und mehr als 300 Freiwillige am Donnerstag bereits rund 200 Menschen in diesen Zentren.
Von wegen spontan
Wie der Guardian berichtet, war der Pogrom vorbereitet; das aktuelle Verbrechen diente lediglich als Vorwand. Das zeigt sich unter anderem am organisierten Vorgehen der Gewalttäter, die Straßen systematisch abriegelten und mit vorbereiteten „hit lists“ operierten. Diese Listen enthielten Adressen von Häusern, in denen Migrantinnen und Migranten leben und die bei Unruhen gezielt attackiert werden sollten. Bereits seit Monaten gingen bei der Polizei Hinweise ein, dass solche Adresslisten in rechtsextremen Netzwerken kursierten:
Eine Beobachtungsgruppe hat die Polizei von Nordirland (PSNI) in den vergangenen acht Monaten wiederholt gewarnt, dass Anti-Immigrations-Aktivisten die Adressen von Immobilien verbreiteten, die nun bei den Unruhen in Belfast in dieser Woche ins Visier genommen wurden. Das „Accountability Project Northern Ireland“, eine im vergangenen Sommer gegründete Freiwilligengruppe zur Überwachung von Anti-Immigration-Aktivitäten im Internet, sandte zwischen November 2025 und Juni 2026 Dutzende von Meldungen an die PSNI. Sie warnten vor einer zunehmenden Fokussierung auf Häuser in Mehrfachbelegung (houses in multiple occupation: HMOs) durch rechtsextreme Kreise – etwas, das von ihnen erstmals im August 2025 beobachtet wurde.
Die Beobachtungsgruppe warnte die Polizei vor einer möglicherweise bevorstehenden Gewaltwelle, zuletzt nur wenige Tage vor den jüngsten Ereignissen: „In einer E-Mail, die am 5. Juni [an die nordirische Polizei PSNI] gesendet wurde, betonte die Gruppe die zunehmende Besorgnis und erklärte, dass einige Angehörige ethnischer Minderheiten Lebensmittelvorräte anlegten, da sie unsicher seien, was in den kommenden Monaten passieren könnte. Die PSNI reagierte nicht.“
Auch das Belfaster Investigativmedium The Detail spricht von vorbereiteten Abläufen:
Die Muster der Gewalt, die wir beobachtet haben, deuten auf eine absichtliche Planung hin – und nicht auf den behaupteten Ausbruch spontaner Emotionen und Unzufriedenheit mit der Einwanderungspolitik der Regierung. Dazu gehören Angriffe, die sich auf loyalistische Gebiete konzentrierten, die Anwesenheit paramilitärischer Anführer in den Gebieten, in denen die Angriffe stattfanden, die groß angelegte Veröffentlichung von Adressen, Aufrufe an die Randalierer, ihre Identität zu verbergen, sowie Aufforderungen an die Öffentlichkeit, Überwachungskameras auszuschalten, die kriminelle Handlungen aufzeichnen könnten.
Die nordirische Polizei sieht derzeit allerdings „keine Evidenz“, dass die Ausschreitungen von loyalistischen Paramilitärs orchestriert worden seien. Vielmehr lägen Beweise für eine „Koordination in den Sozialen Medien“ vor, sowohl innerhalb als auch außerhalb Nordirlands.
Die jüngsten Angriffe stehen in einer langen Tradition rassistischer Gewalt gegen Roma in Nordirland. Sie tragen dieselbe Handschrift wie die Belfaster Pogrome von 2009 und die Ausschreitungen von 2025 in Ballymena.
Ende des 1. Teils – Fortsetzung folgt: Teil 2
(Text: Roman Urbaner / dROMa-Red.)