Magyars Signale (Teil 1)
Mai 27th, 2026 | Published in Politik
„Außergewöhnlicher Moment“: Ungarns Neustart und die Roma
Die Wahlen in Ungarn brachten den politischen Umbruch – und endlich mehr Aufmerksamkeit für Roma, auch im Parlament: In der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung am 9. Mai wurden fünf* Roma angelobt; ein Rom gehört nun sogar als Vizevorsitzender dem Parlamentspräsidium an. Und auch sonst sparte Ministerpräsident Péter Magyar nicht mit Signalen an die Roma-Minderheit des Landes.
In Ungarns politischer Landschaft blieb kein Stein auf dem anderen. Bei den Parlamentswahlen vom 12. April hat die Oppositionspartei TISZA unter der Führung von Péter Magyar einen veritablen Erdrutschsieg eingefahren und damit die 16-jährige Regierungszeit von Viktor Orbán beendet. Am 9. Mai fand nun die konstituierende Sitzung der neuen Nationalversammlung statt.
„Die höchste Repräsentation“
Magyars Partei verfügt über eine Zweidrittelmehrheit und kann somit weitreichende Reformen, einschließlich Verfassungsänderungen, eigenständig durchsetzen. Die Wahl markiert jedoch nicht nur das Ende des autoritären Systemumbaus der Ära Orbán, sondern auch einen bemerkenswerten Erfolg für die politische Repräsentation der Roma-Minderheit: Am 9. Mai zogen gleich fünf Roma-Abgeordnete ins Parlament ein, vier davon Kandidaten von TISZA. Es ist das erste Mal in der Geschichte Ungarns, dass eine Partei so viele Roma-Abgeordnete stellt. Dank eines weiteren Mandatars der Fidesz-Fraktion ist die Volksgruppe künftig mit fünf* Politikern im Parlament vertreten – die „höchste Repräsentation, die die Roma in der demokratischen Geschichte Ungarns jemals erreichten, auch wenn die Roma 8 bis 10 Prozent der ungarischen Bevölkerung ausmachen und eine proportionale Vertretung daher 13 bis 17 Mandate im 199 Sitze zählenden Parlament bedeuten würde“, so Mensur Haliti von der Roma Foundation for Europe. Ein weiterer Rom (von Fidesz) nahm sein Mandat nicht an. Schlussendlich waren es also fünf*, vier Männer und eine Frau, die tatsächlich angelobt wurden.
Zu den gewählten Mandatarinnen und Mandataren (siehe auch hier) gehören Erika Jójártová, István Gyöngyösi, Mihály Balogh und Krisztián Kőszegi, die für die Oppositionspartei TISZA kandidierten sowie der überraschend vorgereihte Béla Radics* für Fidesz. „Mit Ausnahme von Mihály Balogh verfügt keiner der Roma-Kandidaten von TISZA über politische Erfahrung oder war zuvor in der Politik tätig“, erläutert Roland Ferkovics in einem Gastartikel für Romea.cz. Darüber hinaus hätte auch der Roma-Politiker Attila Sztojka über die bisher regierende Partei Fidesz den Wiedereinzug ins Parlament geschafft, er verzichtete aber angesichts der Fidesz-Niederlage auf das Mandat. Somit gehören Abgeordnete aus der Roma-Volksgruppe sowohl dem Regierungslager als auch der Opposition* an. Die sozialliberale Partei Demokratikus Koalíció, auf deren Liste mit Ferenc Varga und Marietta Herfortová ebenfalls Roma-Kandidaten antraten, scheiterte an der Prozenthürde und bleibt künftig ohne Mandate.
Eine deutliche parlamentarische Repräsentation ist allerdings erst „die Startlinie, und nicht die Ziellinie“, bremst Haliti allzu überbordende Erwartungen. „Echte Veränderung erfordert mehr als nur Sitze. Sie erfordert Macht, politischen Willen und die Weigerung, die bestehende Unterdrückung lediglich mit einem progressiven Etikett zu übermalen.“
Eid und Amt
Nicht nur symbolisches Gewicht hat die Wahl eines Roma-Abgeordneten in eines der höchsten Staatsämter: Der Tisza-Abgeordnete Krisztián Kőszegi wurde mit 195 Ja-Stimmen zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt. Vorsitzende wurde seine Parteikollegin Ágnes Forsthoffer, die, kaum war sie gewählt, die Fahne der EU am Parlamentsgebäude befestigen ließ – ihr Fidesz-Vorgänger hatte diese schon vor Jahren entfernen lassen. Auch die Europa-Hymne erklang bei der Eröffnungssitzung. Ein kräftiges Lebenszeichen Ungarns an die anderen EU-Mitglieder.
Bei der Angelobung der neuen Abgeordneten machten mehrere Minderheitenangehörige Gebrauch von ihrem Recht, den Eid auch in ihrer Muttersprache abzulegen. Istvan Gyöngyösi sprach die Angelobungsformel auf Romani, und Krisztián Kőszegi – und das gab es noch nie – auf Beasch (Beás), der zweiten in Ungarn beheimateten Roma-Sprache. Anders als Romani gehört Beasch zur romanischen Sprachfamilie; es handelt sich um eine besondere, altertümliche Varietät des Rumänischen, die unter anderem auch in Ungarn, vor allem im südlichen Komitat Baranya, gesprochen wird (in Pécs wird sie sogar am bekannten Gandhi-Gymnasium unterrichtet).
Tamburicas und Tränen
Die mehrsprachige Eidesformel war an diesem Tag nicht die einzige Würdigung der Roma-Minderheiten im Land. Im Sitzungssaal des Parlaments spielte und sang eine Kindermusikgruppe mit Tamburicas und Gitarren das Roma-Stück „Zöld az erdő / Pădure vergyé“, ein in Ungarn als inoffizielle Roma-Hymne bekanntes Lied: „Zum ersten Mal in der ungarischen Geschichte wurde ,Der Wald ist grün / Pădure vergyé’, die Hymne der ungarischen Roma-Gemeinschaft – die diesen Status nach einer Bürgerrechtsdemonstration im Jahr 1993 erlangte – auf Vorschlag von Ministerpräsident Péter Magyar im Parlament gespielt“, kommentierte der ungarische Investigativjournalist Szabolcs Panyi. Einige Abgeordnete kämpften sichtlich mit den Tränen, darunter – im Video etwa ab 1:06 gut zu erkennen – Magyars rechte Hand György László Velkey, der im Parlament als stellvertretender Fraktionschef von TISZA fungieren wird.
Magyar hatte den Roma-Kinderchor „Sükösdi Sugo Tamburazenekar“ im Herbst bei einem Besuch ihrem Dorf kennengelernt und den Buben versprochen, sie ins Parlament nach Budapest einzuladen, falls seine Partei die Wahl gewinnen sollte. Und er hielt Wort.
Flucht aus dem Saal
„Es war ein außergewöhnlicher Moment – einer, der die Hoffnung auf Veränderung im ganzen Land mit den langjährigen Bestrebungen der am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppe des Landes verband“, berichtete sogar der Guardian im fernen London.
Ganz ohne Irritationen ging dieser bewegende Augenblick der Anerkennung und Inklusion jedoch nicht über die Bühne. „Als der Kinderchor zu singen begann, verließen die sechs Abgeordneten der rechtsextremen Partei Mi Hazánk (Unsere Heimat) aus Protest fluchtartig den Saal“, meldete der Guardian. Man habe damit gegen die Europahymne protestiert, versuchte sich die Partei später zu rechtfertigen – Mi Hazánk hatte allerdings bereits im Vorfeld Stimmung gegen die geplante Roma-Hymne gemacht, außerdem unterhält die Partei enge Kontakte zu paramilitärischen Trupps, die es insbesondere auf Roma abgesehen haben. Und von konservativer Seite verstieg man sich zur Ansicht, dass die „Idee, dass eine ethnische Minderheit im Land eine eigene Hymne hat und diese im Parlament spielen lässt“ gar als „Förderung der Rassenspaltung“ angesehen werden könnte.
Platz auf der Bühne
Auch auf dem Kossuth-Platz direkt vor dem Parlament, wo sich Zehntausende versammelt hatten, um die Angelobung mitzuverfolgen, und wo im Anschluss ein „Volksfest“ den „Systemwechsel“ feierte, hatten Roma einen besonders prominenten Platz auf der Bühne. Die frisch angelobten Tisza-Abgeordneten wurden „zunächst mit einem musikalischen Beitrag des jungen Pianisten Elemér Balázs Jr. begrüßt, der Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 vortrug. Elemér Balázs Jr. gehört der Roma-Minderheit des Landes an“, berichtet Stephan Müller, Politologe und politischer Referent des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Wenig später „erklang das Lied ,Magyarorszag‘ (,Ungarn‘), gesungen von Ibolya Oláh, die dieses Lied aus Protest gegen den grassierenden Rassismus in Ungarn jahrelang nicht auf der Bühne vorgetragen hatte. Am 9. Mai betrat sie die Bühne und sang ,Magyarorszag‘.“ Auch Ibolya Oláh gehört der Roma-Minderheit an.
Ende des 1. Teils – Fortsetzung folgt:
→Magyars Signale (Teil 2) – Fünf Roma im Parlament: Ungarns Neustart und die Roma
(Text: Roman Urbaner / dROMa)
*) Anm. der Red.: Der Text wurde am 30.5.2026 aktualisiert und ergänzt. Der Fidesz-Politiker Béla Radics ist, dank einer nachträglichen Vorreihung nach der Wahl, nun ebenfalls im Parlament vertreten. Er ist der fünfte Roma-Mandatar.