Rose: Kath. Kirche diskriminiert Sinti & Roma

Januar 27th, 2010  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio & TV, Rassismus & Menschenrechte, Religion  |  3 Comments

Romani Rose bei einer Gedenkfeier im Sächsischen Landtag 2008 (Foto: Matthias Hiekel)Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, erhebt im Interview mit der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA) Vorwürfe gegen die katholische Kirche: Bis heute sehe die Kirchenführung seine Minderheit nicht als normalen Teil der Kirche an. Vor allem kritisierte Rose die Weigerung der Kirche, trotz wiederholter Proteste seines Verbandes vom traditionell verwendeten Begriff der „Zigeunerseelsorge“ (siehe hier) abzugehen. „domradio.de“, der Sender des Erzbistums Köln, gibt die Aussagen Roses wieder:

(…) Auch innerhalb der Kirche stoßen wir zu oft auf rassistische Ausgrenzung und Vorurteile. Die Sinti und Roma fühlen sich als Katholiken, als normaler Teil der Kirche – das erkennt die Kirchenführung aber nicht an. Die Probleme zeigen sich schon im Begriff „Zigeunerseelsorge“, den die Deutsche Bischofskonferenz trotz jahrelanger Proteste weiter verwendet. Wir sind keine Nomaden, sondern in der Gesellschaft verzahnt und nehmen an ihrer Entwicklung teil. Die jüngsten Gespräche mit hohen Kirchenvertretern und Signale aus dem Vatikan machen mir aber Hoffnung, dass endlich etwas passiert. (…) „Zigeuner“ ist eine von Vorurteilen überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den allermeisten Angehörigen unserer Minderheit als diskriminierend empfunden wird. So haben wir Sinti und Roma uns nie genannt. Auch im internationalen Sprachgebrauch – sei es bei der EU, bei der OSZE oder dem Europarat – wird der Begriff nicht verwandt. Wer sich die Vernichtung und Verfolgung von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten bewusst macht, die uns nach ihrer Rassenlehre als „Zigeuner“ bezeichneten, der benutzt diesen Begriff nicht mehr.

Dabei kritisiert Rose – aus Anlass des Holocaust-Gedenktags – auch die Rolle der katholischen Kirche während der NS-Zeit. Die Kirche habe zu wenig gegen die Verfolgung und Deportationen von Sinti und Roma unternommen: 

Das steht leider bis heute zwischen uns. Es gab mehrere vergebliche Bittschreiben von Sinti und Roma an katholische Bischöfe, gegen die Deportationen einzuschreiten. Etwa an den damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, den Breslauer Kardinal Adolf Bertram, oder an den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber. Aus katholischen Heimen holten die Nazis Sinti- und Roma-Kinder, um sie in die Vernichtungslager zu bringen. Außerdem öffneten viele Pfarrer den Nazis ihre Kirchenbücher, damit „Rassegutachten“ erstellt werden konnten, die noch für „Ein-Achtel-Zigeuner“ das Todesurteil bedeuteten. Das alles ist von Seiten der Kirche noch zu wenig aufgearbeitet. Und deshalb haben sich nicht wenige Sinti und Roma von der katholischen Kirche abgewandt.

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen „Zigeunerseelsorge“ erhält neuen Namen :: says:

    Mai 11th, 2010 at 08:29 (#)

    [...] Bischofskonferenz hat jetzt der jahrelangen Forderung von Roma-und-Sinti-Organisationen (siehe hier oder hier) nachgegeben und die in ihrem Auftrag tätige „Zigeunerseelsorge“ umbenannt. Fortan [...]

  2. Serano says:

    Juni 19th, 2010 at 14:01 (#)

    Der Vorsitzende der katholischen Zigeunerseelsorge “Rashai Jozef” hat in einem Interview des Radiosenders Dom.Radio schwere rassistische Vorwürfe gegen die in Deutschland lebende Sinti und Roma erhoben.

    http://www.domradio.com/CoMET/Audio/10667.wma

    Als Pater Lancaric gefragt wurde, ob der Name “Zigeunerseelsorger” politisch korrekt sei, beharrte er auf dem Namen “Zigeuner”, obwohl er zugab, dass dieser Name “in Deutschland ein Problem” ist, und obwohl er weiß, dass er von vielen Sinti als diskriminierend empfunden wird. Ich habe selbst erlebt, wie ihn junge Sinti inständig gebeten haben, sie nicht als “Zigeuner”, und das heiße für sie als “Abschaum” zu bezeichnen. Mit seiner Begründung: “es gibt kein anderes Wort, das alle Zigeunerstämme, wenn ich das so nennen darf, abdeckt” widerlegt er sich selbst. Denn es gibt nur ein Wort, mit dem alle Angehörigen dieses Volks sich selbst bezeichnen, wie in vielen Zeugnissen belegt ist, nämlich “Sinti oder im allgemeinen Roma”. Dagegen ist das Wort “Zigeuner” eine Fremdbezeichnung, zumindest im Deutschen ein Schimpfwort und außerdem irreführend. Denn es wird sowohl für “Fahrende und Jenische” als auch für die Sinti und Roma verwendet. Schon gar nicht sollte er den rassistischen Begriff “Zigeunerstämme” verwenden.

    “Sind denn Zigeuner überwiegend katholisch?” Auf diese Frage antwortete Pater Lancaric: “Die Zigeuner suchen nach dem Gott. Sie suchen nicht nach der Kirche, und Sie übernehmen meist die Religion der Umgebung, wo sie leben.” Die deutschen Sinti suchen nach meiner Erfahrung nicht nach “dem Gott” oder irgendeinen höheren Wesen, sondern sie glauben an Christus. Sie sehen in Ihm den Sohn Gottes und ihren Führsprecher, weil er mit den Außenseitern der Gesellschaft verkehrt hat. Sie bleiben jedoch der Kirche fern, weil sie, wie von Zeitzeugen berichtet wurde, die Erfahrung gemacht haben, dass sie dort nicht willkommen sind. Das die Religion und Konfession der jeweiligen Landesherren übernommen werden musste, gilt für alle Völker, wird aber nur bei den Sinti und Roma immer wieder betont, weil man sie verdächtigt, keine “echten Christen” zu sein.

    Pater Lancaric griff auch mit seinen Antworten zum heutigen Leben der “Zigeuner” auf alte Vorurteile zurück. Als er gefragt wurde, ob “sie meist in großer Armut” leben, entgegnete er: “Das würde ich auch nicht sagen. Sind auch sehr wohlhabende Familien, aber durchschnittlich kann man sagen, dass es auch sehr arme Leute gibt unter Ihnen.” Wenn es sehr wohlhabende und sehr arme Familien gibt, dann müsste es Ihnen im Durchschnitt relativ gut gehen, was aber nicht zutrifft. Dass der “gesellschaftliche Stand von Zigeunern immer noch so schlecht” ist, wie die Interviewerin einwendet, liegt nach Pater Lancaric nicht an der Gesellschaft, die Ihnen die Aufstiegschancen versperrt, sondern an den “Zigeunern”, nämlich daran, dass diese sich “sehr schwer anpassen an unserer Gesetzgebung”. Viele hätten “mit Verbrechen zu tun” und alle mit “Steuerhinterziehung”.

    Trotz dieser Einschätzung plädierte er dafür, “diese Leute” so leben zu lassen, “wie sie wollen”. Wir haben das Leben irgendwie mit verschiedenen Vorschriften, Gesetzen, Arbeitszeit und und und beschränkt. Wir sind nicht frei. Die Zigeuner sind mehr frei und mehr Menschen, lebende Menschen wie wir Gadje.” Wie können Menschen, die sich nicht an Gesetze halten und keinen Arbeitsplatz haben, ein freies Leben führen? Dass die meisten deutschen Sinti und Roma sich bessere Bildungs- und Berufschancen wünschen und in besseren Wohnungen und Wohnlagen leben wollen, scheint Pater Lanceric nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen. Da seine Sympathie den “Zigeunern” gehört, die auf der untersten Stufe der Zivilisation stehen, geht es ihm wohl kaum darum, Ihre Situation nachhaltig zu verbessern.

    Warum vertraut die Deutsche Bischofskonferenz die Leitung der katholischen “Zigeunerseelsorge” jemanden an, der die Sinti und Roma für keine Christen und obendrein für Kriminelle hält? Autor: Wilhelm Solms

    Anmerkung der Redaktion: Der zitierte Text Solms’ ist der Zeitschrift “Antziganismusforschung” 1/2009 entnommen:
    http://www.antiziganismus.de/resources/AntiziganismusHeft2009-01_Internet.pdf

  3. Xeniane says:

    November 21st, 2010 at 11:57 (#)

    Gut das es diesen Blog gibt