Europas erster Jazzmann

Januar 23rd, 2010  |  Published in Musik  |  1 Comment

Heute vor 100 Jahren wurde der 1953 verstorbene Jazzmusiker Jean-Baptiste „Django“ Reinhardt als Sohn fahrender Manouches in Belgien geboren. Ein Datum, das auch zahlreichen Redaktionen nicht entgangen ist (mehr hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier hier, hier, hier oder hier). Und auch wir bringen aus diesem Anlass einen Auszug aus einem umfangreichen Beitrag aus der Online-Enzyklopädie Rombase, in dem der in Prag lebende Roma-Experte Peter Wagner den legendären Begründer des Sinti-Jazz vorstellt:

Django Reinhardt(…) Ganz allgemein ist Amerika von ihm verzückt, sein Jazzquintett stellt zu dieser Zeit die einzige Gruppierung des alten Kontinents dar, die der Sender CBS in seiner Dokumentarserie über den Jazz präsentiert. Manche betrachten ihn als den ersten europäischen Jazzmann mit überregionaler Bedeutung. Außergewöhnlich ist auch die Besetzung von Djangos eigentlichem Ensemble, des „Quintette du Hot Club de France“. Die Geige stellt ein für die Zeit des Quintetts recht ungewöhnliches Jazzinstrument dar, und in der Kombination mit der Gitarre ist sie praktisch einzigartig, desgleichen die Abwesenheit jeglichen Schlagzeugs, das als zu monoton abgelehnt wird. (…) Den melodischen Schwerpunkt, der bei vielen Ensembles von Trompete oder Saxofon gebildet wird, muss der Einfallsreichtum der genialen Solisten Django Reinhardt an der Gitarre und Stéphane Grappelli an der Geige ersetzen. (…)

Für einen Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung Europas ist Djangos Weg zur Musik ungewöhnlich, für viele Mitglieder der Minderheit der Roma ist er jedoch beinahe unumgänglich. Für diese gehört es doch oft zur Familientradition, für Geld, ein Abendessen, einen Korb voller Lebensmittel, für Alkohol oder Tabak für die Gadže zu spielen, d. h. für die Nicht-Roma, seien es gerade Franzosen, Belgier oder Deutsche. Auch in der Unterrichtsmethode unterschied er sich. Django stand niemals vor einem Notenständer und hat eine Etüde nach der anderen heruntergespielt, das Spiel hat er von klein auf immer gewissermaßen nebenbei durch Abhören und Wiederholen erfasst, bald auch beim Einspringen für Verwandte bei Aufführungen.

Seine Ausbildung bekommt er aber nicht einfach umsonst, nur so durch seine Herkunft. Den Drill erlegt er sich selbst auf, indem er Schritt halten, sich nicht blamieren will, indem er sich beweisen will. Seine Virtuosität fällt ihm so zum Großteil sicher nicht aus seiner ethnischen Herkunft in den Schoß, sondern entspringt starkem Willen und unermüdlicher und harter Arbeit mit dem Instrument. (…)

Reinhardt und Grappelli, mündliche Überlieferung und Konservatoriumsausbildung, der Großspurige und der Höfische, und dazu vor allem die innere Spannung zwischen den beiden Vollblutjazzern bilden den Kern des berühmten „Quintette du Hot Club de France“. (…) Dank seiner Reputation suchen sich mit der Zeit Django Reinhardt und die Größen der amerikanischen Jazzszene Louis Armstrong, Eddie Smith, Coleman Hawkins, Benny Carter oder Duke Ellington auf ihren Konzerttourneen durch Europa oder Amerika gegenseitig auf. Bei den gemeinsamen Sessions im Studio oder im Saal entstehen einzigartige künstlerische Werke. (…) Wie sehr sich Django auch unter Nicht-Roma bewegt, sich in teuren Hotels oder gar direkt auf den Champs Elysées einquartiert hat, so kehrte er doch dann wieder in den Wohnwagen zurück, kurzum, er bleibt nach wie vor ein Angehöriger der Roma, oder, wie sich die Gruppe selbst nennt, der Manouches. (…)

Lesen Sie bitte den vollständigen Text von Peter Wagner auf Rombase.

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Fundstücke (Nr. 6): J’attendrai Swing (1939) :: says:

    Februar 8th, 2010 at 15:58 (#)

    [...] „J’attendrai Swing“ von 1939: ein YouTube-Fundstück als kleiner Nachtrag zu seinem 100. Geburtstag am 23. [...]