Roma-Politiker Karel Holomek gestorben

August 29th, 2023  |  Published in Ehrungen & Nachrufe

Karel Holomek (Foto: Chad Evans Wyatt. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0)Am Sonntag ist der tschechische Roma-Ak­ti­vist, Po­liti­ker und Be­grün­der des Mu­seums für die Roma-Kul­tur Karel Holo­mek im Alter von 86 Jah­ren ge­storben.

Radio Prag Int.: Karel Holomek wurde am 6. März 1937 in Brno/Brünn geboren. Sein Vater Tomáš war in einer Roma-Sied­lung nahe Kyjov in Süd­mähren auf­ge­wachsen, die Mutter war eine Bauern­tochter. Der Vater war vermut­lich der erste Rom in der Tschechoslowakei mit einer Hoch­schul­bildung. Er studierte in den 1930er Jahren Jura an der Karls­universität. Von den Be­wohnern der mährischen Slowakei wurde er sehr ge­schätzt.

Die Holomeks gehörten zu den größten Roma-Familien in Mähren. 1939 flüchtete Karels Vater vor den National­sozia­listen in die Slowakei. Karel war damals zwei Jahre alt. Er wuchs im Folgen­den in Milotice bei Kyjov auf, um ihn küm­merten sich ab­wech­selnd die Familien seiner Mutter und seines Vaters. Anfang 1942 wurde ein großer Teil seiner Roma-Ver­wandten ins Kon­zentrations­lager ver­schleppt. Auch dem Jungen und seiner Schwester drohte, ins KZ ge­schickt zu werden. Daran er­innerte sich Karel Holomek 2015 in einem Gespräch für das Zeit­zeugen­projekt „Paměť národa“ (Memory of Nation):

In Milotice, wo ich mit meiner Mutter und meiner Schwester lebte, war bekannt, dass wir die Zigeuner­misch­linge sind, die im KZ landen sollten. Wie ich später erfuhr, standen mein Name und der Name meiner Schwester in der SS-Zentrale in Zlín auf der Liste zu den zehn meist ge­suchten Zi­geuner­misch­lin­gen, die ins KZ geschickt werden sollten. Dies ist jedoch nicht passiert – dank der Tapfer­keit meiner Mutter und eines Gendarmen. Dieser kam immer zu uns und warnte meine Mutter: ,Frau Holom­ková, ver­schwinden Sie, morgen machen hier die SS-Leute eine Razzia.‘ Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter mit uns in den Jahren 1942 und 1943 mit der Bahn und mit dem Fahrrad herum­reiste. Wir wurden bei Ver­wandten, aber auch bei wild­fremden Leuten unter­ge­bracht. Einfach fan­tastisch war jedoch, dass niemand im Dorf es den Deutschen oder den Gen­darmen verriet. Wir gehörten einfach zu den Bewoh­nern, und so haben auch sie es empfunden. Wir ver­schwanden mit der Mutter also für eine bestimm­te Zeit, und auf diese Weise hat sie uns gerettet.

In den Konzentrationslagern erwartete die Roma dasselbe Schicksal wie die Juden, sagte Karel Holomek in dem Ge­spräch und fuhr fort:

Aus diesem Grund haben wir Roma heute keine besseren Freunde als die Juden. Ich denke, dass die Roma, wenn auch un­bewusst, mit ihrem Sterben be­wiesen, wie verkehrt die Rassen­theorien waren. Wir wurden zu so etwas wie Teil­nehmern eines großen Befreiungs­kampfes. Ich sage das aus dem Grund, weil der Roma-Ho­lo­caust un­bekannt ist und weil er für eine An­gelegen­heit aus­schließ­lich der Roma gehalten wird. Dabei sollte ihn die Öffent­lich­keit genauso wahr­nehmen wie das Schicksal der Juden.

Nach 1968 vom Arbeitsplatz rausgeworfen

Die Mehrheit von Karel Holomeks Verwandten väterlicherseits wurde in Ausschwitz ermordet. Sein Vater kehrte bald nach dem Krieg nach Hause zurück. Vor allem nach 1948 machte er Karriere und wurde Militär­anwalt. Karel Holomek studierte Maschi­nen­bau an der Militär­akademie. Als Offizier arbeitete er dann auch in der Ein­richtung. Sein Leben änderte sich grund­legend nach dem Ein­marsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschecho­slowakei im August 1968. An diese Zeit er­innerte er sich 2015:

Ich war damals als Assistenzprofessor beim Lehrstuhl für Fahrzeuge, Panzer und Panzer­fahr­zeuge be­schäftigt. Wir bildeten zu­künftige Offiziere aus. Und zu dieser Zeit mar­schierten die Russen in die Tschechoslowakei ein. Ich unterrichtete damals an der so­ge­nannten ,ersten‘ Fakultät. Einige Monate verhielt man sich dort tapfer, wir ließen die Russen nicht rein. Im Herbst wurde jedoch schon gefragt, wie unsere Meinung über den Einmarsch sei. Und das war für mich ein Wende­punkt. Ich sagte mir: ,Du kannst doch nicht etwas be­haupten, wenn du überzeugt bist, dass es eine Lüge ist.

Holomek erklärte damals also, er stimme dem Einmarsch der sowjetischen Truppen nicht zu, da er ihn für eine Okku­pation halte. Bald darauf wurde er aus der Armee ge­worfen. Holomek lehnte es zudem ab, mit dem kommunisti­schen Inlands­geheim­dienst StB zusammen­zu­­arbeiten. Darum durfte er 1971 nicht zum Weltkongress der Roma nach England reisen. Er wurde zudem ge­zwungen, aus dem kurz zuvor in der Tschecho­slowakei ent­stan­denen Verband der Roma aus­zu­treten. Fünf Jahre lang ar­beitete Holomek dann als LKW-Fahrer. Dank einem Be­kannten wurde er später als Bau­leiter an­gestellt.

Holomek: „Die Roma haben ihre Kulturidentität verloren“

In den 1970er Jahren lernte Karel Holomek einige der damali­gen Regime­gegner kennen. Er begann zudem selbst, Samisdat-Li­te­ratur zu ver­breiten. 1981 wurde er im Zu­sammen­hang mit der Ver­breitung der Exil­literatur ver­haftet.

Wie erlebte Karel Holomek die Samtene Revolution von 1989? Er beschrieb es für „Paměť národa“:

Ich habe zwar in den Zeitungen aufmerksam verfolgt, was los ist, war aber nicht direkt im Mittel­punkt des Ge­schehens. Es war vermutlich am 19. Novem­ber, als ich gerade im Bauleiter­büro in Brünn saß und ein Mann von der Chef­etage reinkam. Er stellte sich vor mich, salu­tierte und sagte: ,Herr Ingenieur, ich melde mich zum Dienst.‘ Ich schaute ihn an und sagte: ,Wovon reden Sie?‘ Und er erwi­derte: ,Wir werden Revolution machen, nicht wahr?‘ Ich war in dem Betrieb damals nämlich dadurch be­kannt, dass ich bei den Ge­werk­schafts­sitzungen die politische Situation und die damaligen kom­munisti­schen Politiker ver­hältnis­mäßig offen kritisierte. Zudem wusste man, dass mich die Stasileute vor den bedeu­tenden Jahres­tagen – wie dem 28. Oktober oder dem 21. August – abholten und prä­ventiv ein­sperrten. In dem Augenblick, als dieser Mann von der Chefetage kam, bin ich Vor­sitzender des Bürger­forums des ganzen Betriebs ge­worden.

Nach der Wende von 1989 war Karel Holomek zwei Jahre lang Ab­geord­neter des Tschechischen National­­rats. Er wurde von der Armee reha­bilitiert, lehnte jedoch das Angebot ab, wieder für sie zu arbeiten. Statt­dessen begann Holomek, sich auf das politische Thema der Roma zu kon­zentrieren. Er war dabei, als die Roma-Ini­tia­tive ge­gründet wurde. Diese verzeichnete jedoch bei den Wahlen keinen Erfolg. Holomek gründete zudem die Gemein­schaft der Roma in Mähren sowie das Museum für die Roma-Kultur in Brünn. Seine Volks­gruppe habe ihre Kultur­identität ver­loren, meinte er:

Es ist notwendig, sich dessen bewusst zu werden, dass die Roma vor dem Zweiten Weltkrieg zu­meist in Agglo­mera­tionen auf dem Lande lebten.  Sie sorgten gut für ihren Lebens­unter­halt, denn sie arbei­teten oft bei den Bauern. In den Städten lebten früher hin­gegen nicht viele Roma. Vor allem erst nach 1948 suchten viele Roma, die in der Slowakei lebten, nach Arbeit. Diese fanden sie nur in großen Industrie­zentren – in Ostrava und in Nord­böhmen. Es war einer­seits gut, dass sie nun Arbeit hatten. Anderer­seits zogen sie in die Städte, wo ihnen ab­handen­kam, was sie zuvor für grundlegend gehalten hatten. Sie verloren ihre Roma-Traditionen, ihre Zu­sammen­ge­hörig­keit, das Wissen über ihre Geschichte und nicht zuletzt auch die Sprach­kenntnisse. Im Sozial­bereich ver­loren sie ihr Selbst­bewusst­sein sowie das Gefühl, ihr Leben selbst gestal­ten zu können.

Karel Holomek war zuletzt auch Ehren­vor­sitzen­der der Gesell­schaft der Experten und Freunde des Museums für die Roma-Kultur. 2002 wurde er mit einer Verdienst­medaille aus­ge­zeichnet.

(Text: Radio Prag Interna­tio­nal, Auto­rin: Marti­na Schnei­ber­gová)

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