Deutschland: Koalitionsvertrag nimmt Antiziganismus in den Blick

November 28th, 2021  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Ampel (Foto:Pixabay/Didgeman)Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma be­grüßt, dass der nun vor­gelegte Entwurf eines Koali­tions­ver­trags zwi­schen SPD, Grünen und FDP den Anti­ziganis­mus als ein Problem von ge­samt­gesell­schaft­li­cher Rele­vanz in den Fokus nimmt. Um einen echten Para­digmen­wechsel in der Be­kämpfung des An­ti­ziganis­mus zu be­wirken, muss eine neue Bundes­regierung die For­derun­gen und Hand­lungs­empfeh­lun­gen der Un­abhän­gigen Kom­mission Anti­ziganismus (UKA) um­fassend um­setzen.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, lobt den in den Koalitions­ver­handlun­gen aus­ge­arbeite­ten Entwurf, der den Anti­ziganismus stärker als bisher in den Blick nimmt. Er fordert aber auch konkrete Um­setzungs­vorschläge:

„Der Entwurf des Koalitionsvertrags der Ampel­parteien zeigt, dass auf politisch höchs­ter Ebene der Anti­ziganismus ver­stärkt als eine Bedro­hung unserer gesam­ten demo­kratischen Verfasst­heit wahr­genom­men wird. Es ist gut, dass sich einige zentrale Forderun­gen des Zentralrats wieder­finden. Wir nehmen die kom­mende Regierung jedoch nun in die Pflicht, ihren in dem vor­gelegten Vertrags­entwurf ins­gesamt noch sehr vage for­mulier­ten Worten, Taten folgen zu lassen und schnell eine um­fassende Strategie zur Be­kämpfung des Anti­ziganismus aus­zu­arbei­ten. Die Handlungs­empfeh­lungen und For­derun­gen des Ab­schluss­berichts der Unabhän­gigen Kommission Anti­ziganismus (UKA) sollen hier­bei die Grund­lage sein. Der Zentral­rat Deut­scher Sinti und Roma wird mit seiner Expertise auch die neue Bundesregierung unter­stützen.“

Eine wichtige Forderung, die der Zentral­rat an die Parteien vor und nach der Wahl ge­stellt hat und die auch eine zentrale For­derung der UKA war, hat in dem Papier der poten­ziellen Koali­tions­partner Nieder­schlag gefunden: die Ein­setzung einer oder eines Anti­ziganismus­beauftragten der Bundes­regierung. Diese neu zu schaf­fende Stelle muss aus Sicht des Zentral­rats mit einem Arbeits­stab mit quali­fi­zier­tem Personal und an­gemes­senem Budget aus­gestattet werden. Sie soll der Stelle der oder des Anti­semitis­mus­be­auf­trag­ten gleich­gestellt und am selben Ort an­gesiedelt sein. Eben­falls zu begrüßen ist der Plan des Aufbaus einer „Nationa­len Kontakt­stelle für Sinti_ze und Rom_nja (NRCP)“ zur Koordi­nation und Um­setzung des „Strategi­schen EU-Rahmens für Gleich­stellung, Inklusion und Parti­zipation der Roma“. Der Koalitions­vertrag greift auch die bereits von der alten Regierung voran­gebrach­te Ein­richtung einer Melde- und Infor­mations­stelle Anti­ziganismus auf und setzt deren wich­tige Arbeit fort.

Dass die Parteien darüber hinaus vereinbart haben, Empfeh­lungen der UKA um­setzen zu wollen, ist grund­sätzlich begrüßens­wert. Hier muss die zukünf­tige Regierung aus Sicht des Zentralrats jedoch noch konkre­ter werden, denn der Abschluss­bericht der UKA ent­hält 60 Handlungs­empfeh­lungen und sechs zentra­le Forderungen.

„Wie der Bericht der UKA schon im Titel fordert, brauchen wir einen „Perspek­tiv­wechsel – nach­holende Gerech­tig­keit und Partizi­pation“. Das bedeutet, wir brauchen einen Staats­vertrag auf Bundes­ebene sowie die An­erken­nung des Grund­satzes der kollek­tiven Ver­folgung von Sinti und Roma aus rassischen Gründen von 1933-1945. Es muss ein Sonder­fonds für nieder­schwellige, ein­malige An­erkennungs­leistun­gen für NS-Verfolgte Sinti und Roma wie eine Kom­mission zur Auf­arbeitung des Unrechts nach 1945 ein­gerichtet werden. Zudem brau­chen wir ver­besserte Parti­zipations­struk­turen für Sinti und Roma, ins­beson­dere durch die Ent­sendung von Min­der­heiten­angehö­rigen in staat­liche Gremien, wie die Rundfunk­räte und Landes­medien­anstalten. Darüber hinaus machen wir uns dafür stark, dass die vor­gese­henen Änderun­gen im Aufenthalts­recht auch die An­erkennung geflüchte­ter Roma als beson­ders schutz­würdige Gruppe vor­sehen. Deutschland muss hier seine Ver­pflichtung wahr­nehmen und zur Ächtung des Anti­ziganismus in ganz Europa bei­tragen“, so Romani Rose.

(Text: Zentralrat)

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