Filmtipp: „Our School“ (2011) online
April 13th, 2021 | Published in Film & Theater, Interview, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)
Die Filmemacherinnen Mona Nicoară und Miruna Coca-Cozma protokollierten in „Our School“ den Aufbruch einer rumänischen Gemeinde aus der Sackgasse der Segregation. Aus Anlass des Internationalen Roma-Tags haben sie das Video für einige Tage freigeschaltet. Empfehlung!
Kostenlos online zu sehen nur noch bis 14. April.
Etwa zur selben Zeit, als in Rumänien die ersten Dreharbeiten zu diesem Film anliefen, ging die Unicef 2007 mit alarmierenden Zahlen an die Öffentlichkeit: Nur zwei von drei Roma-Kindern in Rumänien werden überhaupt eingeschult; und von jenen, die eine Schule besuchen können, landet ein großer Teil in separaten Klassen oder eigenen Schulen. Vor fast fünfzehn Jahren erhielten deshalb dreißig rumänische Gemeinden EU-Mittel, um diesem Missstand zumindest lokal abzuhelfen. Die aus Rumänien stammende und in New York lebende Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin Mona Nicoară, die einige Jahre für das European Roma Rights Centre in Budapest gearbeitet hat, nahm den Start eines dieser Reformprojekte zum Anlass, sich dem Thema aus der Perspektive der betroffenen Kinder zu nähern: Für ihr Dokumentarfilmdebüt „Şcoala Noastră“/„Our School“ begleitete sie mit der Koregisseurin Miruna Coca-Cozma und dem Kameramann Ovidiu Marginean drei Roma-Schüler, Ali (8), Beni (12) und Dana (16), vier Jahre lang mit der Kamera und protokollierte den Prozess der „Desegration“ ihrer Schule in Târgu Lăpuş, einem kleinen siebenbürgischen Städtchen.
In Ausgabe 32 unseres Printmagazins dROMa (mehr hier) erzählte Mona Nicoară vor zehn Jahren über den Film und den mühsamen, holprigen Weg zur schulischen Inklusion, der allen Beteiligten, den Roma wie den Nicht-Roma, einiges abverlangt. Im Folgenden einige Auszüge:
Ich habe mich genau deswegen auf dieses Projekt eingelassen, weil ich wusste, dass es nötig ist, das Problem in seiner ganzen Komplexität zu begreifen. Mir ist klar, dass manche Aspekte mit Gesetzen und Gerichten angegangen werden können – wie Nicht-Diskriminierung und der klare Standpunkt, dass getrennt niemals gleich sein kann, wenn es um Bildung für Roma geht. Es gibt auch strukturelle Themen, die man aufgreifen muss: die Wohnsituation, der Zustand von Roma-Siedlungen usw.
Dann gibt es auch den Kampf um die Herzen und Köpfe, der sehr ortsbezogen und persönlich ist. Ich denke, dass wirklich jeder einzelne Beteiligte an Bord geholt werden muss: Den Nicht-Roma-Eltern muss geholfen werden, zu erkennen, welchen Wert es hat, wenn ihre Kinder mit anderen Kulturen konfrontiert werden und ihnen Einfühlungsvermögen und Werte beigebracht werden. Die Roma-Eltern müssen daran glauben, dass ihre Kinder Erfolg haben können, auch wenn es ihnen selbst nicht möglich war. Das hört sich in der Theorie einfacher an, als es in der Praxis ist: Es ist schwieriger, sich Erfolg vorzustellen, wenn man ihn selbst nie erlebt hat und nie eine Schule gekannt hat, die einen unterstützt, oder wenn es nie Roma-Vorbilder gegeben hat, zu denen man aufschauen konnte. Die Roma-Kinder müssen lernen, sich durch Ablehnung hindurchzukämpfen, statt aufzugeben und sich zurückzuziehen.
Die Lehrer wiederum müssen lernen, dass ein mulitikulturelles Klassenzimmer bereits einen Wert an sich darstellt, der weit über Prüfungsergebnisse hinausreicht, und dass ein gutes Lernumfeld für alle auch bessere Leistungen für alle bedeutet. Aber auch sie schaffen dies nicht alleine. Sie brauchen die Unterstützung von Schulverwaltung, örtlichen Behörden, zentralen Entscheidungsträgern – Dinge wie zusätzliche Ausbildung, zusätzliche Mittel oder pädagogische Hilfen. Das Integrieren von Roma muss keine unbewältigbare, unfaire Aufgabe für die Lehrer sein. Und zu guter Letzt gibt es noch all die anderen, Priester, Bürgermeister, Fußballtrainer usw. Es braucht schließlich ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.
Natürlich kann man all das nicht gut aus der Ferne machen. Die härtesten und wichtigsten Kämpfe wird man also vor Ort, fast schon Tür an Tür, ausfechten müssen. Und die Lösungen werden so gut wie immer maßgeschneidert sein müssen für die Besonderheiten des jeweiligen Orts.
[...] Ich glaube, es ist schwer zu verstehen, wie die gegenwärtige Schulsituation von allen dort so leicht akzeptiert wurde. Wenn man, wie wir, die Geschichte aus dem Blickwinkel der Kinder erlebt, sieht man, wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft innerhalb von nur wenigen kurzen Jahren schrittweise ausgelöscht wird. Für die Erwachsenen hingegen hat es keinerlei Veränderung gegeben. Für sie, von den Roma-Eltern bis zur Schul- und Gemeindeverwaltung, ist das, was vorgefallen ist, nur der normale Lauf der Dinge.
(dROMa)