„Ich liebe Farbe!“ – Kunststreit in Mallorca

März 23rd, 2021  |  Published in Kunst & Fotografie

jose-luis-mesas-mallorcaAls Kind war die Kunst sein Zu­fluchts­ort, ein Weg in eine bun­te­re Welt. Heute bangt der Gita­no-Künst­ler José Luis Mesas Sánchez um die Zu­kunft sei­nes Wand­ge­mäl­des auf Mallorca.

MZ/Brigitte Rohm, 22.03.2021

„Es war einmal ein Kind, das gerne malte. Es malte so gerne, dass es das überall und zu jeder Zeit tat, und das brach­te ihm Proble­me mit der Schule ein. Es bemalte sein Schreib­pult, die Wände und sogar die Bücher – und im­mer wurde es damit be­straft, dass es sich in die Ecke stellen musste, um über sein Ver­halten nach­zu­denken.“ Dieses Kind war der heute 47-jäh­rige Künstler José Luis Mesas Sánchez. Er wur­de als eines von sieben Ge­schwis­tern einer aus Andalusien nach Mallorca emigrier­ten Fa­milie von Gitanos, wie die Roma in Spanien ge­nannt werden, in Palma ge­boren. Die Passage stammt aus dem Kinder­buch „Mi mundo“ („Meine Welt“), das er zu­sam­men mit der Autorin Patricia Chinchilla ge­staltet hat und das er­zählt, wie Mesas einst zur Kunst fand.

Für den damals Siebenjährigen, der wie drei seiner Geschwister in ein Kinder­heim ge­geben wurde, nahm die Ge­schichte eine positi­ve Wen­dung: Eine neue Kunst­lehrerin ent­deckte sein großes Talent, för­derte ihn und brachte ihn dazu, in ein Skizzen­buch zu malen, an­statt seine Um­gebung zu ver­schönern. Sein Stil ent­wickelte sich im Lauf der Jahre von Pop-Art und Surrealis­mus hin zu einer eigenen, farben­frohen künst­le­ri­schen Sprache, die er „Mesismo“ nennt. Seine Marken­zeichen: Marien­käfer, Fische und Libellen. Heute ist Mesas ein inter­natio­nal täti­ger Künstler, der laut eige­ner Aus­sage in 29 Museen ver­treten ist. Doch die Ironie des Schick­sals will, dass er nach all den Jahren wie­der Ärger be­kommt, weil er eine Wand bemalt hat: die Fassade des Hotels Armadams in Palma de Mallorca (sie­he hier).

Debatte um die Fassade hält an

Nach nur wenigen Wochen hatte das Rathaus die halb fertigen Arbeiten im Mai 2020 wegen feh­lender Ge­neh­migung zum Er­liegen gebracht. Die Zu­kunft des Kunstwerks ist noch im­mer ungewiss: Die Altstadt-Kom­mis­sion lehnte das Werk auf einem Gebäude des be­kannten Archi­tek­ten Guillem Forteza An­fang Febru­ar 2021 ab, wobei es sich um eine nicht bin­dende Ein­schätzung handelte. Die Politiker sind sich un­einig, Kultur­stadtrat Antoni Noguera etwa stimmte für die Fas­sade, seine Partei-Kol­le­gin Neus Truyol dagegen. Mesas selbst ver­mutet unter an­derem Diskrimi­nierung wegen seiner ethnischen Her­kunft als Motiv für die Ab­lehnung: „Ich habe keinen mallor­qui­ni­schen Nach­namen, das steckt da­hinter“, sagt er im MZ-Gespräch.

Ob das Wandgemälde übermalt werden muss, entschei­det das Bau­dezer­nat. Beim Besuch am 9. März sagt Hotel­besitzer Jaime España: „Ich denke, sie haben die Nicht­geneh­mi­gung in­zwi­schen durch­gesetzt, aber wir haben noch keine Be­nach­rich­tigung er­halten.“ Komme, was wolle, er möchte auf jeden Fall weiter­hin juris­tisch für das Pro­jekt kämpfen und wird nicht müde zu be­tonen: Es gebe keine Re­gelung und kein Gesetz, die ver­bieten würden, dass die Fassade eines Gebäude außer­halb des histo­rischen Zentrums oder einer be­sonders ge­schütz­ten Zone bemalt wird.

Dass das Rathaus von Palma nun ein Sanktionsverfahren für Fälle wie das Hotel Armadams „ak­tiviert“ hat, das bis jetzt noch nie an­gewen­det wurde, dürfte den Druck auf den Hotel­besitzer noch weiter erhöhen und den Rechts­streit er­schweren: Dem­nach können bei städte­bau­lichen Vergehen für einen Zeit­raum bis zu einem Jahr monatliche Zwangs­strafen ver­hängt werden, bis die Auflagen er­füllt sind. In diesem Fall also: solange, bis die Wand über­strichen ist.

Auch im Werk steckt nicht nur Fröhlichkeit

Wenn José Luis Mesas auf einer Terrasse des Hotels an der Wand entlang­geht und über sein Werk spricht, dann ist sein Strahlen zwar keine Fassade, son­dern echt: „Ich liebe Farbe! Es gibt Maler, die sagen, dass sie bei mir ge­wagt ist, aber es kommt ein­fach so heraus“, sagt er, selbst von der Tasche bis zu den Schuhen überall mit Farbklecksen bedeckt. Doch die Mo­mente der Freude sind dieser Tage selten: Dem Künstler geht es nicht gut. Er sagt, er habe Depres­sio­nen, ver­lasse tage­lang nicht das Haus. Die Debatte um die Fassade hinter­lässt bei dem so ent­waffnend herz­lichen Mesas Spuren im Inneren, und die sind nicht bunt.

Auch in seinem Werk steckt nicht nur Fröhlichkeit: „In meinem Leben ist vieles pas­siert, und alles spiegelt sich in meiner Kunst“, sagt Mesas. Die über­all prä­senten Kreis­formen symbo­li­sierten etwa das Corona­virus. Der Delfin stehe für seine Ex-Freun­din. Ein Pferd re­präsen­tiert Mesas’ Mutter: „Bevor sie starb, sagte sie, sie würde als Pferd wieder­geboren werden“, er­klärt er. An einer Stelle ist die Familien­geschich­te von Jaime España zu sehen: Eines seiner Kinder starb mit 22. Mesas ver­lieh ihm Engels­flügel, die übrigen Familien­mit­glieder sind in einer um­armen­den Geste vereint. Die Trauer findet ihren Platz in Gestalt einer Figur, die mit auf­ge­drehten Wasser­hähnen weint.

Ein Porträt für den Papst

Das Kind bekommt auch eine Christusfigur zur Seite gestellt. Eine von vielen in Mesas’ Karrie­re: Mit „El Cristo de los Gitanos y los cuatro elemen­tos“ (Der Christus der Gita­nos und der vier Ele­mente) im Museum Mayte Spínola in Jaén schuf er ein Werk, dass das größ­te Gemälde Spaniens sein soll. Es er­regte die Auf­merksam­keit des Papstes, der darauf­hin eine Replik wünschte. 2019 über­reichte Mesas dem Ober­haupt der katholi­schen Kirche das Bild sowie ein Porträt, und erinnert sich immer noch gern an die Be­gegnung: „Es hat den Papst über­rascht, dass ich ihm zwei Fischchen in die Augen gemalt habe, aber er fand es wun­derbar“, sagt der Künstler.

Er selbst sei nun kurz davor, Atheist zu werden, wie er halb ernst be­merkt: „Nach dem, was jetzt mit der Fassade pas­siert ist, verliere ich lang­sam den Glauben.“ Das ein­gangs zitierte Kinderbuch ist spe­ziell für den Verkauf im Armadams ent­standen: als „Mesas zum Mit­nehmen“. Sollte Jaime España den Kampf doch noch ge­winnen, möchte er das Hotel mit dem voll­endeten Wand­gemälde im Juni er­öffnen. Das wäre wohl ein weite­rer Sieg für die Farbe.

(Text: www.mallorcazeitung.es)

Der Artikel erschien ursprünglich am 22.3.2021 in der Mallorca Zeitung. Wir danken der Autorin Brigitte Rohm für die freundliche Genehmigung.

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