Die Kinder wollen das schaffen
Dezember 30th, 2020 | Published in Einrichtungen, Interview, Jugend & Bildung, Romani, dROMa (Magazin)
Im Gespräch:
Josef Schmidt über die Bildungsarbeit von Roma-Service
In den Vereinsräumen in der Evangelischen Kirchengasse in Oberwart herrscht rege Betriebsamkeit. Hier findet von Montag bis Freitag die Lernbetreuung für Roma-Kinder statt. Seit vier Jahren schon stemmt der „Verein Roma-Service“, neben einem Bündel anderer Aktivitäten, nun auch diese Aufgabe. Bildungsarbeit wird zunehmend zum Herzstück des Vereins. Was das konkret bedeutet und warum das Burgenland hier die Nase vorn hat, erzählt Josef Schmidt.
dROMa: Bildungsarbeit spielt bei „Roma-Service“ ein große Rolle. Mit welchen aktuellen Projekten seid ihr befasst?
J. Sch.: Was immer läuft, ist die Lernbetreuung. D.h. die Kinder werden jeden Tag von Montag bis Freitag nach der Schule abgeholt, kommen zu uns ins Vereinslokal. Und dann werden mit den beiden Lernbetreuerinnen die Aufgaben gemacht, die Vorbereitung für Schularbeiten und Tests. Dazu kommt Freizeitpädagogik, es wird gebastelt, es wird gesungen, es wird gespielt. Oder Plakate gestaltet zu Themen, die gerade anfallen. Und Feiern gibt es auch ab und zu. Wenn es die Zeit zulässt, machen wir auch ein bisschen Roman (Anm.: Burgenland-Romani), so nebenbei. Wir reden es zumindest, dass sie es hören und auch verstehen. Oder wir singen auf Roman, aus unserem Liederbuch. Jetzt mit Corona ist natürlich vieles anders.
Wie war das in den letzten Wochen?
Mit dem Lockdown waren die Schule ja wieder zu. Die Kinder haben online von der Schule ihre Aufgaben bekommen, einen Wochenplan mit Aufgaben in den verschiedenen Fächern. Und das mussten sie ausdrucken und bearbeiten. Und dafür sind sie vormittags zu uns gekommen, und dann waren sie da, so lange sie brauchen.
D. h. wenn die Schulen zu sind, bietet ihr Ersatz?
Genau, die Stunden, die sie normal in der Schule wären, sind sie dann bei uns, und wir machen mit ihnen die Aufgaben. Das wird alles hier erledigt. Normalerweise machen das die zwei Kolleginnen. Und wenn wirklich Not am Mann ist, bin ich auch da. Ich mache zusätzlich noch die „Intensivlernbetreuung“ – wenn die Kinder einmal mehr Unterstützung brauchen. Da kommen sie entweder auch her, oder manchmal, das sind eher die Älteren, schicken sie ihre Übungen auch online oder rufen uns an und sagen, ich kenne mich da nicht aus. Es haben ja fast alle einen PC daheim. Und wir erklären es ihnen oder geben ein Feedback. Und natürlich gibt es auch den Kontakt der Lernbetreuerinnen mit den Lehrkräften.
Die Verbindung mit der Schule bleibt immer aufrecht?
Ja, immer! Das ist schon gut, diese Brückenfunktion und dass wir eine Vermittlerrolle einnehmen. Weil in manchen Haushalten sind drei oder vier Kinder. Das ist dann schon anstrengend. Und man hat dann sicher nicht vier Computer daheim. Da ist es gut, wenn der Großteil zu uns kommt. Und sie kommen ja auch gern und pünktlich.
Burgenland ist ein Modell
Wie hat das begonnen?
Als der „Verein Roma“ aufgehört hat, haben wir die Lernbetreuung übernommen, da sind wir damals nach Oberwart in die Büroräumlichkeiten in der Evangelischen Kirchengasse gezogen. Das war 2017 im Jänner. Und gleich nach den Semesterferien sind schon die Kinder gekommen. So haben wir angefangen. Wir sind eingesprungen, weil es ist schon sehr wichtig, das Projekt. Damit die Kinder die Möglichkeiten haben wie alle anderen auch: dass sie auch höhere Schulen besuchen oder einen Beruf erlernen.
Und da hat sich sehr viel bewegt. Ist die Bildungssituation heute im Burgenland sogar ein Modell für andere Länder?
Burgenland ist ein Modell, in jeglicher Hinsicht. Bei uns gibt es keine „Zigeunerklassen“, wo die Kinder abgesondert werden. Das gibt es nicht! Wenn wir hier in die Schulen schauen: Da werden alle Kinder gleich behandelt, egal welcher Religion oder Herkunft oder Volksgruppenzugehörigkeit. Ja, das ist ein Modell, auch das Minderheitenschulgesetz – dass im Burgenland Kroatisch, Ungarisch und Romanes unterrichtet werden können.
Und heute gibt es in den Schulen keine Diskriminierung mehr, keine negativen Vorfälle?
Nein, nein, Gott sei Dank! Es heißt nie, die Roma-Kinder können nichts oder so, im Gegenteil!
Aber früher gab es das schon, dass Roma-Kinder in Sonderschulen gesteckt wurden?
Bis in die 70er, 80er Jahre war das so. Wenn Kinder heute lernschwach sind, werden sie getestet oder zurückgestellt – das hat es damals nicht gegeben. Damals wurde man automatisch in die Sonderschule abgeschoben, und das hat zum Großteil die Roma-Kinder betroffen. Es gab ja keine Roma-Organisationen, und die Eltern oder Großeltern haben sich zurückgehalten. Weil sie schon froh waren, dass sie die NS-Zeit überlebt haben. Da hieß es nur, ja nicht auffallen! Zum Glück hat sich viel geändert. Heute ist das anders: Die jungen Roma, die studieren oder Berufe erlernt haben, die haben bereits eine Vorreiterrolle. Da sagen die Kinder: Schau, der ist auch dort in die Schule gegangen, der wird Lehrer oder der hat eine leitende Funktion. Das ist gut. Diese Vorbilder gibt es jetzt, und das spornt die Kinder an. Die Kinder wollen das auch schaffen. Und wir Lernbetreuer nehmen da eine Brückenfunktion ein, und alle sind froh, dass wir diese Funktion dort übernehmen. Es ist ja allen geholfen, den Kindern und den Lehrern auch.
Roman in der Schule
Daneben findet auch Roman-Unterricht in der Schule statt.
Da gibt es die „Unverbindliche Übung Roman“. Angefangen hat das 1994 mit der Didaktisierung des Burgenland-Romani in Zusammenarbeit mit der Universität Graz und dann mit dem Minderheitenschulgesetz. Darin wurde 1996 verankert, dass auch Roman-Unterricht in Form einer Unverbindlichen Übung (UVÜ) in den Schulen stattfinden kann. Der Landesschulrat hat damals alle Schulen angeschrieben, dass das jetzt möglich ist, wenn genügend Kinder zusammenkommen. Und in den späten 90ern war es soweit. Das fand einmal die Woche statt und da waren sehr viele Kinder. In Oberwart in verschiedenen Schulen: Volksschule, Hauptschule, im zweisprachigen Gymnasium. Und auch in der Volksschule in Unterwart, dort waren immer auch viele Nicht-Roma-Kinder dabei!
Andere Eltern haben ihre Kinder ebenfalls angemeldet?
Ja, aber auch die Kinder selber wollten das. Das muss man sich vorstellen, das sind Kinder zwischen 6 und 10 Jahren, in der Volksschule, und die sagen: Ich will mitmachen, weil die Sprache interessiert mich. Es wurde von allen Pädagogen und auch von oben, von der Bildungsdirektion, immer unterstützt. Und als „Roma-Service“ gegründet wurde, haben wir die UVÜ gleich übernommen. Weil es müssen Personen sein, die die Sprache können und die auch bei der Kodifizierung und Didaktisierung mitgearbeitet haben. Nur die dürfen das unterrichten. Schulfremde Personen haben in einem Schulgebäude ja eigentlich nichts verloren, aber wir haben eine Sonderstellung. Zur Zeit unterrichten wir in Oberwart in der Volksschule und in der EMS, der früheren Hauptschule. Dort wird es angeboten. Man muss schauen, wo die Kinder stehen, wo man sie abholt. Manche sind nur Passivsprecher, aber sie wissen viel. Weil zum Beispiel auch die Großeltern daheim auf Roman mit ihnen reden. Wir bringen ihnen die Schreibweise bei und die Grammatik, auf eine leichte Art. Das ist eine Herausforderung, weil du hast ja eine gemischte Klasse, aus der ersten Klasse bis zur vierten. Der eine kann schon schreiben, und der andere muss es erst lernen. Darauf muss man Rücksicht nehmen.
Es hat sich viel getan
Wir arbeiten zur Zeit auch viel mit der Pädagogischen Hochschule Burgenland zusammen. Immer wieder finden Treffen statt, wo die Volksgruppen vertreten sind. Dort gibt es das „Forum4Burgenland“, und da wird auch ein Fachwörterbuch für Lehrerinnen und Lehrer ausgearbeitet. Auch Historisches, mit Schautafeln. Sie machen auch „Infodays“ und gemeinsame Veranstaltungen, wo dann zum Beispiel die Geschichte der Roma vermittelt wird. Die Kroaten machen schon lange Schulbücher, für sie ist das nichts Neues. Aber da sind jetzt wirklich alle dabei, auch die Ungarn, die Roma.
Das ist für die Studierenden, die bekommen da Informationen?
Genau. Damit sie dann, wenn sie später Lehrer sind, schon mit entsprechendem Wissen hinausgehen. Falls sie später zum Beispiel Schüler aus einer Volksgruppe haben. Wenn sie nicht sowieso selber einer Volksgruppe angehören.
Unter den Studierenden sind auch Roma?
Ja, es gibt welche, die werden Lehrer. Und andere besuchen etwa die Schule für Sozialberufe in Pinkafeld. Und viele der jungen Frauen arbeiten im Krankenhaus oder in der Krankenpflege. Es hat sich schon sehr viel getan!
Neu ist auch ein Projekt mit der Bildungsdirektion. Worum geht es da?
Da entstehen neue Lehrmaterialien. Das wird alles aufbereitet für die Online-Plattformen, so dass es dort richtige Lernblätter in digitalisierter Form gibt. Für die Lehrer, aber auch für die Kinder. Das ging von der Bildungsdirektion Burgenland aus, von der Leiterin des Minderheitenschulwesens, Karin Vukman-Artner, die hat das initiiert. Sie war heuer einmal in meiner Unterrichtsstunde, sie hat sich das angeschaut und der ORF war auch da. Und danach hat sie gesagt, dass es ein Projekt geben wird zur Erstellung von Lehrmaterialien für den Roman-Unterricht. Materialien nicht nur für uns Roma als Lehrer, sondern auch für die anderen, für ihre eigenen Fächer und Projekte, so dass jeder Zugriff hat. Man geht dann auf diese Plattform und druckt sich das aus. Und da ist auch beschrieben, wie man das didaktisch umsetzen kann.
Hefte und Spiele
Ihr gebt auch eine Kinderzeitschrift heraus, die spielerisch Romani vermittelt. Mit wem arbeitet ihr da zusammen?
„MiniMulti“ gibt es schon bald 30 Jahre. Wir machen das mit dem Kroatischen Kulturverein. Mein Partner dort ist Stefan Bunyai, mit dem arbeite ich da zusammen. Er ist Volksschuldirektor in Parndorf und der Kopf der Redaktion, da sind Lehrerinnen und Lehrer dabei. Und die Ausgaben gibt es auf Kroatisch und auf Romanes. Die Hefte setzen wir auch im Unterricht ein, in der UVÜ. Aber die Kinder bekommen sie auch bei uns in der Lernbetreuung. Da lesen wir das und nehmen das durch. Das ist wirkliches Lehrmaterial. Es werden auf Roman Aufgaben gestellt, Rechenübungen zum Beispiel, oder auch Rätsel. Und es gibt Anleitungen zur Didaktik, also wie man es einsetzen kann oder soll. Es sind immer gute Geschichten drinnen, oft themenbezogen: über die Jahreszeiten oder über die Fußball-EM, das war damals schnell vergriffen. Oder wenn ein Jubiläum ist, demnächst wahrscheinlich „100 Jahre Burgenland“. Und das gefällt den Kindern, und nicht nur ihnen, auch den Größeren.
Vorübergehend waren auch die Roma in Slowenien mit dabei.
Eine Zeit lang, ja. Sie haben von uns die Vorlagen bekommen und haben alles in ihrer slowenischen Romani-Schreibweise übernommen. Es waren aber nur zwei Jahre – solange es sich für sie finanziell ausgegangen ist. Wir haben ja auch am Anfang sechs Ausgaben gemacht, alle zwei Monate, und jetzt sind es nur noch zwei.
Um spielerisches Lernen geht es auch bei einem neuen Projekt …
Ja, die Sprachlernspiele. Als in den 1990ern das Roman verschriftlicht wurde, sind auch Lernspiele entwickelt worden, die man am Computer spielen konnte. Das haben die Kinder, auch die Eltern, gern in Anspruch genommen. Zu dieser Zeit war das vom Technischen her hochaktuell, aber es läuft nicht mehr auf den aktuellen Systemen.
Und es wird eine Neuauflage geben?
Richtig. Emmerich Gärtner-Horvath hat das in einem Gespräch mit Dieter Halwachs aufgegriffen, und jetzt wird das neu aufgearbeitet, in Zusammenarbeit mit der Uni Graz, mit Dieter Halwachs und mit Zuzana Bodnárová. Das ist mehrjährig angesetzt, aber momentan hat es nur ein Vorgespräch in der Gruppe gegeben. Jetzt wird geschaut, was vorhanden ist, wie man das umarbeiten kann für PCs und Smartphones, sodass man die App herunterladen kann. Dann ist es wirklich wieder up to date. Zu den Sprachspielen kommen dann wahrscheinlich auch wieder Lerninhalte, dass zum Beispiel die Geschichte der Roma auch mit einfließt in die Spiele. Damit man auch da was lernt.
Das Gespräch führte Roman Urbaner.
Dieses Interview erscheint in leicht gekürzter Fassung in der Ausgabe 60 unseres Magazins dROMa.