4. Roma-Filmfestival Ake Dikhea?

November 8th, 2020  |  Published in Einrichtungen, Film & Theater, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen  |  1 Comment

LINDY. THE RETURN OF LITTLE LIGHT von Ida Persson Lännerberg (© Chinema Film Sweden AB)Das Berliner Roma-Filmfestival geht – online – in die vier­te Runde: Das Fes­ti­val zeigt 17 Filme, darun­ter Kurz­filme, Doku­men­tar- und Spiel­filme.

Vom 19. bis zum 23. November 2020 laufen in der vier­ten Festi­val-Edi­tion 17 Filme, darun­ter Kurzfilme, Doku­men­tar- und Spielfilme. AKE DIKHEA? findet dabei das ers­te Mal online statt. Wie wich­tig die An­passung an die aktuel­len Bedin­gungen ist, be­tont auch der Schirm­herr des Festivals, Dr. Klaus Lederer, Bürger­meis­ter von Berlin und Se­nator für Kultur und Europa:

Gerade in Krisen­zeiten braucht unsere Gesell­schaft Zusammenhalt, das Aufeinanderzugehen, Sich-ge­gen­seitig-Zu­hören. Und es ist es­sen­tiell, dass gerade Er­fah­run­gen von Roma, LGBTIQ-Men­schen und an­deren oft an­gefein­de­ten Men­schen sicht­bar wer­den. Das AKE DIKHEA?-Film­fes­tival bietet dazu seit vier Jah­ren eine groß­artige Platt­form.

Dr. Klaus Lederer über AKE DIKHEA?

Intersektionalität, Feminismus und Rechte von LGBTIQ+

Der thematische Fokus der diesjährigen Festivalausgabe liegt auf Inter­sek­tiona­lität. Men­schen werden oft nicht nur wegen einer, sondern meh­rerer Identitäts­merk­male be­nachteiligt und damit auch mehr­fach diskri­miniert. Dem­ent­spre­chend ist es ein Anliegen von AKE DIKHEA?, Solida­rität zu zeigen und zu üben – quer durch margi­nali­sierte Gruppen.

Eröffnet wird das Festival mit dem Kurzfilm TRAVELLER PRIDE von Lisa Smith und der inter­natio­na­len Premiere des Dokumentar­films LINDY. THE RETURN OF LITTLE LIGHT (Do, 19.11., 18.00 Uhr). Regisseu­rin Ida Persson Lännerberg be­gleitet darin den Sänger und Schauspieler Lindy Larsson bei der Suche nach seiner eigenen Identität als einem in Südschweden auf­gewach­se­nen Roma-Traveller. Dabei wird auch auf seine Arbeit als queerer Per­formance­künstler ein­gegan­gen sowie die damit ver­bun­dene Aus­einander­setzung mit dem Zu­sam­men­hang von Authen­ti­zität, Wahrheit und Zeugen­schaft. Die Ka­baret­tistin und Schauspielerin Idil Baydar wird als Modera­torin durch den Abend führen. Nach der Film­vorführung gibt es online die Mög­lichkeit zum Aus­tausch mit dem Protagonisten.

Ein weiterer Film, der sich queeren Roma-Perspektiven annimmt, ist der Kurz­spielfilm CHACHO des ukrai­nischen Regisseurs Vitalii Havura, (So, 22.11., 20.00 Uhr). Darin steckt Pro­ta­gonist Yanush, der in einer kon­ser­vati­ven Roma-Com­munity in einer ukrainischen Klein­stadt auf­gewachsen ist, in einem Dilem­ma. Er soll heiraten, ist aber in einen Mann verliebt.

Einen feministischen Blick auf die Situation von Romnja werfen die Dokumentarfilme PRODANA von Aleksandra Nestorov und ROZA‘S SONG von Lowri Rees. PRODANA (So, 22.11., 20.00 Uhr) be­schäftigt sich mit dem Leben von vier Roma-Frauen in Serbien und ihren Er­fahrun­gen zwischen über­wunde­ner Zwangsehe und struk­turel­len Benach­teili­gun­gen. Ein Portrait, das die Integrität und den Willen zum Widerstand der Frauen auf­zeigt. ROZA‘S SONG (Mo, 23.11., 18.00 Uhr) folgt seiner Prota­gonistin bei der Ver­wirk­li­chung ihres Traums: der Auf­nahme der ersten norwegi­schen Roma-Musik-CD, allen Hinder­nissen zum Trotz.

Prominent vertreten im Programm ist Alina Şerban. Die rumänische Schau­spielerin und Regisseurin wurde im Sep­tember dieses Jahres mit dem Deutschen Schau­spielpreis für ihre Rolle in GIPSY QUEEN (Sa, 21.11.,20.00 Uhr) aus­ge­zeichnet. Der Spielfilm von Huseyin Tabak han­delt von der stolzen und selbst­bewussten Ali, die ihr Leben als allein­erzie­hende Mutter in Hamburg mit Gelegen­heits­jobs fristet und schließ­lich wieder mit dem Boxen be­ginnt, um sich ihre Chancen – wort­wörtlich – zu er­kämpfen. Außer­dem prä­sentiert AKE DIKHEA? den Kurzfilm LETTER OF FORGIVENESS (So, 22.11., 20.00 Uhr), bei dem Alina Şerban Regie führte. Thema­tisiert wird darin das Schicksal einer Romni im Rumänien des 19. Jahr­hun­derts, die, wie alle rumäni­schen Roma zu dieser Zeit, versklavt wurde, im Haus­halt einer wohl­haben­den Adligen arbeitet und dabei um Selbst­bestim­mung für sich und ihren Sohn ringt.

„Die Gegenwart der Vergangenheit“

Ein großes Anliegen von AKE DIKHEA? ist die Unterstützung filmischer Aus­einander­setzun­gen mit dem immer noch wenig be­kannten Völkermord an den euro­päischen Roma und Sinti und dem bedenk­lichen gegen­wärtigen Zustand des kollek­tiven Erinnerns. Ein Beispiel hierfür ist der Film LETY (Fr., 20.11., 20.00 Uhr) von Viola Tokárová, František Bikár und Renata Berkyová, der das politi­sche Engage­ment des tsche­chi­schen Roma-Aktivis­ten Čeňek Růžička be­schreibt. Er kämpfte in Lety u Písku für die Ent­fernung einer Schweine­mast­anlage von einem Gelände, auf dem während des Zweiten Welt­kriegs ein Konzentra­tions­lager für Roma und Sinti ein­gerich­tet war. Es diente als Transfer­lager für den Trans­port nach Auschwitz.

Ein besonderes Format hat die britische Regisseurin Roz Mortimer mit ihrem Film THE DEATHLESS WOMAN (Sa, 21.11., 18.00 Uhr) ge­wählt. Dieser hybride Do­kumen­tar­film kom­biniert Zeugen­aus­sagen mit Reenactments und nimmt das Publikum mit auf eine Reise ins Jahr 1942, in dem eine Ro­ma-Matriar­chin durch Nazi-Sol­daten in einem Wald in Polen er­mordet wurde, bis zum Auf­stieg der Rechts­extremen im heu­tigen Europa.

Das Festival bietet darüber hinaus Projektionen des Dokumentarfilms CONTEMPORARY PAST – DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT von Kamil Majchrzak für Schulen an, die sie direkt dort oder über Home­schoo­ling durch­führen können. Der Film be­gleitet junge Men­schen aus Rumänien, Polen und Deutschland bei einem Be­such des ehe­mali­gen deut­schen Konzentra­tions­lagers Buchenwald und zeich­net ihre Aus­einander­setzung mit dem Völker­mord an den Sinti und Roma auf.

Vernetzung und Angebote fürs Fachpublikum

Die Vernetzung zwischen Filmemacher*innen, Akti­vist*innen und Fach­öffent­lich­keit mit und ohne Roma-Hin­ter­grund gehört zu den wich­tigsten Zielen des Festivals.

In dem für die Öffentlichkeit geschlossenen Workshop DOC PROJECT LAB (Sams­tag, 21.11.) er­halten drei Film­teams die Gelegen­heit, ihre Pro­jekte erfahre­nen Mentor*in­nen zu prä­sentieren und Feedback zu be­kommen. Das Mentor*in­nen-Team be­steht aus Andrea Kuhn, Leiterin des „Nuremberg International Human Rights Film Festivals“, Miriam Carbe, Fern­seh­redak­teu­rin bei ZDF und ARTE so­wie dem Film­produ­zenten Alex Tondowski. Be­werben konnten sich Filmemacher*innen aus ganz Europa mit Doku­men­tar­film­projekten in allen Pro­duktions­stufen, die sich kritisch mit der Re­präsen­tation von Sinti und Roma oder ande­rer mar­gina­li­sierter Gruppen aus­einander­setzen.

Zahlreiche Filmfestivals in Deutschland haben einen politischen, aktivis­ti­schen oder identitäts­bezoge­nen Fokus im Hin­blick auf Antirassismus, Anti­kolonialismus, Gender, Feminismus und LGBTIQ+. Der On­line-Work­shop ON BEING INCLUDED. Net­working & Think Tank for Film Festivals (Sa, 21.11., 10:30 – 15:00 Uhr, online mit vorheri­gen Anmel­dung) bietet die Mög­lichkeit für einen Gedanken­aus­tausch mit Festival­organi­sa­tor*innen sowie für Ver­netzung und gegen­seitige Unter­stützung.

Das Festivalthema Intersektionalität wird auch in der Podiums­diskus­sion INTER­SEKTIONA­LI­TÄT IN FILM UND FERNSEHEN (So, 22.11., 18.00 bis 19.30 Uhr) aus ver­schiedenen Blick­winkeln be­leuchtet. Der Regis­seur, Drehbuch­autor und Produzent Faraz Shariat, die Filme­mache­rin Lisa Smith und die Re­gisseu­rin Maissa Lihedheb dis­kutie­ren unter der Mo­dera­tion der Journalis­tin Şeyda Kurt.

Das komplette Programm sowie weitere Informationen sind unter www.roma-filmfestival.com zu fin­den.

(Text: Ake Dikhas?)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Abschlussgala des Festivals „Ake Dikhea?“ says:

    November 24th, 2020 at 11:05 (#)

    [...] ist das – erstmals online ausge­tra­gene – Roma-Film­festival „Ake Dikhea?“ (wir berichteten) mit einer live ge­stream­ten Ab­schluss­gala zu Ende ge­gangen, bei der die [...]