Teilerfolg gegen rassistisch besetzte Namen

September 7th, 2020  |  Published in Radio & TV, Rassismus & Menschenrechte

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24.8.2020 | (on demand)

Paprika- statt Zigeunerschnitzel (Foto: volksgruppen.orf.at)Benennungen wie „Zigeunerschnitzel“, „Zigeu­ner­soße“ oder „Zigeuner­räder“ sind vielen ge­läufig. Nach jahre­lan­gen Be­mü­hun­gen ver­schie­de­ner Vereine und Insti­tu­tio­nen der Roma und Sinti wird die rassis­tisch be­zeich­ne­te „Zigeuner­sauce“ der Mar­ke Knorr nun um­be­nannt und in Zu­kunft als „Paprikasauce Un­ga­ri­sche Art“ an­ge­bo­ten.

Schon im Jahr 2013 wurde das Thema diskutiert. Damals for­der­ten Roma- und Sinti-Or­gani­sa­tionen, den Begriff „Zigeunersoße“ aus dem Sor­timent der Firma Knorr zu nehmen. Knorr lehnte ab und be­grün­dete die Ent­scheidung mit einer (Anm.: vermeintlich) 100-jäh­rigen Tradition ihrer Soße. Neu ent­flammt wurde die Debatte auf­grund des Todes des US-Ame­ri­kaners George Floyd und der darauf­fol­genden „Black Lives Mat­ter“-Be­wegung. Emmerich Gärtner-Horvath, Vor­sit­zender des Volks­gruppen­bei­rates für Roma in Österreich, erzählt, wie er und ein Aktivist aus der Schweiz mit bur­gen­ländi­schen Roma-Wur­zeln die Gunst der Zeit nutzten. Der junge Volks­gruppen­ange­hö­rige und Akti­vist aus der Schweiz will mit seinem Namen in der Öffent­lichkeit nicht auftreten. Die Interview-Anfrage der Re­daktion hat er ab­gelehnt, er woll­te anonym bleiben.

Unsere Kollegin, die Literaturwissenschafterin Katharina Janoska, hielt ver­gange­nes Jahr einen Vortrag über Stereo­type über die Roma-Küche. Ver­mut­lich habe die Namens­gebung ge­wisser Speisen auch mit dem burgen­ländi­schen Touris­mus Mitte des 20. Jahr­hun­derts zu tun, so Janoska. Die falsche Dar­stellung der Roma und Sinti im kulinari­schen Be­reich gibt es aber nicht nur im Burgenland. Auch in ande­ren Ländern bringt man Roma und Sinti immer wieder mit fal­schen Klischees in Ver­bin­dung. Es gab aber auch Gerichte, die aus­schließ­lich aus der Armut entstanden, wie zum Bei­spiel gekochter und gebratener Schweinedarm, den die Roma meist von Schlachtbetrieben bekamen. Die „Borja“, wie es in Romani heißt, waren sehr günstig oder gratis, da sie sonst als Abfall, von den Betrie­ben ent­sorgt wurden. Auch die Jagd war den Volks­gruppen­an­gehöri­gen, bis auf das Niederwild, darunter auch der Igel, ver­boten. So ent­stand das Igelgulasch.

Beim ersten Romani-Kongress im Jahre 1971 wurde fest­gelegt, dass Roma die offizielle Bezeich­nung der Volks­gruppe sein soll. Trotz allem haben die Volks­gruppen­angehö­rigen auch heute noch mit vielen Kli­schees zu kämpfen. Diese Stereotype müssen aus den Köpfen der Mehr­heits­bevöl­kerung verschwinden, sagt Gärt­ner-Hor­vath. Viele Artikel mit der Be­zeichnung „Zigeuner“ werden in nächs­ter Zeit von den Einkaufs­regalen der Supermärkte und auch von den Speise­karten der Gast­häuser und Restaurants ver­schwinden. Gärtner-Hor­vath weiß, dass diese Errungen­schaft nur ein kleiner Baustein der täg­lichen Arbeit gegen Rassis­mus und Dis­kriminierung ist.

Ob man die Umbenennung der Lebensmittel positiv oder negativ empfindet, ist natür­lich jedem selbst über­lassen. Wenn man aber nur einem einzi­gen Menschen dabei helfen kann, sich nicht mehr dis­kri­miniert zu fühlen, ist es schon ein großer Erfolg für die Mensch­lich­keit und ein kleiner Sieg im ewigen Kampf gegen Rassis­mus und Dis­kri­minie­rung.

(Text: ORF-Volksgruppen-Red., Adolf Gussak)

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