Roma-Politik: EU braucht neuen Ansatz

September 21st, 2020  |  Published in Interview, Politik, Rassismus & Menschenrechte

MEP Franz im EU-Parlament in Straßburg, 2018 (Videostill: Europ. Parlament)Romeo Franz: Die EU-Politik gegen Anti­zi­ga­nis­mus muss sich grund­le­gend än­dern


Fast 30 Prozent der Deutschen he­gen Vor­ur­teile gegen Sinti und Roma. Mit diesen Zah­len aus der Mitte-Stu­die der Fried­rich-Ebert-Stif­tung steht Deutsch­land aller­dings nicht al­lein. In ganz Europa gras­siert, auch mit Blick auf die Co­vid-19-Pan­de­mie, Anti­ziganis­mus. Ein Bericht aus dem EU-Par­la­ment for­dert jetzt eine Neu­aus­richtung im Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung von Menschen mit Romani-Hintergrund.

Von Stefan Lauer/Belltower.News

Romeo Franz sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Europaparlament in Brüssel. Franz ist deutscher Sinto und der zuständige Berichterstatter des EU-Parlaments. Sein Bericht befasst sich mit den Bemühungen der letzten zehn Jahre und stellt ihnen kein gutes Zeugnis aus. Es ist ein Rückblick auf den „Europäischen Rahmen für nationale Roma-Integrationsstrategien“ und gleichzeitig eine Empfehlung für eine neue Rahmenstrategie der Staatengemeinschaft gegen Antiziganismus. Der Rechtsausschuss des Parlaments hat die Empfehlungen für die neue Strategie mit großer Mehrheit verabschiedet.

Ein Problem des bisherigen Vorgehens zeigt sich schon in der Sprache. „Vom Begriff ‚Integration‘ habe ich mich nicht an­ge­sprochen ge­fühlt. Meine Familie lebt seit 600 Jahren in Deutschland“, be­rich­tet Romeo Franz. Er for­dert, dass von Inklusion statt von Integra­tion ge­sprochen wird. Und dass die Heterogenität von Men­schen mit Roma­ni-Hin­ter­grund end­lich wahr­ge­nommen wird. Denn einer­seits handelt es sich dabei um die größ­te Min­derheit in Europa, mit etwa 6,3 Mil­lio­nen Men­schen in der EU und zwi­schen 12 und 15 Mil­lio­nen in Kon­ti­nental­europa. Ande­rer­seits sind diese Men­schen divers und unter­schied­lich. Schon seit Jahr­hun­derten leben Men­schen mit Roma­ni-Hin­tergrund in Europa und pfle­gen zum Bei­spiel über 200 Dialekte der Sprache Romanes. Inner­halb der Länder haben sich ein­zelne Gruppen ge­bildet, die dort gesell­schaft­lich tief ver­wurzelt und trotz­dem Dis­krimi­nie­rungen aus­gesetzt sind.

So berichtet Franz beispielsweise von Zahlen aus Italien, wo über 80 Prozent der Mehr­heits­bevöl­ke­rung Sin­ti*zze und Rom*nja ab­lehnen. Oder von einem Besuch in einem kleinen Ort in Ungarn. „Wo der Asphalt endet, leben die Roma“, heißt es in Ungarn und laut Franz be­wahr­heitet sich diese Redens­art. Der EU-Ab­geord­nete berich­tet über ka­tastro­phale Zu­stände. Sied­lungen ohne flie­ßendes Wasser oder Strom. Kinder ohne Zugang zu Bildung, die in Armut leben, wie man sie sich in Europa eigent­lich über­haupt nicht vor­stellen kann.

In Rumänien gibt es eine 450-jäh­ri­ge Geschichte der Versklavung von Men­schen mit Roma­ni-Hin­ter­grund, die erst im 19. Jahr­hundert zu Ende ging. Kon­sequenzen daraus und Dis­krimi­nie­rungen erleben die Men­schen aller­dings bis heute.

Die Situation in Deutschland ist eine andere als die in ost­euro­päi­schen Ländern, und trotz­dem ist auch im west­lichen Teil Europas Dis­kriminie­rung an der Tages­ordnung: „Wenn man einen Job sucht, eine Wohnung, eine Aus­bildung, kann man sich ge­dank­lich ver­abschieden, wenn man sich als Roma outet oder geoutet wird. Egal ob man EU-Ab­ge­ord­neter ist, arbeitslos, ein Bäcker oder Metzger. Man kann sich mit dem beruf­lichen Status nicht da­vor schützen. Man muss ent­weder sehr stark sein oder die eigene Ethnie ver­stecken.“

Es zeigt sich also: Es braucht neue Strategien, um EU-weit gegen Antiziganismus vor­zu­gehen. „Wir for­dern die EU-Kom­mission und die Mit­glieds­staaten auf, einen grund­sätzlich neuen Ansatz in ihrer Roma-Po­litik zu ver­folgen, der ver­bind­lich und über­prüfbar ist, in dem der Kampf gegen Anti­ziganis­mus zur Priorität ge­macht wird und Ver­treter von Roma­ni-Com­munities aktiv in die Ent­wicklung und Umsetzung der nationalen In­klusions­strate­gien in­vol­viert werden. Eine wei­tere Priori­tät muss es sein, dass die nationa­len Strategien auch mit den not­wendigen Finanz­mitteln von Seiten der EU und den Mit­glieds­staaten aus­gestattet wer­den“, so Romeo Franz.

Das bedeutet zum Beispiel die Mitglieds­staaten zu ver­pflich­ten, Maß­nahmen und In­klusions­pro­jekte voran­zu­treiben. Bisher beruhte der „Euro­päische Rahmen“ auf Frei­willigkeit. Auch in Deutschland wur­de er des­wegen nicht voll­ständig um­gesetzt. Der neue Aktions­plan darf nicht paternalis­tisch und von oben herab, schlimms­ten­falls ohne Be­teili­gung von Sin­ti*zze und Rom*nja Maß­nahmen fest­legen. „Be­troffene von Anti­ziganis­mus wurden in der Lösungs­kon­zeption nicht mit einbezogen“, so Franz. Das muss sich ändern. Men­schen mit Ro­ma­ni-Hin­ter­grund sollen von Anfang teil­nehmen. Es braucht aber auch ein klares Budget und vor allem Mög­lich­keiten dieses Budget ab­zurufen. Und zwar so, dass auch kleine­re Or­gani­satio­nen und Vereine die Mög­lich­keit dazu haben, ohne eine eigene Person nur für büro­kratische Fragen ab­stellen zu müssen. Franz fordert auch ein genau­es Monitoring und Kontrol­le darüber, wo Gelder schluss­endlich hin­fließen. Denn be­sonders in Ost­europa kommt es immer wieder zu Kor­ruptions­vor­würfen. Mit dem Label „Roma“ kann Geld ver­dient werden, ohne dass die Be­trof­fenen davon pro­fi­tieren können.

Es wäre nichts weniger als ein Paradigmenwechsel. Die Mit­glieds­staaten würden sich end­lich ein­deutig gegen Dis­kriminie­rung po­sitio­nie­ren. Romeo Franz fasst die For­derungen so zu­sammen: „Es wird zu einer ande­ren Wahr­neh­mung der Men­schen führen. Das Land stellt sich hinter seine Minderheiten und sagt: Ihr gehört zu uns und wer euch dis­krimi­niert, dis­krimi­niert auch uns.“

(Text: www.belltower.news)

Wir danken dem Autor Stefan Lauer und der Redaktion von Belltower.News für die freund­li­che Ge­neh­mi­gung!

Siehe auch:
MEP Romeo Franz antwortet Salvini, 13.7.2018

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