Erinnerung, Bewältigung, Veränderung

Februar 7th, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Medien & Presse, Veranstaltungen & Ausstellungen

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3.2.2020 | (on demand)

Anlässlich des Gedenkens an das Attentat in Oberwart, in der Nacht vom 4. auf den 5. Febru­ar 1995, ver­an­stal­tete die Roma-VHS in Ko­ope­ra­tion mit der AK-Bü­cherei eine Podiums­dis­kus­si­on in Ober­wart.

Podiumsdiskussion in Oberwart: (v.l.) Peter Sitar, Walter Reiss, Ludwig Horvath, Erich Schneller, Manuela Horvath (Foto: volksgruppen.orf.at)Vor 25 Jahren tötete eine Rohrbombe vier Roma: Josef Simon, Erwin Horvath, Karl Horvath und Peter Sarközi. Das rassis­tisch moti­vierte Attentat hin­ter­ließ tiefe Wunden bei den Volks­gruppen­ange­höri­gen und rückte diese zugleich in den Fokus der Öffent­lich­keit. Medien­vertreter, die damals zu den Ersten ge­hörten, die über die Gescheh­nisse in Oberwart berich­teten, waren die ehe­mali­gen ORF-Jour­nalisten Walter Reiss und Erich Schneller sowie Peter Sitar, selbst Oberwarter und damals Redakteur beim Kurier. Sie er­inner­ten sich bei der Podiums­diskus­sion gemein­sam mit Ludwig Horvath, der in der Roma-Siedlung lebt, an jenen Tag, der als Tag des Terrors in die Geschichte ein­ge­gangen ist.

Noch bevor man von einem rassistisch motivierten Akt ausging, berichte­ten einige Medien von einer Fehde zwischen den Ein­wohnern der Roma­siedlung. Diese Infor­mation ging auf Aus­sagen von Ermitt­lungs­beamten vor Ort zurück. Noch bevor man Klarheit hatte, ver­breitete sich diese Infor­mation, die den Rassismus gegen Roma, drei Jahre nach­dem diese als Volks­gruppe an­erkannt worden waren, deut­lich werden ließ. Erst dann folgte eine Nach­rich­ten­sperre, bis schließ­lich klar­gestellt wurde: Es war ein Attentat, ab­gezielt auf die Volks­gruppe der Roma.

Walter Reiss berichtete damals für den ORF und erinnert sich an diese ersten Stunden nach dem Grauen. Die Dis­tanz als Journalist zu wahren, war für ihn damals die größte Heraus­forde­rung. Erich Schneller, Vor­stands­mitglied der Roma-Volks­hoch­schule und jahre­langer Weg­begleiter der Roma­bewegung, führte die ersten Interviews mit Betrof­fenen aus der Volksgruppe. Viele be­fanden sich in einer Art Schock­zustand. Das Trauma, das das Grauen der NS-Zeit hinter­lassen hatte, saß zu tief, als dass es nicht die Angst vor dem schon einmal Erleb­ten wieder leben­dig werden ließ. Die Erleb­nisse während des Zweiten Welt­krieges und der Umgang mit den Roma in der Nach­kriegs­zeit schufen eine tiefe Kluft zwischen Roma und der Mehr­heits­gesell­schaft, die nun noch­mals vertieft wurde. Erich Schneller er­zählt von der tiefen Betrof­fen­heit und dem Schmerz der Roma in Oberwart. Erst als der Atten­täter Franz Fuchs zwei Jahre später ge­fasst wurde, war ein Aufatmen in der Volks­gruppe zu ver­nehmen. Das Attentat habe aber auch sehr viel verändert, denn plötz­lich wurden die Roma für die Mehrheits­gesell­schaft sichtbar ge­macht und man wurde auf­merk­sam.

Ludwig Horvath kam an jenem Abend vor 25 Jahren gerade von der Arbeit nach­hause und traf die vier Roma Josef Simon, Erwin Horvath, Karl Horvath und Peter Sarközi noch auf dem Parkplatz, kurz bevor diese eine Tafel mit der Auf­schrift „Roma zurück nach Indien“ ent­fernen wollten, nicht wis­send, dass sich da­hinter eine Rohr­bombe befand. Wäre er nicht so erschöpft gewesen und gleich nach­hause ge­gangen, wäre er viel­leicht auch ermor­det worden, so Horvath. Er erinnere sich auch an die Haus­durch­suchun­gen der Polizei und das Miss­trauen gegen­über den Roma, das damals herrschte. Trotz der tragi­schen Er­eignisse von damals blickt Ludwig Horvath optimis­tisch in die Zukunft, denn vieles habe sich für Roma seit damals ver­bessert. Im Bildungs­bereich und was den Zugang zum Arbeits­markt betrifft, haben es die Roma heute ein­facher als damals, so Horvath.

Peter Sitar war ebenfalls als einer der Ersten am Ort. Er be­schreibt die ersten Szenen als surreal. Die Leichen lagen noch auf der Straße, Mel­dungen über eine Fehde kur­sierten schon, nur wenigen war zu diesem Zeit­punkt klar, dass es sich um ein rassis­tisch moti­viertes Attentat han­delte. Es war ein Moment, als er die Bericht­erstat­tung so mancher anderer Medien­ver­treter sah, in dem er sich für seinen Berufs­stand schämte. Schamlos wurden Fehl­infor­ma­tio­nen ohne gründ­liche Recherche und ohne Über­prüfung der Fakten ver­breitet, und dies zum Leid­wesen der Roma.

(Text: Katharina Janoska, volksgruppen.orf.at)

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