Wenn Menschen als „Schädlinge“ gelten

Oktober 7th, 2009  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

Der BundDer Prag-Korrespondent Bernhard Odehnal konstatiert in der Schweizer Tageszeitung „Der Bund“ einen drastischen Anstieg rassistischer Gewalt gegen Roma in Osteuropa. In dem umfangreichen Artikel macht er sich auf die Suche nach den Ursachen – und landet (statt sich vor allem auf rassistische Wahnideen und die extremistische Hetze innerhalb der Mehrheitsbevölkerung zu konzentrieren) bei den Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einer marginalisierten und deshalb „problematischen“ Volksgruppe. „Der Rassismus gegen Roma steigt in Tschechien, der Slowakei, Rumänien und Ungarn dramatisch an. Neonazis werfen Brandsätze und morden, der Mittelstand applaudiert. Sind alle Versuche der Integration gescheitert?“, fragt der Autor – so als wären es die „nicht integrierten“ Roma, die letztlich die Gewaltwelle zu verantworten hätten, und nicht mordende Neonazis. Den ansonsten über weite Strecken sehr lesenswerten Artikel finden Sie in voller Länge hier.

Die Überfälle erinnern an Methoden des Ku-Klux-Klans: Häuser werden angezündet und die aus den Flammen flüchtenden Menschen kaltblütig exekutiert. Die mutmasslichen Täter der ungarischen Morde und des tschechischen Brandanschlags sitzen seit August in Untersuchungshaft. In beiden Ländern kommen die Verdächtigen aus der Neonaziszene, die Polizei spricht von „rassistischen Motiven“.

In der rechtsextremen Propaganda hat der Antiziganismus den Antisemitismus abgelöst: Galten Zigeuner früher als faul, aber harmlos und lebensfroh, werden sie heute als aggressiv und parasitär dargestellt. Auf ungarischen Flugblättern sind Roma als Küchenschaben gezeichnet, in Tschechien wirbt die Arbeiterpartei mit dem Slogan „Deratizace“ (Schädlingsvertilgung). Die der DS ideologisch verwandte Nationalpartei kündigte im EU-Wahlkampf die „Endlösung für Zigeuner“ an.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat die Roma-Feindlichkeit in Osteuropa die liberale Mittelschicht erfasst. Auf „asoziale Zigeuner“ zu schimpfen, gehört auch unter Bürgern mit besserer Ausbildung und höherem Lohn zum guten Ton. Wenn in Ungarn, der Slowakei oder Tschechien die jungen Neonazis in ihren schwarzen Uniformen vor den Roma-Gettos aufmarschieren, versammelt sich die „weisse“ Dorfbevölkerung und spendet kräftigen Applaus.

Comments are closed.