Roma-Stand auf Frankfurter Buchmesse

Juni 29th, 2019  |  Published in Literatur & Bücher

Roma und Sinti auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Zentralrat)Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wird in diesem Jahr erst­mals mit einem eige­nen Stand auf der Frank­fur­ter Buch­messe (16. bis 20. Ok­to­ber 2019) ver­tre­ten sein. Meh­rere Auto­ren wer­den in die­ser Zeit am Stand auf­treten.

Jovan Nikolić wuchs in einer serbischen Roma­sied­lung auf und flüch­tete 1999 vor den Nato-Bom­barde­ments nach Deutsch­land. Er hat meh­rere Lyrik- und Prosa­bände ver­öf­fent­licht, z.B. „Zim­mer mit Rad“ (2004), „Weißer Rabe, schwarzes Lamm“ (2006) und „Käfig“ (2009). Sein Debüt­roman „Seelen­fänger, laut­los lärmend“ er­schien 2011. Neben seiner schrift­stel­leri­schen Tä­tig­keit en­ga­giert er sich auch (kul­tur)po­li­tisch. So hat er für den Kölner Rom e.V. die „Roma-Kul­tur­kara­wane“ initiiert und dort u.a. Semi­nare zur Kultur und Ge­schichte der Roma an­ge­boten. Seit 2002 ist er außer­dem Vize­prä­sident des in Helsinki an­säs­si­gen Inter­natio­na­len Ro­mani Schrift­steller­ver­ban­des (IRWA).

Der Berliner Sinto Janko Lauenberger und die Münchner Journalistin Juliane von Wedemeyer, die zu­sam­men das Buch „Ede und Unku – die wah­re Ge­schichte“ ge­schrie­ben haben, wer­den auch am Stand auf der Buch­messe ver­treten sein. Ihre Le­sung wird in Zu­sam­men­arbeit mit dem För­der­verein Roma e.V. am 19. Ok­to­ber statt­finden.

Janko Lauenberger ist erfolgreicher Musiker und Mit­glied der Grup­pe „Sinti-Swing-Berlin“. Er wuchs im Ost-Ber­liner Stadt­teil Lichten­berg auf und hat sich, zu­sam­men mit der Ko-Au­torin, auf Spuren­suche be­geben, um das Schick­sal seiner Ver­wandten zu re­konstru­ie­ren. Denn Ede und Unku haben wirk­lich ge­lebt. Unku, ihr dt. Name war Erna Lauenburger, ist die Ur­groß­cou­sine von Janko Lauen­berger und wurde 1944 in Auschwitz von den Nazis er­mor­det – mit ihr ein Groß­teil der Fa­milie. Zu den weni­gen Über­leben­den ge­hör­te Helene Ansin – die Groß­mutter von Janko Lauen­berger. „Unku“ ist vielen Ost­deut­schen ein Be­griff, denn das Buch „Ede und Unku“ ist ein Jugend­ro­man, den die kom­munis­tische Schrift­stel­lerin Grete Weißkopf 1933 ver­fasst hat und der in der DDR Pflicht­lektüre in der Poly­tech­ni­schen Ober­schule war. Doch heute fin­det sich das Buch in kei­nem Lehrplan mehr, und auch das Schick­sal von Unku und ihrer Fami­lie ist fast gänz­lich in Ver­gessen­heit ge­raten. Das Buch von Janko Lauen­ber­ger und Juliane von Wede­meyer ist nicht nur die Geschichte einer deut­schen Sinti-Fa­milie, son­dern auch ein Buch ge­gen das Ver­gessen.

Schließlich hat Nizaqete Bislimi zu­gesagt, ihr Buch „Durch die Wand – von der Asyl­bewer­berin zur Rechts­anwältin“ am Stand zu prä­sen­tieren. Ihr Werde­gang ist mehr als un­ge­wöhn­lich. Nizaqete Bislimi, die im Kovoso ge­boren wurde,  kam mit 14 Jahren als Flücht­ling nach Deutschland – das war 1993. Die fol­gen­den Jahre lebte sie mit ihrer Fa­milie in Flücht­lings­unter­künf­ten; sie wa­ren ledig­lich ge­duldet und konn­ten jeder­zeit abgeschoben wer­den. Doch sie hat es ge­schafft: Sie legte das Abitur ab, stu­dierte Jura und wird als Anwältin zu­gelas­sen. Mittler­weile ist sie auf Auslän­der- und Asyl­recht spe­ziali­siert und arbei­tet in der Kanzlei, die sie einst in ihrem eigenen Asyl­ver­fahren unter­stützt hat. In ihrem Buch be­schreibt sie ihre Jahre im Flücht­lings­heim und welche Hin­der­nis­se sie im­mer wieder über­winden muss­te, um in Deutschland einen ge­sicherten Status zu er­halten. Heute ist sie auch Vor­sitzende des „Bundes-Roma-Verbandes e.V.“ und setzt sich für die Roma und ihre Rechte ein.

Der niederländische Holocaust-Überlebende Zoni Weisz wird am 20. Okto­ber aus seinem Buch „Der ver­ges­sene Holocaust“ lesen und über seine Kind­heits­erfah­run­gen und Über­lebens­strate­gien in der Nazi-Zeit be­rich­ten. Zoni Weisz wurde 1937 als Sinto geboren und ver­brachte seine Kind­heit in Zutphen, wo sein Vater – ein an­gese­he­ner Musiker und Instru­men­ten­bauer – ein Musik­geschäft be­trieb. Doch im Mai 1944 be­gan­nen die Natio­nal­soziali­sten in den be­setzten Niederlanden Sinti und Roma zu ver­haften und zu depor­tieren. Dem da­mals sieben­jäh­ri­gen Zoni Weisz ge­lang mit Hilfe eines im Wider­stand akti­ven Polizis­ten die Flucht, während seine Eltern und Ge­schwis­ter nach Auschwitz de­portiert und er­mordet wurden. Nach dem Krieg hat sich Zoni Weisz am König­li­chen Hof zum Floristen aus­bilden lassen und über­nahm 1958 ein Blumen­geschäft, das er zu einem inter­natio­nal erfolg­rei­chen Unter­nehmen aus­baute. Doch er machte sich nicht nur in der Blu­men­in­dustrie einen Namen. Seit Jahr­zehn­ten setzt er sich un­ermüd­lich dafür ein, dass der Opfer des National­sozialis­mus ge­dacht wird und dass ins­beson­dere die Rechte der Sinti und Roma An­erken­nung finden. Am 27. Januar 2011 durf­te er an­lässlich des Gedenk­tags an die Opfer des Natio­nal­sozialis­mus als ers­ter Sinto vor dem Deutschen Bundestag spre­chen und schil­derte da­mals mit be­wegen­den Worten seine Erfahrungen.

In Kooperation mit der International Romani Writers‘ Association wird am 19. Ok­to­ber eine Podiums­diskus­sion im „Welt­empfang“ statt­fin­den. Die Lite­ra­tur­wissen­schaft­le­rin Dr. Beate Eder-Jordan, die Lei­te­rin des Drava-Verlags Erika Hornbogner und der Roma-Schrift­stel­ler Ruždija Sejdović wer­den über „Die Literatur von Sinti und Roma – in Deutschland und in der Welt“ dis­ku­tie­ren.

Beate Eder-Jordan ist als Universitäts­assis­ten­tin für Ver­glei­chende Literatur­wissen­schaft an der Leo­pold-Fran­zens-Uni­ver­s­ität in Innsbruck und be­fasst sich seit ihrem Studium mit der viel­fäl­ti­gen Literatur und Kultur der Sinti und Roma. In ihrem 1993 er­schiene­nen Buch „Geboren bin ich vor Jahr­tausen­den… Bilder­welten in der Litera­tur der Roma und Sinti“ unter­sucht sie Ähn­lich­kei­ten und Unter­schie­de in der Literatur von Roma-Au­toren ver­schie­de­ner Länder. Eder-Jordan ge­hört heute zu den weni­gen Ex­perten auf dem Gebiet der internationalen Roma-Literatur und hat zu dieser Thematik bereits zahlreiche Konferenzen und Lesungen organisiert so­wie Vor­träge ge­halten.

Erika Hornbogner leitet seit 2016 den in Klagenfurt an­säs­si­gen Drava-Verlag, der sich seit fast 35 Jahren als Schnitt­punkt von Sprachen und Kulturen ver­steht und v.a. viele Bücher in der Ori­ginal­sprache ver­öffent­licht, darun­ter auch Roma-Märchen so­wie lite­rari­sche Werke von Roma-Auto­ren wie Ilija Jovanović, Mišo Nikolić, Mariella Mehr oder Jovan Nikolić. Im Verlags­pro­gramm fin­den sich aber auch (popu­lär-)wis­sen­schaft­liche Werke zu den Themen­berei­chen Migration, Minder­heiten und Mehr­sprachig­keit in Österreich, Slowenien und an­ders­wo. Außer­dem gibt der Verlag sog. Bücher gegen das Ver­gessen heraus. Das sind Bücher, in denen Kärnt­ner SlowenInnen ihre Erin­nerunvgen an die trau­mati­sche Zeit der NS-Ver­folgung und des Wider­standes dagegen zu Papier ge­bracht haben.

Ein weiterer Podiumsteilnehmer ist Ruždija Sejdović. Der 1966 in Montenegro ge­bore­ne Roma ist Schriftsteller, Dra­maturg und Über­setzer. Sein erster Gedicht­band er­schien 1988 auf Romanes und Serbo­kroatisch. 1989 kam er nach Deutschland und ist seit­dem im Rom e.V. Köln aktiv, für den er eine Biblio­thek auf­ge­baut hat. Zu­sam­men mit Jovan Nikolić hat er ein viel­beach­tetes Theater­stück ver­fasst: »Kosovo mon amour«. Die Tragiko­mö­die han­delt vom Schick­sal einer Roma-Fa­milie, die 1999 aus dem Kosovo nach West­europa flüchten will. Das Stück wurde in Mülheim an der Ruhr ur­auf­ge­führt und be­reits in ver­schie­dene Sprachen über­setzt.

Ohne die finanzielle Unterstützung der Freudenberg-Stif­tung wä­ren der Stand auf der Buchmesse und die Ak­tivi­täten nicht mög­lich. An dieser Stel­le dan­ken wir viel­mals!

(Text: Zentralrat)

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