„Halbe Katoffl“: Hamze Bytyçi

Dezember 1st, 2018  |  Published in Interview, Radio & TV  |  1 Comment

Hamze Bytyçi (Foto: Frank Joung)Unsichtbare Roma, Verwirrspiele & Farben der Kindheit

Halbe Katoffl, Podcast-Ep. 23: Hamze Bytyçi

Hamze Bytyçi ist im Kosovo geboren. Der 36-Jäh­rige kam En­de der Achtzi­ger nach Deutschland. Wa­rum er lan­ge Zeit Schwie­rig­kei­ten hat­te, sich als Rom zu „outen“, wes­we­gen er an­dere gerne ver­wirrt, und wie ihm das Theater bei der Iden­ti­täts­fin­dung half, be­rich­tet er Frank in dieser Epi­so­de von „Halbe Katoffl“.

Hamze Bytyçi ist ein Rom. Bis er das für sich ak­zep­tiert hat und es auch ande­ren gegen­über frei aus­spre­chen konn­te, ver­ging aber eini­ge Zeit. Kein Wunder, wenn selbst die Eltern ihre Her­kunft tabui­sie­ren. „Mein Vater hat im­mer gesagt: Sag alles – aber nicht, dass du Rom bist.“

„Bettelnde Menschen & die Unsichtbaren“

Hamze wurde früh vermittelt, dass die Roma am unte­ren Ende der Hie­rar­chie der Kul­turen stün­den. „Es war klar: Wenn man sagt, dass man Rom ist, dann wird es nicht ein­fach sein. Die offen­sicht­liche, sicht­bare Armut, inter­natio­nal, wird mit uns iden­ti­fi­ziert: mit den bet­teln­den Men­schen. Es gibt mehr als das – aber das ist un­sichtbar.“

So beginnt Hamze schon früh damit, sich als Kosovare, Jugo­slawe oder Albaner aus­zu­ge­ben – je nach Situa­tion und Lust und Laune. Hamze wächst im koso­vari­schen Prizren auf, wo er auch ge­boren ist. Das Familien­leben wird ganz ent­schei­dend von seiner Oma ge­prägt. Be­son­ders, als sie ihren Sohn, Hamzes Vater, plus Ehe­frau aus dem gemein­samen Haus schmeißt, über­nimmt sie das Zepter bei der Erzie­hung. Grund für die räum­li­che Tren­nung sind finan­zielle Dif­feren­zen. Hamzes Groß­mutter führt ein rigides Re­gi­ment über die Kinder: streng, aber liebe­voll. „Alles, was mit Roma-Iden­tität zu tun hat, haben wir von meiner Oma.“

Nach 16 Stationen endlich ein Zuhause

Als Hamzes Mutter im September 1989 dem Vater mit den bei­den Söhnen nach West­europa folgt, bleibt die Oma im Kosovo. Ham­zes An­kunft nach der lan­gen Zug- und Auto­anreise in Deutsch­land ist denk­würdig: Nach der langen Reise über­gibt er sich im Auto eines Be­kannten. „Mein Vater hat mir eine Kopf­nuss ver­passt, und meine Mutter war alles an­dere als er­freut“, be­rich­tet Hamze. Die Flücht­lings­unte­rkunft, in der die Fa­milie zu­nächst unter­kommt, ist eng, voll und ohne jeg­li­che Privat­sphäre. Die fol­gen­den Monate im neuen Land sind un­stet. Die Bytyçis zie­hen von Ort zu Ort. Erst nach 16 Sta­tio­nen lan­den sie ir­gend­wann in Freiburg, wo sie end­lich ein Zu­hau­se fin­den.

Zum ersten Mal Roma-Positivbeispiele

Seine Schulzeit hat Hamze als positiv in Erin­ne­rung. Fragen nach sei­ner Her­kunft be­ant­wor­tet er kreativ. Die Men­schen kön­nen ihn meist nicht einer Nation oder einem Kul­tur­kreis zu­ordnen. Hamze mag es, zu ver­wirren oder sich etwas aus­zu­denken.

Eine Lehrerin erkennt sein schauspielerisches Talent – oder seinen Hang zu ADHS, wie Hamze sagt –, und schickt ihn zum Theater­spielen. Beim Be­such eines Roma-Stücks sieht er zum ers­ten Mal Positiv­beispiele aus seiner Be­völke­rungs­gruppe – im Schein­werfer­licht, auf der Bühne. „Als wir das Stück ge­sehen haben, konn­te ich mich zum ers­ten Mal mit etwas iden­ti­fi­zieren. Dass Men­schen mit mei­nem Hinter­grund das ma­chen, was ich gut finde, hat mich ziem­lich über­zeugt. Schau­spiel hat extrem dazu bei­getra­gen, dass ich die Selbst­bezeich­nung Rom an­ge­nom­men habe.“

Heute ist Hamze professioneller Schauspie­ler und Aktivist. Zusammen mit seiner damali­gen Part­nerin hat er den Verein RomaTrial ge­grün­det, der „die komple­xen Proble­ma­ti­ken des Anti­ziganis­mus (Anm.: die Stig­mati­sierung, Dis­krimi­nie­rung und Ver­fol­gung von Men­schen als ‘Zigeu­ner’) auf Bühne, Bild­schirm und in den Äther brin­gen will – vor al­lem aber in die Köpfe der Gesell­schaft“. Es geht darum, die „Unsicht­ba­ren“ sicht­bar zu ma­chen – und zwar in ande­ren, nicht stereo­typen Rollen. Für ein an­deres, positi­ves Selbst- und Fremd­bild der Roma setzen sich Ham­ze und sein Verein ein.

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Das Projekt:
Der Halbe Katoffl Podcast ist eine Gesprächsreihe mit Deutschen, die nicht-deut­sche Wur­zeln haben. Mo­de­ra­tor ist der Berli­ner Jour­nalist Frank Joung, des­sen Eltern aus Korea kom­men. Das Pro­jekt star­tete Ende 2016. Mehr er­fahren.

(Beitrag: halbekatoffl.de, CC BY-NC-ND 4.0)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Filme nicht über, sondern von Roma says:

    Dezember 10th, 2018 at 10:04 (#)

    [...] auch: „Halbe Katoffl“: Hamze Bytyçi, 1.12.2018 Festival „Ake dikhea?“ sucht Filme, 5.10.2018 „Antiziganismus und Film“, 10.1.2018 [...]