Medien ig­no­rie­rten Jugend­kon­fe­renz

Oktober 29th, 2018  |  Published in Jugend & Bildung, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Deutschland: Bundesjugendkonferenz 2018 (Foto: Ursula Schmidt/Amaro Foro))Deutschland: Über engagierte junge Roma und Sinti wird nicht berichtet

Stellungnahme von Amaro Foro e.V. anlässlich der Fachtagung „Antiziganismus in den Medien“

Erfolgreiche Durchführung des größten Zu­sam­men­kom­mens junger Roma und Sinti, doch die Medien ig­no­rie­ren die Bun­des­jugend­kon­fe­renz 2018 und ver­geben die Chan­ce auf ein Zei­chen ge­gen Ras­sis­mus und für Soli­dar­ität und Viel­falt.

Vom 28. 9. bis 1. 10. 2018 fand die diesjährige Bundes­jugend­kon­ferenz der Roma und Sinti in Berlin statt. Sie wurde von Amaro Drom e.V. und Amaro Foro e.V. orga­ni­siert und mit großer Unter­stützung durch Terne Rroma Süd­nieder­sachsen e.V., die Roma-Jugend Initia­tive Northeim sowie Romano Sumnal e.V. aus Sachsen um­ge­setzt. Die Ver­ans­tal­tung war auch dieses Jahr ein großer Erfolg. In den zwei­tägigen Work­shops und dem teils öffent­li­chen Abend­programm dis­kutier­ten die Teil­nehmer*in­nen ihre Ziele und Visio­nen für eine solida­rische Gesell­schaft der Vielen und ver­netzten sich, um dieser Vision gemein­sam näher­zu­kommen.

Die zahlreich eingeladene Presse blieb der Veranstaltung fern.* Schon in den ver­gan­ge­nen Jahren tat sich die Presse schwer damit, der größ­ten bundes­weiten Ver­anstal­tung junger Roma und Sinti (gegen­dert Rom*nja und Sinti*zze) einen Nachrich­ten­wert ab­zu­gewin­nen. Wenn in einer Presse­ein­ladung von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland Schlag­worte wie „Betteln“, „Krimina­lität“, „Obdach­losig­keit“, „Horrorhaus“ oder „Dis­kriminie­rung“ feh­len, scheint es kein In­teresse zu geben, egal wie aktuell und politisch rele­vant die Inhalte der Ver­anstal­tung sein mögen. Rom*nja und Sin­ti*zze sind für deutsche Medien vor allem dann in­teres­sant, wenn sie als passive Opfer prä­sen­tiert oder als kriminell dar­ge­stellt werden kön­nen. Wollen sie jedoch selbst zu Wort kommen, um ihre Ge­schichten und politi­schen Ziele in die Öffent­lich­keit zu tragen, passen sie nicht mehr in die Schab­lonen, die ihnen die Medien offen­bar zu­weisen – und wer­den ignoriert.**

Schon bei der Bundesjugendkonferenz 2015 in Niedersachsen wurde in loka­len Zeitungen zwar über das zeit­gleich statt­fin­den­de Ernte­dank­fest eines nahe­gelege­nen 200-See­len-Dorfes, nicht aber über das Treffen po­litisch enga­gierter Jugend­licher der größ­ten Minder­heit Europas be­richtet. Auch in den darauf­folgen­den Jahren blieb das Interes­se grö­ße­rer und kleine­rer Medien bis auf weni­ge Aus­nahmen aus. Oft­mals mit der Begrün­dung, es gebe in den de­zentra­len Ver­anstal­tungs­orten keine Kor­respon­dent*in­nen. Diesem Ar­gu­ment fehlte 2018 mit dem Ver­anstal­tungs­ort Berlin jede Grund­lage.

Deutschland erlebt derzeit einen massiven Rechtsruck. Schwarze Men­schen, People of Color, Juden*Jüdin­nen und Rom*nja und Sin­ti*zze wer­den immer stärker bedroht von ras­sisti­scher Hetze und Gewalt. An­ge­sichts dieser Ent­wick­lungen braucht es klare Positio­nie­run­gen gegen rechts und es braucht die Möglich­keit für rassis­tisch Ver­folgte, ihre Posi­tio­nen öffent­lich zu machen. Die Medien sind für den der­zeiti­gen Rechts­ruck in Deutschland mit­ver­antwort­lich. Sie ge­stalten die öffent­liche Meinung mit durch eine Fokus­sie­rung auf Negativ­schlag­zeilen, ins­beson­dere wenn es um Minder­heiten, Ein­wanderung und Asyl­suchende geht. Sie ge­stalten mit, wenn sie sich einem Um­denken bezüg­lich der Ver­wendung von Begrif­fen wie „Flücht­lings­krise“ oder „fremden­feindlich“ ver­weigern, die rassis­tische Denk­weisen fort­schrei­ben.*** Sie gestalt­en mit, wenn sie ent­scheiden, dass an jungen Rom*nja und Sinti*zze, die ihre Po­sitio­nen ver­treten wol­len, kein Interes­se be­steht.

Was haben Sie, was haben die deutschen Medien also auch dieses Jahr ver­passt? Welche Inhalte fehl­ten an besag­tem Wochen­ende in Radio, Fernsehen, Print- und On­line­medien? Ver­passt wurde die Möglich­keit, Interviews mit jun­gen Rom*nja und Sin­ti*zze aus ver­schie­denen Bundes­ländern zu führen, ihre unter­schied­lichen Geschich­ten und Stand­punkte einem breiten Publi­kum vor­zu­stellen. Sie hätten ihre Ein­drücke aus den Workshops zu Foto­grafie und sozia­len Medien, re­volutio­nä­rem Tanz­theater, politi­scher Teil­habe und Romnja-Ge­schichte wäh­rend des Natio­nal­sozia­lis­mus ge­teilt. Sie hätten er­zählt, was dieses größ­te Treffen junger Rom*nja und Sin­ti*zze für sie per­sönlich be­deutet und wie ihre Vision für eine an­dere Ge­sell­schaft aus­sieht.

Verpasst wurde es also Bilder, Stimmen und Geschichten jun­ger Rom*nja und Sin­ti*zze in die Öffent­lich­keit zu tra­gen, die aktiv dieses Land mit­gestal­ten, politi­sche Ideen ent­wickelt haben und sich selbst­bewusst für ihre Ziele ein­setzen. Wie etwa bei der öffent­lichen Podiums­dis­kus­sion am Sonntag­abend, auf der jugend­liche Teil­neh­mer*in­nen ihre Fragen und For­derun­gen mit Susanna Kahlefeld (MdA Berlin, Bünd­nis90/Die Grünen) dis­kutierten.

Eine solche Berichterstattung wäre in der derzeitigen Medien­land­schaft eine kleine Sen­sation, denn sie findet bis­lang, bis auf viel zu wenige Aus­nahmen, nicht statt. Ver­passt wurde nicht zu­letzt die Mög­lich­keit, ein Zeichen für eine solida­rische Gesell­schaft der Viel­falt und der Vielen zu setzen. Ein Ziel, das sich viele Medien auf die Fah­nen schrei­ben.

* Eine Rückmeldung auf unsere Presseeinladung kam von Radio Bremen. Eine Jour­na­lis­tin führte im Vor­feld der Bundes­jugend­konfe­renz ein Inter­view mit dem Bremer Musiker und Ak­tivis­ten Femi Abazi. Das Interview kann hier angehört werden.
** Markus Ends Studie „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“ für das Doku­men­ta­tions- und Kultur­zentrum Deut­scher Sinti und Roma aus dem Jahr 2014 be­legt diese medialen Me­chanis­men aus­führl­ich.
*** Vgl. Glossar der Neuen deutschen Medienmacher: „Flüchtling­krise“ S. 54, „Fremden­feindlich­keit“ S. 22

Die Presseeinladung vom 20.9.2018 können Sie hier nachlesen.
Einen ausführlichen Bericht über die Bundesjugendkonferenz 2018 finden Sie hier.

(Text: Amaro Foro)

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