Warum die Wunde offen bleibt

Oktober 10th, 2016  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Interview

Marika Schmiedt: Warum die Wunde offen bleibtDokumentarfilm von Marika Schmiedt, AT 2016, 80 min.

Premiere in Anwesenheit der Regisseurin
Sa., 22. Oktober 2016, 17.30 Uhr
Top Kino, Rahlgasse 1, 1060 Wien

Marika Schmiedt untersucht und benennt die Wunde, ver­sucht sie zu begrei­fen, greift hinein, zerrt und wei­tet sie. Das ist ein inten­si­ver und schmerz­haf­ter Pro­zess und der dabei ent­stan­dene Doku­men­tar­film ist kein ein­fach zu kon­sumie­ren­der. Im Film wird viel gespro­chen, nach 78 Minu­ten wird klar, dass auch über das „Un­aus­sprech­li­che“ gespro­chen werden kann und muss. Über Struk­tu­ren der Diskri­mi­nie­rung, der Gewalt und über Kon­ti­nui­tä­ten. Marika Schmiedt und ihr Film spre­chen sich al­ler­dings gegen eine ver­harm­lo­sen­de, ober­fläch­li­che Heilung aus, viel­mehr wer­den Wege der Ver­tie­fung und des Wider­stands ge­zeigt.

„Warum die Wunde offen bleibt“ beschäftigt sich mit der Auf­arbei­tung des Holocausts an Roma und Sinti durch die so­ge­nannte „2.“ und „3. Gene­ra­tion“. Die histo­ri­schen Ver­trei­bun­gen, Ver­fol­gun­gen und Mas­sen­morde werden the­ma­ti­siert, auch per­sön­lich durch das bio­gra­fi­sche Erzählen der Pro­ta­gonistin­nen. Dabei ver­deut­licht gerade die Rela­tion zu aktu­el­len Dis­kri­mi­nie­run­gen und Ver­bre­chen gegen Roma und Sinti die Not­wen­dig­keit um­fas­sen­der Aus­einan­der­setzun­gen: ge­schicht­licher, fa­miliä­rer, psycho­ana­ly­ti­scher und nicht zu­letzt die Dring­lich­keit der poli­tischen.

Im Mittelpunkt des Films stehen lange Interviews bzw. Gesprä­che mit drei be­ein­drucken­den Frauen: Anna Gleirscher-Entner ar­bei­tet seit vie­len Jah­ren als psycho­sozia­le Be­ra­terin und hat ein Sach­buch mit dem Titel „Das Un­aus­sprech­liche in der psycho­sozia­len Bera­tung von Sinti und Roma“ ver­fasst. Ihre wis­sen­schaft­li­che Arbeit ist von ihrer Biogra­fie – Gleirscher-Ent­ner ist als elf­tes Kind in einer Sinti-Fa­milie auf­ge­wach­sen – nicht trenn­bar. Die Er­fah­run­gen, das Schweigen über den Holo­caust, die Ver­trei­bung und Ermor­dung von Fami­lien­mit­glie­dern, führ­ten sie schluss­end­lich zu dem „Tabubruch“, öf­fent­lich über kol­lek­tive und indi­vi­duel­le Traumata zu reden, zu pub­li­zieren.

Elisabeth Brainin, eine Psychiaterin und Psychoanalytikerin, be­rich­tet über psy­cho­lo­gi­sche Hinter­gründe der so­ge­nann­ten Mehr­heits­gesell­schaft, die den National­sozialis­mus und seine Impli­ka­tio­nen gerne als Schluss­strich­thema be­trach­tet. Das Nicht-An­er­ken­nen und das feh­lende Be­wusst­sein über Roma und Sinti als Opfer­gruppe des NS-Re­gimes füh­ren zu einer er­neu­ten Vik­ti­mi­sie­rung. Genau dieser und ihren Me­cha­nis­men gilt es aber zu ent­kom­men, viel­leicht auch um (kämpfe­ri­sche, künst­le­ri­sche, po­li­ti­sche) Allian­zen in­ner­halb einer hetero­ge­nen Ge­sell­schaft auf gleich­wer­ti­ger Ebene ein­ge­hen zu kön­nen.

Im Gespräch mit der Schriftstellerin und Aktivistin Simone Schönett er­fah­ren wir vom Ver­decken, Ver­stecken und von As­si­mi­la­tion. Die Schrift­stel­lerin schreibt da­gegen an, fühlt sich aber oft alleine mit ihrer Ein­stel­lung, dass man „die Hand, die füt­tert, auch beißen darf“. Auf die von di­ver­sen Klischees ge­präg­ten Roma­bilder fal­len näm­lich auch die of­fi­ziel­len Ver­tre­terIn­nen herein, sie wür­den als „Vor­zeige­roma“ mit diesen Kli­schees agie­ren und so eine fun­dier­te und ef­fi­zien­te Roma­politik, die die Gesamt­gesell­schaft er­rei­chen muss, ver­un­mög­li­chen.

Marika Schmiedt macht die „offene Wunde“ auch als ihre persön­liche be­greif­bar: Mit dem Bei­spiel der Ab­leh­nung und Be­kämpfung ihrer künst­le­ri­schen Inter­ven­tio­nen gegen roma­feind­liche Politik. Die Zer­stö­rung einer Plakat­serie mit dem Titel „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa.“ in Linz im Jahr 2013 (wir berichteten) könn­te eigent­lich als „ge­lun­gene“ Ak­tion, als deut­li­cher An­griff gegen die sys­te­mi­sche Roma­phobie in Politik und Ver­wal­tung inter­pre­tiert werden. Da muss­ten sich die ver­meint­lich Stär­ke­ren mit nahezu gro­tes­ken, weil über­trie­benen Mitteln, wie mit An­zeigen wegen Ver­hetzung gegen eine Künst­le­rin und ihre künst­le­ri­sche Frei­heit, durch Ver­nich­tung von Kunst­werken und An­pran­ge­rung in rechts­extremen und faschis­ti­schen Medien, weh­ren. Das macht die Macht­ver­hält­nisse mehr als deut­lich, wobei ins­gesamt diese Vor­komm­nisse aber auch als Kon­tinui­tät von Rassis­mus und Gewalt gegen Roma ver­stan­den wer­den müs­sen.

Wir können gar nicht anders.“ Dieser Satz, dieses Motto für Auf­arbei­tung und Aktivis­mus wird im Film auf­grund von per­sön­licher Invol­viert­heit und Familien­geschichte be­grün­det. Dieses „wir“ könnte im Ideal­fall aber auch eine Allianz von Fra­gen­den, immer weiter For­schen­den und Akti­vistIn­nen sein, die alle­samt wollen, dass sich die Geschichte nicht wieder­holt. Und dafür muss wohl die Wunde of­fen bleiben.

(Text: Eva Simmler / topkino.at)

Comments are closed.