Brandanschläge: Brief an Linzer Bürgermeister

März 4th, 2016  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Offener Brief des Romano Centro, WienAnlässlich der drei Brand­anschläge auf die Zelte obdach­loser Roma-Fa­mi­lien in Linz und den darauf­fol­gen­den Reak­tio­nen über­mit­telte Romano Centro heute fol­gen­den Brief an Bürger­meis­ter Klaus Luger:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

mit Entsetzen haben wir von den mittlerweile drei Brandanschlägen (am 14. und am 16. Febru­ar sowie am 2. März) auf ein Zeltlager von Roma in Linz ge­lesen, 50 Per­so­nen wurden da­durch an­ge­grif­fen und ver­lo­ren ihre weni­gen Hab­selig­keiten. Es ist un­er­träg­lich, dass mit Gewalt ge­gen die Ärmsten in un­se­rer Ge­sell­schaft vor­ge­gan­gen wur­de. So wie Sie fin­den wir es skan­da­lös, dass die Öf­fent­lich­keit zu­nächst beinahe nichts von den Vor­fällen er­fah­ren hätte.

Gut, dass Sie in Ihrer Aussendung die Brandanschläge klar verurteilen. Eini­ge Ih­rer Aus­sa­gen befremden uns da­ge­gen sehr:

Laut einem Artikel im Falter vom 2. März haben Sie ge­meint, die Leute wür­den auf­grund einer „kulturellen Thematik“ die ihnen an­ge­bote­nen Not­schlaf­stellen nicht an­neh­men und nur des­halb auf der Straße schla­fen. Dies ist nicht zu­tref­fend. Wie auch die Auto­rin des Arti­kels re­cher­chiert hat, haben rumä­nische Staats­ange­hö­rige ohne An­spruch auf Min­dest­siche­rung auch keinen Zugang zu Not­schlaf­stellen.

Die Aussage und die dahinter stehende Annahme ist leider sehr ty­pisch für die Debatte. Die schwe­ren sozia­len Proble­me, unter denen diese Men­schen leiden, wer­den ihrer „Kultur“ zu­geschrie­ben. Die Men­schen leben aber nicht in Zelten oder auf der Straße, weil das ihrer Tra­di­tion ent­spräche, son­dern weil sie keine bes­sere Mög­lich­keit haben.

Den Vorschlag, die Gruppe möge auf dem Durchreiseplatz am Pich­lin­ger­see unter­kom­men, ist gänz­lich absurd und zeigt neuer­lich, dass die Proble­me der Gewalt­opfer durch­gän­gig mit ihrer eth­ni­schen Zu­ge­hörig­keit in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den, an­statt sich an der konkre­ten Lebens­situa­ti­on zu orien­tie­ren. Wie soll eine Gruppe ohne Wohnwagen auf einem Durch­reise­platz leben? Die Not­reisen­den sind keine Durch­reisen­den, sie pen­deln vielmehr zwi­schen Rumänien und Öster­reich, weil sie in Ru­mä­nien ihren Lebens­unter­halt nicht ver­die­nen kön­nen.

Besonders problematisch finden wir den Umgang mit der The­ma­tik auf der stadt­eige­nen Internet­platt­form schau.auf.linz.at. Hier finden sich immer wieder Mel­dun­gen mit rassis­ti­schen und teilweise ver­hetzen­den In­halten, es wird von einer „Zigeunerplage“ ge­schrie­ben und die Betreiber rea­gie­ren darauf nicht bzw. erst, wenn wir mit dem Weg an die Öf­fent­lich­keit drohen.

Diese verbale Aggression ebnet den Weg zu tätlichen Angrif­fen. Wenn dies auf einer offi­ziel­len Seite der Stadt pas­siert, ist die Wir­kung umso ver­hee­ren­der. Am 2. März wurde auf schau.auf.linz.at die genaue Lage des Zeltlagers ver­öffent­licht, es wurde der Ab­bau der Zelt­stadt und die Reini­gung der Wald­fläche ver­langt (Eintrag von 10.14 Uhr). Am Nach­mittag brannten dann die Zelte.

Auch der praktische Umgang der Stadt Linz mit Notreisen­den muss drin­gend ver­bes­sert werden. Es kann nicht sein, dass Familien mit Kindern auf der Straße leben müs­sen. Viele Städte in Öster­reich – etwa Wien, Graz, Salzburg – haben für Not­rei­sende aus Ru­mä­ni­en, Bulgarien oder der Slowakei in­zwi­schen zumin­dest Schlafplätze für die kalte Jahres­zeit ge­schaf­fen, bieten teil­weise Beratung bzw. auch medizi­nische Notfall­hilfe an, die Kinder besu­chen Schulen. Wir sind über­zeugt, dass auch die Stadt Linz in der Lage ist, die Situa­tion prag­ma­tisch und men­schen­recht­lich korrekt zu be­wäl­tigen, und wir fordern Sie auf, sich dafür ein­zu­setzen. Die Opfer der Brand­an­schläge brau­chen viel­fältige Unter­stützung, auch psycho­logi­sche Betreu­ung sollte ihnen an­gebo­ten werden, wie es für Gewalt­opfer in vielen Fällen selbst­ver­ständ­lich ist.

Mit freundlichen Grüßen
Andrea Härle, Geschäftsführung

(Text: Romano Centro, 4.3.2016)

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