„Ein toller Mensch und Kämpfer“ ist gestorben

Dezember 12th, 2015  |  Published in Ehrungen & Nachrufe

Kurt Holl (Foto: KSTA.de/St. Worring)Der Roma-Aktivist Kurt Holl ist in der Nacht zum Frei­tag an den Fol­gen einer Krebs­erkran­kung ver­stor­ben. Bis zu­letzt kämpfte der al­ter­na­tive Kölner Ehren­bür­ger für die Rech­te von Min­der­heiten.

http://www.ksta.de/koeln/-kurt-holl-nachruf-sote,15187530,32913438.html

Von Anja Katzmarzik und Uli Kreikebaum

ksta.de: Kurt Holl war 69, da schlug er seinem zwölf­jährigen Sohn vor, gemein­sam vor Starbucks gegen die Aus­beu­tung äthio­pi­scher Kaffee­bauern zu demonstrie­ren. Im April 2015 stand er als 76-Jäh­riger vor Gericht, weil er im Wahl­kampf Plakate der rechts­extremen Grup­pie­rung Pro Köln ab­ge­hängt hatte. Kurt Holl sagte vor dem Amts­gericht mit seiner sonoren, keinen Wider­spruch dul­den­den Stimme: „Plakate mit Auf­schrif­ten wie »Wut im Bauch? Lass es raus!« oder »Bürger­mut stoppt Asylanten­flut« fal­len nicht unter die freie Mei­nungs­äuße­rung, sie sind offen aus­länder­feindlich und haben volks­ver­hetzen­den Cha­rak­ter.“ Eine Epi­sode, wie sie gewiss vor­ge­kom­men wäre in seiner Auto­biogra­fie, die er leider nicht mehr ganz fertig­stel­len konnte.

Geboren 1938, war Holl 1956 durch den Auf­stand in Ungarn politisiert worden. Von An­beginn ein streit­barer Mensch, weil er gerne stritt – für ande­re, gegen Unge­rech­tig­keiten und gesell­schaft­liche Miss­stände – mit dem Ziel, die Ver­hält­nisse grund­legend zu ver­än­dern. Er kämpfte gegen Krieg und für den Erhalt von Woh­nun­gen tür­ki­scher „Gast­arbeiter“, für ver­besserte Rechte der mit Pflicht­arbeit beleg­ten Sozial­hilfe­empfän­ger.

Mit „Holl hier“ meldete er sich unmissverständ­lich am Tele­fon. Was er zu sagen hatte, war oft eilig, weil es Menschen­schicksale betraf. Es ging um Jugend­liche, die trotz großer Talente auf Förder­schulen landen. Um Familien, die trotz großer In­tegra­tions­erfolge ab­gescho­ben wer­den sollten. Für Füll­wörter war da keine Zeit. Meist ging es in den Gesprä­chen um die Situa­tion der Roma in Köln, neue Pro­jekte des Rom e.V., dessen Grün­dungs­mit­glied und lang­jäh­riger Vor­sitzen­der er war.

Als solchen lernte ihn auch die „wir helfen“-Vor­sitzende Hedwig Neven DuMont kennen und schätzen. Sie nennt ihn einen „tol­len Men­schen und tollen Kämpfer“. Den Mann, der im Jahr 2007 mit ihr den Rhein­land­taler und 2011, wieder gemein­sam, die alter­na­tive Ehren­bürger­schaft er­hal­ten sollte, bestach durch eine große Klar­heit in seinem Kampf für die Rechte und Würde von Minder­heiten. „Er hatte genau das, was es heute zu wenig gibt: Eine klare politi­sche Hal­tung gepaart mit Warm­herzig­keit“, sagt Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flücht­lings­rat.

Die Integration der Roma lag Kurt Holl am Herzen, seit im Sommer 1986 die ersten Familien auf den Butzweilerhof kamen und eine Elendssiedlung entstand, die im Schlamm versank. Mit den Roma besetzte er den Gestapo-Keller im El-De-Haus, bis Willy Brandt deren Abschiebung stoppte. Mit den Roma besuchte er 1988 die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Pogrom-Nacht im Schauspielhaus, griff nach Ministerpräsident Johannes Rau ungefragt zum Mikro.

Die Morddrohungen gegen ihn und seine Mitstreiter konnten ihm nichts anhaben. „Dass sich das Bild von den Roma in der Öffentlichkeit gewandelt hat, war einer seiner größten Erfolge“, sagt Elisabeth Klesse, die ihn aus 28 Jahren bei Rom e.V. kennt. „Kurt war furchtlos und unglaublich hartnäckig. Es ist erstaunlich, wie viele seiner eigentlich unmöglichen Ideen wahr geworden sind.“

In Gesprächen mit der Redaktion ging es oft auch um den Zustand der Gesellschaft. Die Gegenwart war für Kurt Holl so nicht hinnehmbar: Die verkürzten, rationalisierten Studiengänge, die Generation Praktikum, die Schwarmmeinungen auf den sozialen Netzwerken, das Dahinsiechen des Idealismus – solche Entwicklungen machten ihn traurig. Er wollte ihnen etwas entgegensetzen.

In Köln gut aufgehoben

Selbst kam er aus (klein)bürgerlichen Verhältnissen. Er ging in seiner bayerischen Heimat Nördlingen, später dann in der Kölner Kreuzgasse aufs Gymnasium, war früh verlobt, wollte ein Häuschen bauen und heiraten, ganz wie die Eltern, wobei er den Vater, der als Soldat der SS 1942 in Russland fiel, kaum kennengelernt hatte. „Aber irgendwann kam das tiefe Unbehagen gegen den Lebensstil der Eltern voll durch“, hat er in einer Fernsehdokumentation über die 1968er Generation gesagt. „Weil die Eltern derart aggressiv auf uns reagierten, wurde es zur politischen Revolte.“ Und Kurt Holl mittendrin, immer einer der Anführer, und dabei stets auch Lebemann, seinem Charisma erlagen viele Frauen. Als Vater zweier Söhne von zwei Müttern ging Holl 2002 noch einmal eine Ehe ein. Seine letzte Frau verstarb am Neujahrstag 2012.

In Köln fühlte sich der Revoluzzer gut aufgehoben: Die klerikale Hochburg bot der Studentenbewegung reichlich Angriffsfläche und eine in Deutschland führende kulturelle Szene, die kreativ wie provokant zu protestieren wusste. 1961 begann sein Studium der Geschichte, Philosophie und Französisch in Heidelberg, Nancy und Köln. Mit dem Auschwitz-Prozess, der „Spiegel“-Affäre und den Notstandsgesetzen wurde ihm die BRD fremd. Kurt Holl protestierte gegen den Vietnamkrieg und kettete sich an Gleise, als die KVB die Fahrpreise erhöhen wollten. 1973 stürmte er mit anderen Demonstranten das Bonner Rathaus.

Rechte Hand von APO-Führer Rudi Dutschke

Immer wieder musste sich der Lehrer vor Gericht verantworten, galt als rechte Hand von APO-Führer Rudi Dutschke in Köln und erhielt für fünf Jahre Berufsverbot. Als er 1974 sein Referendariat am Hansa-Gymnasium begonnen hatte, erhielt er nach einigen Monaten die Mitteilung, er sei „charakterlich nicht geeignet“. Die Schüler demonstrierten vergeblich für ihn.

Als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Sozialarbeit mit dem Thema: „Türkische Dörfer in Köln“ verhindert er mit den Studenten seines Seminars den Abriss einer türkischen Siedlung in Merkenich. Unter den Studenten war auch Jürgen Becker.

1979 versteckte sich Kurt Holl mit einem Fotografen im Keller des El-De-Hauses, um über Nacht Fotos von den Zellen zu machen. Als diese öffentlich gezeigt wurden, kam die Debatte in Gang, die zum Bau der Gedenkstätte führten. Am Kaiser-Wilhelm-Ring übernachtete er 1985 auf einer Platane, um mit anderen Demonstranten den Bau eines Parkhauses und die damit verbundene Fällung der Bäume zu verhindern. Holl, inzwischen Gründungsmitglied der Grünen und für die Fraktion im Stadtrat, wurde angeklagt, weil er Eier und Farbbeutel geworfen hatte. Für Demonstrationen hatte er den Schuldienst am Gymnasium Ostheim geschwänzt – als Lehrer war er stark umstritten, geliebt und gehasst. Wegen des Radikalenerlasses wurde er als Lehrer nie verbeamtet – Holl galt als potenziell verfassungsfeindlich. Den Unterricht nutzte er oft für aktuelle politische Diskussionen, zeigte auch schon mal Anti-Aufrüstungs-Plakate der Grünen, von denen er das Partei-Logo wegknickte.

Kölner Willkommenskultur gab Kurt Holl neue Kraft

Als Sinti-Familien im Sommer 1986 auf dem Schulhof in Ostheim kampierten, ließen der Direktor und andere Lehrer die Gruppe von der Polizei vertreiben. Holl und viele andere Schüler solidarisierten sich mit den Familien und organisierten ein Fest für sie. Lehrer verteilten Flugblätter gegen Holl, Eltern verlangten seine Entlassung. Holl schaltete die Landesregierung ein und durfte schließlich bleiben. Dort, wo damals die Sinti kampierten, entstehen heute Leichtbauhallen für Flüchtlinge.

Mit dem Bildhauer Gunter Demnig entwickelte Holl die Idee der Stolpersteine: Der erste Stein wurde vor dem Historischen Rathaus – ohne Erlaubnis der Behörden – unter Beteiligung des Rom e.V. eingelassen.

Die Kölner Willkommenskultur für Flüchtlinge war eine Entwicklung, die dem zuletzt von den Folgen einer Krebserkrankung gezeichneten Kurt Holl Hoffnung und neue Kraft gegeben hat. Vor einigen Wochen hatte er die Idee, der hohl klingenden politischen Forderung, „die Fluchtursachen in den Ländern selbst zu bekämpfen“, mit einer Aktion entgegenzutreten: Er wollte mit möglichst vielen Menschen nach Mazedonien, Bosnien oder Albanien reisen, um zu sehen, wie die Menschen dort eigentlich leben. Dazu ist es nicht mehr gekommen.

Kurt Holl, der charismatische wie unbeugsame Kämpfer für eine bessere Welt, starb am 10. Dezember. Es war der Internationalen Tag der Menschenrechte.

Dieser Nachruf erschien zuerst im Kölner Stadt-Anzeiger. Wir danken Anja Katzmarzik für die freundliche Genehmigung.

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