Nedjo: „Schule ist ein Stück Normalität“

November 18th, 2015  |  Published in Interview, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte  |  1 Comment

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„Das haben wir nicht verdient“: Die Angst der Roma-Flüchtlingskinder vor Abschiebung (Teil V)

GfbV Berlin: Der Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland wird für dieses Jahr auf 800.000 ge­schätzt. Um Platz für sie zu schaf­fen, sollen vor allem Roma aus dem Kosovo ab­ge­scho­ben wer­den. Darun­ter Hun­derte Kinder, die in Deutsch­land ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen sind. Doch was be­deu­tet das für die Flüchtlings­kinder? Wir las­sen fünf von ihnen zu Wort kom­men:

Nedjo*: „Schule ist ein Stück Normalität“


Ich bin vor 16 Jahren im Kosovo geboren. Zu­sam­men mit mei­nen Eltern bin ich 1999 von dort aus nach Göttingen ge­flo­hen. Daran kann ich mich aber nicht mehr erin­nern, ich war ja noch ein Baby. Manch­mal er­zäh­len mir meine Eltern von die­ser Flucht, aber nie sehr viel. Es war sehr schreck­lich und trau­ma­tisch für sie.

Ich gehe in die 10. Klasse einer Sonder­schule und wer­de in einem Jahr mei­ne Schule be­en­den. Ich habe ein we­nig Prob­le­me mit dem Deut­schen, weil meine Eltern mir nicht so gut beim Lernen hel­fen können. Aber eigent­lich schickt man jedes Kind, des­sen Eltern nicht Deutsche sind, auf diese Sonder­schule. Ich meine, ich bin doch genau so klug wie ein Kind deut­scher Eltern! Am besten bin ich in Mathe. Vor allem Geo­metrie mag ich richtig gern. Nach meiner Schule möchte ich gern eine Aus­bil­dung zum KFZ-Mecha­ni­ker machen. Ich stelle es mir schön vor, diesen Beruf aus­zu­üben, mein eigenes Geld zu ver­die­nen und eine Be­schäf­ti­gung zu haben, die mir Spaß ma­chen wird.

Manchmal fragen mich die Men­schen, ob ich mich gut in Deutschland ein­ge­lebt habe. Das finde ich merk­wür­dig. Schließ­lich bin ich ja hier auf­ge­wach­sen. In was sollte ich mich da ein­leben?

In Deutschland leben wir jetzt schon seit 15 Jah­ren nur mit einer Dul­dung, die im­mer nur für 3 Mona­te ver­län­gert wird. Das strengt mich an, im­mer unter die­sem Druck zu stehen, dass wir nicht wis­sen, ob und wann wir ab­ge­scho­ben wer­den. Für meine Eltern ist es auch schwer mit der Dul­dung. Sie haben kei­ne Arbeit und füh­ren kein nor­ma­les Leben wie all un­sere Nach­barn. Meine Mutter ist total fleißig und enga­giert sich auch ehren­amt­lich, aber eine rich­tige Arbeit würde ihr natür­lich viel bes­ser ge­fal­len. Des­we­gen sind wir Kinder auch echt froh. dass wir in die Schule ge­hen kön­nen. Die Schule be­deu­tet für uns ein Stück Nor­ma­li­tät und Kon­tinui­tät in un­se­rem sonst so un­ge­wis­sen Leben.

*Name von der Redaktion geändert. Die richtigen Namen und vollständigen Aussagen der Flüchtlingskinder liegen uns vor.

(Text: gfbvberlin.wordpress.com)

Responses

  1. Farkas Istvan says:

    November 19th, 2015 at 10:03 (#)

    Mein Respect