„Es liegt an der Jugend von heute“

August 2nd, 2015  |  Published in Geschichte & Gedenken

Der Zeitzeuge und Sinto Siegfried Heilig bei einer Gedenkveranstaltung in Magdeburg (Foto: uweloos.de)Rede des Holocaustüberleben­den Siegfried Heilig


Ansprache zum 71. Jahrestag der Auf­lö­sung des so­ge­nann­ten „Zigeuner­lagers“ im Ver­nich­tungs­lager Auschwitz-Bir­ke­nau am 2. Au­gust 1944

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde, ich möchte zu­erst die Überlebenden des Kon­zentra­tions­lagers Auschwitz und alle ande­ren Über­leben­den be­grüßen. Nur wenige haben das Grauen der national­sozia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft über­lebt und kön­nen heute hier sein. Mein Name ist Sieg­fried Heilig. Ich wurde 1934 in Magdeburg ge­bo­ren, wo ich als Kind zusam­men mit meinem älte­ren Bruder die Schule besuchte. Meine Eltern und Groß­eltern waren selbstän­dige Unter­neh­mer und ver­dien­ten unseren Lebena­unte­rhalt unter anderem mit einem Mario­net­ten­theater und einer Schieß­bude. Ich hatte eine glück­liche Kindheit in der Gebor­gen­heit meiner Familie.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten und ihrer ras­sis­ti­schen Ideologie änderte sich alles für uns. In der Schule wurden wir immer weiter aus­ge­grenzt. Die Lehrer setzten uns in die letzte Reihe und unsere Mit­schüler be­schimpf­ten uns als „Zigeuner“. Es gab auch körper­liche Übergriffe durch unsere Mit­schüler, vor denen uns unsere Lehrer nicht schützten, da sie uns als „minder­wertig“ betrach­teten.

In den Morgenstunden des 1. März 1943 wurden alle Sinti und Roma Magdeburgs in einer gemein­sa­men Aktion von Gestapo und Polizei ver­haftet und mit Last­wagen zum Mag­de­bur­ger Polizei­prä­si­dium ge­bracht. Viele Sinti und Roma waren zu diesem Zeit­punkt schon im so­ge­nannten „Zigeuner­lager“ am Holzweg inter­niert. Meine Familie lebte damals nicht in dem Lager. Wir stan­den mit unse­ren Wohnwagen in un­serem Winter­quartier in Magde­burg als die Gestapo­beamten mit Hunden in unseren Hof stürmten. Mein Vater, mein Bruder und ich waren zu diesem Zeitpunkt zufällig in einem Packwagen. Dass wir nicht entdeckt wurden, verdankten wir alleine der Geistes­gegen­wart meiner Groß­mutter. Als die Gestapo­beam­ten den Wagen inspi­zie­ren woll­ten, behaup­tete sie, dass dies ledig­lich ihr Pack­wagen sei, in dem sich nie­mand befinde. So ent­gingen wir drei der Ver­haf­tung und der Depor­ta­tion.

Meine Großmutter und zwölf weitere Ange­hö­rige meiner Familie wurden jedoch an diesem 1. März inhaf­tiert und am nächsten Tag mit Vieh­wagons in das Kon­zentra­tions­lager Auschwitz-Birkenau de­portiert. 11 von ihnen wur­den dort er­mordet.

Bis zu diesem 1. März 1943 war meine Großmutter fest davon über­zeugt, dass wir der Depor­tation ent­gehen würden, da mein Groß­vater, mein Vater und auch mein Onkel im Ersten Weltkrieg für Deutschland als Sol­daten ge­kämpft hatten. Doch das sollte sich als schreck­licher Irrtum erweisen.

Ich war damals neun Jahre alt. Mein Vater ver­steckte sich mit uns an­fangs in den Wäldern Brandenburgs. Mit Hilfe eines Landrats, einem Be­kannten meines Vaters, konn­ten wir uns später zeit­weise auf Bauern­höfen im Um­kreis von Mag­deburg ver­stecken und auch dort ar­beiten. Mein Vater musste dem Land­rat dafür Nahrungs­mittel be­schaf­fen, die er sich vom Mund ab­sparte, so dass wir weiter Hunger litten.

Wir aßen Pilze, Blätter und manchmal sogar die Rinde von Bäumen. Den Hunger und die Todes­angst kann ich bis heute nicht ver­gessen. Wir lebten in der stän­digen Angst, ent­deckt und eben­falls nach Auschwitz depor­tiert zu werden.

Es fällt mir sehr schwer, heute an diesem Ort zu spre­chen.

Es ist mir jedoch wichtig, insbesondere an die junge Genera­tion zu appel­lie­ren, das un­säg­liche Leid und die Ver­fol­gung, der unsere Men­schen aus­gesetzt waren, niemals zu ver­gessen. Es liegt an der Jugend von heute zu ver­hindern, dass so etwas je­mals wieder geschieht.

Ich danke Ihnen.

(Aussendung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma)

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