Theresia Winterstein: Von Carmen zu Mengele
September 6th, 2009 | Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Medien & Presse
Vor einigen Tagen haben wir Sie auf Roland Flades Porträt der Würzburger Sintiza Theresia Winterstein („Dieselben Augen, dieselbe Seele“) aufmerksam gemacht. Dazu noch ein kurzer Auszug aus einer Artikelserie in der Mainpost:
„Carmen“ bedeutete vom Februar bis April 1940 den Höhepunkt der kurzen Karriere von Theresia Winterstein. Sie war wohl unter den Zigarettenarbeiterinnen, den „Zigeunerinnen“ und Verkäuferinnen, welche die Massenszenen bevölkern. Die NSDAP-eigene „Mainfränkische Zeitung“ lobte in ihrem Premierenbericht gerade auch die Tanz-Darbietungen. „Das Ballett erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben mit Leidenschaft“, schrieb der Rezensent, wahrscheinlich ohne zu wissen, dass eine wirkliche Sintezza mittanzte. Vor allem lobte der Kritiker, wie die Carmen-Darstellerin deren „Leidenschaft des Stolzes, des Machtgefühls, der kühnen Selbstbestimmung“ porträtierte. Dies war an Zynismus kaum zu überbieten. Denn: Während in diesem Frühjahr 1940 das Würzburger Publikum noch einer stolzen „Zigeunerin“ auf der Bühne zujubelte, wurde in Berlin bereits die Deportation tausender Sinti und Roma ins besetzte Polen vorbereitet. (aus: Mainpost, 1.4.2008)
Wenig später sollte der nationalsozialistische Rassenwahn ihrer Karriere und dem Leben abertausender Roma und Sinti ein Ende setzen: Theresia Winterstein musste sich einer Zwangssterilisation unterwerfen; ihre Zwillingstöchter gerieten in die Hände der berüchtigten NS-Ärzte Josef Mengele und Werner Heyde. Ihre kleine Tochter Rolanda verstarb, alles spricht dafür, dass sie medizinischen Experimenten zum Opfer fiel. Zahlreiche Familienmitglieder wurden nach Auschwitz deportiert und starben dort im „Zigeuner-Familienlager“. Überlebende, so auch Theresia Winterstein und ihre Tochter Rita, mussten nach 1945 häufig jahrzehntelang um Entschädigungen kämpfen.