„Nackt unter Wölfen“: Vorwürfe gegen ARD

April 12th, 2015  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV

Neuverfilmung von "Nackt unter Wölfen" 2015 (Foto: ARD)Nackt unter Wölfen – Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erhebt schwere Vorwürfe gegen die ARD: Das Schicksal des Sinto Willy Blum, der an Stelle von Stefan Jerzy Zweig in das Ver­nich­tungs­lager Auschwitz geschickt wurde, bleibt beim ARD-The­men­abend systema­tisch ver­schwie­gen.

Presseaussendung: Das Schicksal von Stefan Jerzy Zweig, das von UFA-Geschäfts­führer Hofmann für die ARD in der Neu­verfil­mung von „Nackt unter Wölfen“ (MDR-Mediathek, ab 20 Uhr) gezeigt wird, ist untrenn­bar mit dem Schick­sal von Willy Blum ver­bunden. Willy Blum war der 16-jährige Sintojunge, der gegen den damals drei­jährigen Stefan aus­getauscht wurde, als ein Trans­port von Juden vom Kon­zentra­tions­lager Buchenwald für das Ver­nichtungs­lager Auschwitz zusam­men­gestellt wurde.

Gerade das Schicksal dieser beiden Kinder, Stefan Jerzy Zweig und Willy Blum, zeigt, daß es inner­halb des un­mensch­lichen Lager­systems der Nazis und der SS es keine Rettung gab, daß oft für jeden Men­schen, der über­leben konnte, ein anderer Mensch sterben mußte. An dieser aus­weg­losen Situa­tion litten und leiden bis heute die Über­lebenden – im Gegen­satz zu den Tätern der SS und der Wach­mann­schaften.

Als deshalb völlig unbegreiflich bezeichnet es der Vor­sitzen­de des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, daß so­wohl die Neuverfilmung als auch die an­schließende Dokumentation über das Lager Buchenwald trotz der genauen Kennt­nis der histo­ri­schen Wahr­heit das Schick­sal von Willy Blum komplett ver­schweigen. Es sei unglaub­lich, daß trotz einer Riege von histo­ri­schen Fach­beratern die ARD im gesamten Themen­abend weder Willy Blum noch die tau­sende Sinti und Roma, die Häftlinge im Kon­zentra­tions­lager Buchenwald waren, nicht ein ein­ziges Mal er­wähnt werden. In allen großen deut­schen Medien, von Zeit und Spiegel bis zur FAZ wurde darauf hin­ge­wiesen, daß Willy Blum an Stelle des jüdi­schen Jungen Stefan auf die Todes­liste für Auschwitz ge­setzt worden war.

Dies wiegt um so schwerer, als der Film durch seine para-doku­menta­rische Darstellung, die Ein­blen­dung von histo­ri­schen Film­auf­nah­men aus dem Lager und der Dar­stel­lung des Kriegs­gesche­hens, den An­schein von histo­rischer Objek­tivität er­wecken will. Tat­säch­lich aber wird, mehr noch in der nach­fol­gen­den Doku­men­ta­tion über das Lager Buchenwald, die his­to­ri­sche Wahr­heit manipuliert, indem das Schick­sal von Willy Blum und damit gene­rell der Völkermord an Sinti und Roma sys­te­ma­tisch und bewußt ver­schwiegen wird.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wendet sich heute mit einem Schreiben an den Vor­sitzen­den der ARD, Herrn Lutz Marmor, und den Produ­zenten der UFA, Nico Hofmann, und forderte die ARD auf, nach dieser Neuverfilmung und dem dazu gehörigen Thementag der ARD jetzt in gleicher Weise dem Schicksal von Willy Blum und der Sinti und Roma in NS-Lagersystem zu dokumentieren. Er erwarte außerdem, daß die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ in Zukunft mit einem entsprechenden Hinweis auf die historische Wahrheit gesendet beziehungsweise online gezeigt wird, so Rose in seinem Schreiben.

(Text: Herbert Heuss, Wissenschaftlicher Leiter / Presseaussendung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, 2.4.2015)

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