„Er hatte nur das Publikum“

Dezember 18th, 2014  |  Published in Geschichte & Gedenken, Interview, Literatur & Bücher, Sport

Deutscher Meistertaz.de: Er war Sinto, Profiboxer, Frauenschwarm und NS-Opfer. Stephanie Bart hat ei­nen Roman über Johann „Rukelie“ Trollmann ge­schrie­ben – und zeigt, wie er po­pu­lär wer­den konnte.

taz: Frau Bart, Ihr Roman handelt von Johann „Rukelie“ Troll­mann, einem Profi­boxer, der sehr popu­lär war, der 1933 Deutscher Meister wur­de und den die Nazis im KZ er­mor­de­ten. Wie wurde ein Sinto-Boxer zum Star?
Stephanie Bart: Seine besondere Qualität war, dass er ein charisma­ti­scher Mensch war. Der kam in den Ring, winkte kurz mit der Hand – und alle fan­den es toll und waren ent­zückt. Wenn unser­eins kurz mit der Hand winkte, wür­de man daran nichts Tolles fin­den. Außer­dem sah er gut aus, das hilft na­tür­lich auch.

Er galt als eleganter Boxer.
Ja, wobei bemerkenswert ist, dass solche Boxer wie er, die sehr tech­nisch geboxt ha­ben, in der Box­sport­ge­schichte zwar oft erfolg­reich waren, aber nicht ge­liebt wur­den. Das Pub­li­kum will harte Kämpfe, will Blut sehen. Troll­mann aber hat tech­nisch ge­boxt, und die Leute fan­den ihn trotz­dem gut. Er hat es also ver­stan­den, einen unpopu­lären Stil popu­lär zu machen.

Warum war dieser einzigartige Boxer, als den Sie ihn be­schrei­ben, über Jahr­zehnte ver­gessen?
Weil das nationalsozialistische Unrecht an Sinti und Roma nach 1945 bruch­los fort­geführt wurde. In einem Urteil des Bundes­gerichts­hofs von 1956 hieß es: „Die Zigeuner neigen zur Kri­mina­lität, beson­ders zu Dieb­stählen und zu Betrü­gereien. Es fehlen ihnen viel­fach die sitt­li­chen Antriebe zur Achtung vor frem­dem Eigen­tum, weil ihnen wie primi­tiven Ur­menschen ein un­ge­hemm­ter Okkupa­tions­trieb eigen ist.“ Sie seien also nicht aus rassen­ideolo­gi­schen Grün­den ver­folgt wor­den, son­dern wegen „ihrer asozialen Eigen­schaf­ten“, und das heißt: zu Recht. Mit dieser höchst­richter­lichen Begrün­dung wurden Ent­schä­di­gungs­anträge bis in die acht­ziger Jahre ab­ge­lehnt und wurde ein gesell­schaft­liches Klima ge­schaf­fen, in dem einer wie Troll­mann nicht wahr­ge­nommen, ge­schwei­ge denn an­erkannt wer­den konnte.

In seinem letzten großen Kampf war Trollmann im Sommer 1933 gegen Gustav Eder mit weiß gefärb­ten angetre­ten: als Karikatur eines ari­schen Faust­kämpfers, weil er wusste, dass er diesen Kampf ver­lie­ren musste.
Das Charakteristische an Trollmann ist, dass er die Opferrolle als Ange­hö­riger einer stigma­tisier­ten Minderheit erst gar nicht an­genom­men hat.

Das klingt wie eine Analogie zu Muhammad Ali?
Mit dem wird Trollmann ja manchmal verglichen. Ali war politisch aktiv und hatte eine Bürger­rechts­bewe­gung hinter sich. Er gehörte nicht einer zahlen­mäßig so kleinen Minder­heit an, wie es damals Sinti und Roma im Deutschen Reich waren. Troll­mann hatte nichts und nie­mand hinter sich, außer dem Publikum bei seinen Kämpfen. Boxe­risch ver­wandt sind sie durch ihre Beweg­lich­keit, das Tänze­ri­sche und vor allem darin, dass sie ihre Gegner ver­möge ihrer Klug­heit besiegten. (…)

Sie haben ihn am Ende umgebracht, insofern ist er Opfer, aber er hat sie zu­vor be­siegt. Sie haben rassis­ti­sche Gesetze erlas­sen und eine KZ-Infra­struk­tur auf­bauen müs­sen, um ihn zu töten, aber er hat sie mit­hilfe gefärb­ter Haare ge­schlagen …
(…)

IM INTERVIEW: STEPHANIE BART
49, aus Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissen­schaft in Hamburg. Seit 2001 lebt sie als freie Schrift­stel­lerin und Rikscha­fahrerin in Berlin. Erst mit den Recher­chen für „Deutscher Meister“ (Hoffmann und Campe, Hamburg) begann sie, sich mit dem Boxen zu be­schäf­ti­gen. Für die Recher­chen zu Trollmann erhielt Bart ein Stipen­dium des Deutschen Literatur­fonds 2011 und 2012. Für „Deutscher Meister“ wurde Bart mit dem Rheingau Literatur Preis 2014 aus­ge­zeichnet. Stephanie Barts erster Roman, „Goodbye Bismarck“, erschien 2009 (Plöttner Verlag, Leipzig). Sie bloggt auf stephanie-bart.tumblr.com. (Twitter: @Bart_Stephanie)

Lesen Sie bitte das hier nur in einigen Auszügen wieder­ge­ge­be­ne Interview, ge­führt von Martin Krauß, in voller Länge auf taz.de.

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