„Elternbrief“: Hristo Kyuchukov im Gespräch

Oktober 8th, 2014  |  Published in Interview, Jugend & Bildung, Romani  |  1 Comment

Hristo_ KyuchukovDer deutsche „Arbeits­kreis Neue Erzie­hung“ (ANE) hat einen „Elternbrief“ auf Ro­ma­ni, eine il­lus­trier­te Ratgeber­bro­schüre für Migran­ten­fa­mi­li­en in Deutsch­land, er­stellt. Der Ro­ma­ni-Ex­per­te Hristo Kyu­chu­kov, selbst Rom bul­ga­ri­scher Her­kunft, war für die Text­ges­tal­tung ver­ant­wort­lich. Stefan Hell­rie­gel hat den Wissen­schaft­ler und Kinder­buch­autor für ANE in­ter­viewt:

ANE: Der ANE bietet Elternmedien in vielen Sprachen neben Deutsch an, zum Beispiel in Türkisch oder Arabisch. Die Idee, die dahintersteht, ist natürlich, dass man in Deutschland lebende Menschen am besten erreichen kann, wenn man sich der Sprache bedient, in der sie sich am wohlsten fühlen. Der Elternbrief Roma ist die erste Veröffentlichung des ANE in Romanes. Können Sie uns etwas über die besonderen Herausforderungen erzählen, die sich Ihnen dabei als dem Übersetzer des Elternbriefs gestellt haben?

Kyuchukov: Ich muss sagen, dass es sehr wichtig ist, den Elternbrief auch in Romanes zu haben. Es gibt heute in Deutschland so viele Roma aus Bulgarien, Serbien, Rumänien, und sie brauchen Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder so wie andere Eltern auch. Es ist der erste Brief in Romanes, und es gab viele Schwierigkeiten dabei. Zum Beispiel gibt es einen Teil der verwendeten medizinischen Fachbegriffe gar nicht in Romanes oder es war nötig, bestimmte kulturelle Spezifika in Romanes auf andere Art zu formulieren. Also musste ich für all die vielen Kleinigkeiten überlegen, wie sie korrekt übersetzt und kulturell angemessen ausgedrückt werden konnten.

ANE: Eine Schwierigkeit für den Elternbrief besteht darin, dass die Gruppe der Roma so unterschiedlich erscheint. Gibt es überhaupt „den typischen Rom“, an den sich der Elternbrief wenden kann, und was bedeutet das für die Erstellung eines Elternbriefs zum Umgang mit einem Kleinkind?

Kyuchukov: Also, den „typischen Rom“ gibt es nicht. Die Roma haben viele „Gesichter“ und „Kulturen“. Zum Beispiel unterscheidet sich der muslimische Rom aus Bulgarien sehr stark vom christlichen Rom aus Rumänien, aber es gibt trotzdem viele Dinge, die sie zu Roma machen, und das sind hauptsächlich die Dinge, die mit dem „indischen Hintergrund“ zu tun haben, die die Roma seit mehr als 1100 Jahren bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Aber die Kindeserziehung ist in allen Roma-Gruppen gleich und für Roma-Familien ein wichtiges Thema. Roma sind wie alle anderen Eltern liebevolle und fürsorgliche Eltern, nur zeigen sie diese Liebe und Fürsorge für ihre Kinder anders.

ANE: Die Kultur der Roma ist sehr stark durch Mündlichkeit geprägt. Wie schätzen Sie die Bedeutung schriftlicher Medien wie die des ANE-Elternbriefs für die Zielgruppe der Roma ein?

Kyuchukov: Ja, Romanes ist in erster Linie eine „mündliche Sprache“, aber andererseits zeigen die letzten zwanzig Jahre in Europa doch, dass die Roma angefangen haben, auch auf Romanes zu schreiben und zu publizieren. Heute machen Roma Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen und Radio … Das ist ein ganz normaler Vorgang. Es geht ein bisschen langsam, aber das Schreiben auf Romanes dringt in die Roma-Kultur ein, und die traditionellen und besonders die modernen Technologien spielen eine wichtige Rolle dabei.

ANE: Der Elternbrief ist für in Deutschland lebende Roma geschrieben, aber viele Roma leben noch nicht lange hier und sind nicht mit allen deutschen Einrichtungen und Regelungen vertraut. Gab es Bereiche, bei denen Sie bei der Übersetzung nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell vermitteln mussten, um verständlich zu bleiben?

Kyuchukov: Es ist normal, wenn man einen Text übersetzt, dabei mit Blick auf die angesprochenen Leser kulturelle Anpassungen vorzunehmen. Das war auch bei mir und diesem Text so. Ich musste ihn zunächst selbst verstehen, da Kindererziehung und die ganzen medizinischen Hinweise für mich Neuland waren. Also habe ich etwas Zeit gebraucht, um zu überlegen, was ich wie übersetze, und außerdem musste ich mich vom deutschen Text lösen, um seine Aussagen hinter mir zu lassen und nur den Text in Romanes zu lesen und auf seinen Klang zu achten: „Klingt das nach Romanes?“ Das größte Problem bei übersetzten Texten ist immer, wenn zwar die Wörter Romanes, aber die Aussage und der Kontext nicht Romanes sind. Das ist gefährlich, weil die Leute dann die Roma-Worte lesen können, aber die Sprache nicht verstehen. Das wollte ich beim Elternbrief unbedingt vermeiden. Die Menschen sollen mein Romanes verstehen und die Empfehlungen im Elternbrief verwenden können, sonst ist er nutzlos.

Dr. Hristo Kyuchukov ist ein international tätiger Experte für soziolinguistische Aspekte der Roma-Sprache und -Kultur und für Fragen der Erziehung von Roma-Kindern. Er ist als Dozent an verschiedenen Hochschulen und für verschiedene Institutionen im In- und Ausland tätig, darunter der St. Elizabeth University of Health and Social Sciences (Bratislava) und der Freien Universität (Berlin). Hristo Kyuchukov ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge zu Romanes und von Büchern zur Roma-Kultur für Kinder. Außerdem übersetzt er Texte in Romanes für internationale Regierungs- und andere Institutionen.

(Das Interview führte Stefan Hellriegel, www.a4k.de)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | „Elternbrief“ auf Romani says:

    Oktober 8th, 2014 at 10:14 (#)

    [...] die Fassung des Briefes in Romanes ist Dr. Hristo Kyuchukov (ein Interview finden Sie hier) verant­wort­lich. Er ist selbst Rom bul­ga­ri­scher Her­kunft und seit vielen Jahren mit der [...]