Ungarn: Minister leugnet NS-Deportationen

August 6th, 2014  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik  |  2 Comments

Ein Minister schreibt die Geschichte um: "partielle Holocaust-Leugnung"? Pusztaranger, 5.8.2014: Staatliche Ge­schichts­fäl­schung auf neu­en Hö­hen: Aus­gerech­net anläss­lich des Roma-Holocaust-Ge­denk­tages am 2. August erklärte der für die Roma­integration zustän­dige Minister Zoltán Balog, aus Ungarn habe es keine Depor­ta­tionen von Roma in die Ver­nich­tungs­lager der Nazis gegeben. Kri­tiker sehen den Straf­tats­bestand der partiellen Holocaustleugnung er­füllt. Ein gu­ter Zeit­­punkt für den Vor­sitzen­den des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutsch­land Romani Rose, seinen unga­rischen Verdienstorden zurück­zugeben.

Minister für Humanressourcen Zoltán Balog (Fidesz), der auch für die Romaintegration zuständig ist, erklärte anlässlich des Gedenktags im staatlichen Kossuth-Radio, aus Ungarn habe es keine [derartigen] Deportationen (…) gegeben, und eine übertriebene Opfermentalität erzeuge Schizophrenie wie im Fall der jüdischen Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen. Die größte Tragödie für die Roma, so Balog, sei weniger der Holocaust, sondern dass sie ein „Volk ohne Geschichte“ seien.  Im Kontext der Mordserie an Roma 2008/09, deren letzter Mord ausgerechnet am 2. August 2009 verübt wurde, sagte Balog „ironisch“, „die Mörder besaßen offenbar einen Sinn für Stil, ihren Haß auf diese Volksgruppe auf diese Weise zu zeigen“.

Das Roma-Pressezentrum (auf der schwarzen NGO-Liste der ungarischen Regierung), reagierte mit Zitaten aus Berichten von Holocaust-Überlebenden, die im Herbst 1944 von ungarischen Gendarmen zuerst in Komárom interniert und dann nach Auschwitz und andere Vernichtungslager deportiert wurden. Sie stammen aus dem vom Roma-Pressezentrum 2000 herausgegebenen Band „Porrajmos“, auf Romanes, Ungarisch und Englisch (s.u.). [Anm. der dROMa-Red.: Auch wir haben in unserem Zeitzeugenbuch Amari Historija den Fall eines Burgenland-Rom dokumentiert, der vom Lager Komárom nach Buchenwald deportiert wurde.]

Iván Andrassew weist in der Népszava darauf hin, dass der ungarische Staat keine Mittel für zivile Gedenkveranstaltungen des Roma-Holocaust bewilligt hatte, und das Denkmal der Deutschen Besatzung keine Aufschrift auf Romanes bekam. (…) Die Sozialisten fordern Balogs Rücktritt. Jedoch dürften Balogs (und Rádulys) Äußerungen ohne internationale Proteste völlig folgenlos bleiben.

Bitte lesen Sie den hier nur in einigen Auszügen wiedergegebenen Artikel in voller Länge auf Pusztaranger. Dort finden Sie auch die übersetzte Transkription der Radiosendung mit den Aussagen Balogs sowie Ausszüge über die Chronologie des Völkermords an den Roma in Ungarn aus der Publikation „PORRAJMOS – Recollections of Roma Holocaust survivers (Roma Sajtoközpont Könyvek 2, Budapest, 2000). Die Abbildungen des Bandes stammen vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. Als pdf zum Download hier.

Siehe auch:
Hungarian Free Press: Zoltán Balog denies aspects of Roma Holocaust and says “victimhood” leads to schizophrenia, August 4, 2014
Budapest Beacon: Roma Holocaust: Minister Balog denies Hungary deported gypsies to concentration camps, August 5, 2014

Responses

  1. Marika Schmiedt says:

    August 10th, 2014 at 14:49 (#)

    Für sogar großartig hält Rose die Rolle des Budapester Ministers für Humanressourcen, Zoltán Balog.
    Der bisweilen aufmüpfige Politiker ist zwar ein loyaler Weggefährte von Orbán, setzt sich aber seit Jahren für die Rechte der Roma und die Verbesserung ihrer sozialen Situation ein. Balog hält auch die Laudatio auf den Zentralratschef, dem er bescheinigt, einen „Baustein der neuen Roma-Politik“ in Ungarn geliefert zu haben.
    http://marikaschmiedt.wordpress.com/2012/10/12/eine-sauerei-sondergleichen-dem-rose-ist-auch-nichts-zu-blod-viktor-orban-zeichnet-romani-rose-aus/

  2. Marika Schmiedt says:

    August 10th, 2014 at 14:51 (#)

    Superminister Zoltán Balog: Sozialisten sind keine Ungarn, Geburtenrückgang von Roma als Erfolg der Regierung
    http://pusztaranger.wordpress.com/2014/01/29/superminister-zoltan-balog-sozialisten-sind-keine-ungarn-geburtenruckgang-von-roma-als-erfolg-der-regierung/