Broschüre „Betteln ist erlaubt“

September 14th, 2013  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

Neue Broschüre "Betteln ist erlaubt"BettelLobbyWien präsen­tiert „Bet­teln ist er­laubt“: Bro­schü­re in­for­miert Bett­ler/in­nen über ih­re Rech­te und Ge­ber/in­nen über Un­ter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten

Die BettelLobby Wien präsen­tierte am 13.9.2013 vor der Poli­zei­direk­tion Wien ihre „Bet­teln-ist-er­laubt“- Ratge­berin­nen­bro­schüre. Der Fol­der infor­miert Bett­ler/in­nen mehr­spra­chig über ihre Rech­te und wird in den nächs­ten Wo­chen über Bera­tungs­stel­len sowie auf der Straße ver­teilt. Die Bet­telLob­by be­tont, dass auch für Ge­ber/in­nen, die sich für die Rech­te von Bettler/in­nen ein­setzen wol­len, nütz­liche Infor­ma­tio­nen ent­halten sind. Vor­ge­stellt wurde die Bro­schüre vor der Wie­ner Polizei­direk­tion am Schot­ten­ring im Rah­men von WIEN­WOCHE – mit ei­ner Auf­füh­rung des Origi­nal Wie­ner Prater­kas­perls.

Anlass für die Publikation des Rat­ge­bers sind zahl­rei­che Zuschrif­ten von Wie­nerin­nen und Wie­nern, die sich an die Bettel­lobby ge­wandt hat­ten, erläu­tert Fer­dinand Koller, Spre­cher der Ini­tia­tive: „Wir haben in den letzten Mona­ten ver­stärkt er­zürnte Mails und Anrufe der Bevöl­kerung erhal­ten.“ Wie­nerin­nen und Wiener hätten der Bettel­Lobby von einem dra­koni­schen Vor­gehen der Polizei berich­tet und sich über will­kür­liche und schi­ka­nöse Be­hand­lung der Bett­ler/innen be­schwert.

Analyse von Strafbescheiden fördert Miss­stän­de zu Tage

Eine Überprüfung von Strafbescheiden ge­gen Bett­ler/innen durch die Bettel­Lobby habe dann tat­säch­lich gravie­rende Miss­stände zu Tage geför­dert, so Koller. Die Bettel­Lobby hat bei­spiels­weise den Fall einer rumä­ni­schen Frau doku­mentiert, die als Zeitungs­ver­käufe­rin in Wien arbeitet. Obwohl die Frau sich aus­weisen konnte, wurde sie ver­gan­genes Jahr von Beam­ten der Wiener Polizei ver­haftet und fünf Stunden fest­gehal­ten. Sie musste sich mehr­fach „unter ernied­ri­gen­den Um­ständen“ aus­ziehen, wie der Unab­hän­gige Verwal­tungs­senat Wien später urteilte. Die Frau wurde von der Wiener Poli­zei sowohl in ihrem Recht auf Frei­heit als auch im Recht verletzt, keiner un­mensch­li­chen und ernied­rigen­den Behand­lung unter­wor­fen zu wer­den. Die Amts­handlung wurde für rechts­widrig erklärt.

In einer jüngeren Anzeige der Landes­poli­zei­direk­tion Wien wird dem unga­ri­schen Staats­bürger F. aggres­sives Bet­teln vor­gewor­fen: Herr F. habe Pas­sant/in­nen bei der U-Bahn-Sta­tion Frie­dens­brücke am Betre­ten einer Hofer-Fi­liale gehin­dert. Bloß: die nächs­te Hofer-Fi­lia­le ist meh­rere hun­dert Meter von besag­tem Stand­ort ent­fernt. Das von Herrn K. mit­ge­führte Bar­geld (€ 16,23.-) wurde von den Be­amt/in­nen kon­fis­ziert. Herr F. hat mit Hilfe einer Wiener Sozial­ein­rich­tung beru­fen. Ins­gesamt hat Herr F. in den letz­ten bei­den Jahren schon meh­rere hun­dert Euro Stra­fe be­zahlt und 35 Tage im Gefäng­nis ver­bracht, da er die hohen Stra­fen nicht bezah­len konn­te. Das ist kein Ein­zel­fall, viele Bett­ler/in­nen müs­sen ihre Strafen im Gefäng­nis absit­zen, wobei die Ersatz­frei­heits­stra­fe mit 1 Stun­de für einen Euro berech­net wird, sprich: mehr als 4 Tage Haft für 100 Euro Strafe.

Weiters liegen der BettelLobby unzäh­lige Straf­be­scheide we­gen „gewerbs­mäßi­ger Bette­lei“ vor. Hier belau­fen sich die Stra­fen auf Beträ­ge zwi­schen 70 und 350 Euro. „Gewerbs­mäßig­keit“ wird ange­nom­men, wenn Bett­ler/in­nen mehr­fach an einem Platz ange­trof­fen werden. „Es braucht gar keine über­moti­vier­ten Beamt/in­nen, um den Bett­ler/in­nen das Leben schwer zu ma­chen“, er­klärt Koller: „Das Wiener Lan­des-Si­cher­heits­ge­setz er­mög­licht es, jede Per­son, die bettelt, zu bestra­fen. Die Polizei­praxis in Wien wider­spricht klar dem Erkenn­tnis des Verfas­sungs­gerichts­hofes, wonach Betteln erlaubt sein muss.“ Neben den Bettel­ver­boten wer­den in Wien Bett­ler/in­nen auch regel­mäßig wegen „unbe­grün­de­tem Ste­hen­bleiben“ und Behin­de­rung des Fuß­gän­ger­ver­kehrs (StVO) be­straft, außer­dem we­gen „beson­ders rück­sichtslosem Ver­hal­ten“ nach dem Sicher­heits-Po­lizei­gesetz, re­sümiert Koller.

„Betteln-ist-erlaubt“-Broschüre

Die „Betteln-ist-erlaubt“-Broschüre wurde am 13.9.2013 vor der Wiener Lan­des­poli­zei­direk­tion am Schotten­ring prä­sen­tiert. Dazu wurde eigens der „Ori­ginal Wiener Prater­kasperl“ enga­giert. Unter dem Titel „(K)ein Kas­perl­theater“ wur­den Straf­bescheide zu einer szeni­schen Le­sung mit Kas­perl, Wach­mann und Kro­ko­dil ver­ar­beitet.

Der Ratgeber informiert Bettler/innen mehr­spra­chig über ihre Rechte. Außer­:­dem dient er Geber/in­­nen als Orien­­tie­­rung, wie Bett­­ler/in­­nen unter­­stützt wer­­den können. „Viele Wie­­nerin­­nen und Wie­­ner wol­­len Bettler/in­­nen un­­ter­­stüt­­zen, doch die Kon­­fron­­ta­­tion mit Behör­­den schreckt sie ab“, erklärt Koller. Man habe des­­halb detail­­liert dar­­ge­­legt, über welche Befug­­nis­­se die Poli­­zei ver­­füge und welche Mög­­lich­­kei­ten man als Un­­ter­­stüt­­zer/in habe. „Wir hof­­fen, dass die „Bet­­teln-ist-er­­laubt“-Bro­­schüre Ge­­ber/in­­nen die nöti­­gen Infor­ma­­tio­­nen in die Hand gibt, um Bett­­ler/in­­nen zu unter­­stüt­­zen. Letz­­tes Jahr haben die Bettel­­Lobby und Stadt Wien mit dem Bet­­tel­­­be­­auf­­trag­­­ten auf­hor­chen lassen. Heuer wol­len wir zwei, drei, viele Bet­­tel­­beauf­­trag­­te schaffen.”

Bilder von der Präsentation, die Bro­­schüre, Bei­­spie­­le für Zu­­schrif­­ten sowie Be­­schei­de fin­­den sich auf der Web­­site der Bet­­tel­­Lobby: http://bettellobbywien.wordpress.com

Die „Betteln-ist-erlaubt“-Bro­­schü­­re wur­­de im Rah­­men von WIEN­­WOCHE mit Mit­­teln der Stadt Wien er­­stellt. Das Kul­­tur­­pro­­jekt WIEN­­WOCHE dauert heu­­er von 12. – 29. Sep­:tem­­ber 2013 und fokus­­siert unter dem Mot­­to „demokrazija-ja-ja…“ Rea­­lität und Uto­­pie der De­­mokra­­tie.

Rückfragehinweis:

Heidelinde Hammer, Statt Wien
heidelinde.hammer@episteme.at

+43 699 19466816

Ferdinand Koller, BettelLobbyWien
ferdinandkoller@hotmail.com

+43 650 7413000

(Text: Aussendung der BettelLobbyWien)

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