Archive for September 14th, 2011

„Zigeuner ins Gas!“

September 14th, 2011  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte


Pogrome in Tschechien (Foto: R. Andreasch)Antiziganistische Pogrome in Tschechien. Eine Chronologie der Ereignisse von Robert Andreasch & Lara Schultz, Varnsdorf:

MUT, 9.9.2011: In mehreren böhmischen Kleinstädten strömten an den letzten Wochenenden bis zu tausend Bürgerinnen und Bürger zusammen, um Wohnhäuser von Roma anzugreifen. In Varnsdorf, 500 Meter hinter der deutschen Grenze, konnten Spezialeinheiten der tschechischen Polizei am vergangenen Samstag in letzter Sekunde ein Pogrom verhindern. In den nächsten Tagen drohen erneut antiziganistische Massenaktionen.

Rumburk, Freitag, 26. August 2011

Jaroslav Sykáček ist Bürgermeister von Rumburk und Sozialdemokrat. Für den Abend hat er die 11.000 Einwohnerinnen und Einwohner der nordböhmischen Stadt zu einer öffentlichen „Versammlung gegen Gewalt und Kriminalität“ aufgerufen. Als Anlass dient eine fünf Tage zurückliegende Schlägerei zwischen Jugendlichen vor der Diskothek „Modrá hvězda“, deren Hintergründe noch im Unklaren liegen, an der aber auch Roma beteiligt gewesen sein sollen. Die Kundgebung, zu der 1.500 Menschen kommen, eskaliert, als Sykáček das Mikrofon an Josef Mašín übergibt, dem er kurz zuvor noch eine gegen Roma gerichtete Demonstration verboten hatte. Mašín, Anführer der hauptsächlich bei Facebook aktiven antiziganistischen Gruppe „Občanský odpor“ („Bürgerlicher Widerstand“), fordert die Zuhörenden auf, Schluss zu machen mit dem Zuzug von „nicht Anpassungsfähigen“. Das Publikum grölt zuerst Parolen, unter anderem „Čechy Čechům“ („Tschechien den Tschechen“) und „Cikáni do práce“ („Zigeuner, geht arbeiten“), schließlich entwickelt sich aus der Kundgebung ein aggressiver, antiziganistischer Aufmarsch. Die Versammelten ziehen los, drei Stunden lang suchen sie in der Stadt nach Roma, die sie jagen können. Read the rest of this entry »

Unbekannte Fremde: Roma im Weinviertel

September 14th, 2011  |  Published in Jugend & Bildung, Medien & Presse


KurierIm Raum Mistelbach (Niederösterreich) leben viele Familien in desolaten Verhältnissen und ohne Bildung. Freiwillige lernen mit den Kindern.

Kurier, 12.9.2011 (Michaela Reibenwein):  In den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kamen sie als Gastarbeiter und blieben – die Roma, die als Erntehelfer im Marchfeld tätig waren. Von kaum jemandem wurden sie wahrgenommen. Und so war es bis vor kurzem. Doch dann wurde Ines Kälin-Schreiblehner von der Caritas auf die Roma im Weinviertel aufmerksam. „Im Weinviertel gibt es rund 200 Roma-Familien mit rund tausend Personen“, sagt sie. Bekannt ist das erst seit kurzem. Die Probleme sind jedoch die alten: eine hohe Analphabeten-Rate, hohe Arbeitslosigkeit, Armut und wenig Bildung. Das Projekt „Missing Link“ soll das nun ändern. Freiwillige lernen dabei mit Roma-Kindern. „Damit diese Spirale durchbrochen wird“, sagt Kälin-Schreiblehner.

„Ich bin durch Zufall darauf gestoßen“, erzählt die Caritas-Mitarbeiterin. „Bei der Betreuung von anerkannten Flüchtlingen ist mir aufgefallen, dass die Roma alle aus demselben Ort kommen. Nämlich aus dem bosnischen Bijeljina.“ Während des Krieges flüchteten sie nach Deutschland. Als sie heimkehrten, waren sie Fremde und unerwünscht. „Die Wohnungen waren weg. Von den Gebliebenen wurden sie angefeindet, es hat schlimme Übergriffe gegeben“, schildert Kälin-Schreiblehner. Also kamen sie nach Österreich – dorthin, wo sie bereits Verwandte hatten. Im Weinviertel.

Read the rest of this entry »