Sieg gegen die Schweizergarde
Juni 11th, 2010 | Published in Rassismus & Menschenrechte, Sport | 1 Comment
Damit auch wir den richtigen Zeitpunkt erwischen, um ein bisschen auf der Fußball-WM-Welle mitzusurfen, haben wir heute folgenden Artikel aus der Süddeutschen Zeitung für Sie vorbereitet, der aus Anlass eines Vorbereitungsspiels der deutschen Nationalmannschaft in Budapest über das schwere Los von Roma-Spielern in Ungarn und eine vorbildhafte Solidaritätsaktion des DFB berichtet. Eine Abordnung der Mannschaft hat nämlich vor dem Länderspiel gegen Ungarn die Ortschaft Tatárszentgyörgy besucht, wo im Februar 2009 zwei Angehörige der Roma-Minderheit ermordet wurden. Das Nationalteam will den Wiederaufbau des Hauses unterstützen, das bei dem Mordanschlag niedergebrannt wurde. Hier also Auszüge aus dem Artikel von Ronny Blaschke, erschienen in der SZ vom 29.5.2010:
István Pisont erinnert sich kaum an seine Anfänge als Profifußballer, doch eines wird er nie vergessen: bei den gegnerischen Fans hatte er keinen Namen – sie nannten ihn nur Cigány, den Zigeuner. Immer und immer wieder Cigány, laut und verletzend. Pisont war gerade volljährig geworden, als er 1988 bei Honved Budapest begann. Auswärts zitterte er am ganzen Körper, Gegenspieler lachten ihm ins Gesicht. „Die wollten mich fertig machen“, sagt er. Pisont war der letzte Profi, der sich in Ungarn zu den Roma bekannt hatte. Lange her. Doch István Pisont, 40, ist kein Exot, er gehört zur größten Minderheit seines Landes. (…) „Viele verbergen ihre Wurzeln, sie wollen sich nicht wie Aussätzige fühlen. Auch im Fußball.“ Pisont stieg trotzdem zum Nationalspieler auf (31 Länderspiele); er kickte erfolgreich im Ausland, in Belgien, Israel, Ende der neunziger Jahre auch für eine Saison bei Eintracht Frankfurt. Prominenz war sein Schutzschild.
Der Antiziganismus, die Zigeunerfeindlichkeit, grassiert: Elf Roma wurden seit 2008 in Ungarn ermordet. (…) Im Fußball tritt Antiziganismus wie unter einem Brennglas auf. Hassgesänge wie „Zick, zack, Zigeunerpack“ hallen Woche für Woche durch deutsche Stadien. Deshalb wollen der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und der DFB das Spiel der Nationalelf am Samstag in Ungarn zur Bewusstseinsbildung nutzen. Seit 2006 pflegen Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats, und DFB-Präsident Theo Zwanziger ihren Schriftverkehr, Rose wurde zudem Mitglied der Kulturstiftung des Verbandes. In Budapest soll eine Podiumsdiskussion stattfinden, ein Benefizspiel, ein Besuch bei Opfern eines Mordanschlags. Wieder bemüht sich der DFB um die Aufarbeitung einer historischen Schande: Felix Linnemann, von 1925 bis 1945 Verbandschef, war als Regierungsdirektor in Hannover für die Deportation von Sinti und Roma verantwortlich gewesen.
In Ungarn dagegen scheint die politische Bedeutung des Spiels kaum eine Rolle zu spielen. Wenn man an den Stadtrand von Budapest zum nationalen Fußballverband fährt, erhält man nicht mehr als Floskeln. „Wir unterstützen alle Minderheiten“, sagt Generalsekretär Gesa Roka. „Aber wir dürfen keine Minderheit herausheben.“ (…) Pater Imre Kozma kann über solche Aussagen nur lachen: „Der Verband hilft uns überhaupt nicht.“ Kozma begleitet die Auswahl der Roma seit 15 Jahren als Seelsorger, er hilft bei der Suche nach Sponsoren. 60 Roma gehören zum Kader und treten zu Freundschaftsspielen an. „Wenn es unsere Möglichkeiten zulassen“, schränkt Kozma, 69, ein. Vor wenigen Wochen hatte er wieder Kontakte spielen lassen. Die Spenden reichten nur für die Miete eines Busses. So begab sich die Mannschaft in der Nacht auf den Weg nach Rom. Am Nachmittag besiegte sie die Schweizergarde – gleich danach ging es zurück. (…)
Lesen Sie bitte den hier nur gekürzt wiedergegebenen Artikel in voller Länge in der Süddeutschen Zeitung vom 29.5.2010.
Oktober 30th, 2011 at 21:16 (#)
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