Preis für Alina Șerbans „I Matter“ in Venedig
September 19th, 2026 | Published in Ehrungen & Nachrufe, Film & Theater, Frauenrechte, Rassismus & Menschenrechte
Festivalerfolg für die rumänische Roma-Filmemacherin Alina Șerban bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig: Ihr Langfilmdebüt „I Matter“ (Originaltitel: Eu contez) erhielt den Publikumspreis der Sektion Venice Spotlight.
2021 machte die rumänische Autorin und Schauspielerin Alina Șerban mit ihrem Kurzfilm „I Matter“ auch als Regisseurin auf sich aufmerksam; sie selbst spielte die Hauptrolle. Nun präsentierte Șerban ihr gleichnamiges, aus dem Kurzformat weiterentwickeltes Langfilmdebüt, für das sie sich nun gänzlich hinter die Kamera zurückzog. Am 8. September feierte der Spielfilm seine Weltpremiere bei den 83. Internationalen Filmfestspielen in Venedig. Damit ist Alina Șerban, nach dem französischen Cannes-Preisträger Tony Gatlif (1948–2026), die erste Roma-Regisseurin, deren Film in die offizielle Auswahl eines der weltweit bedeutendsten A-Filmfestivals aufgenommen wurde – und sie wurde prompt mit dem wichtigsten Publikumspreis des Festivals ausgezeichnet.
Bei der Abschlussgala mi Palazzo del Cinema am Lido nahmen Șerban und Produzentin Ada Solomon vergangenen Samstag den von Armani Beauty gestifteten Audience Award entgegen, der in der Sektion Venice Spotlight vergeben wird.
„Liebes Venedig, vielen Dank, dass mir ermöglicht wurde, meine Geschichte zu erzählen. Ich gehöre zur Roma-Gemeinschaft und bin sehr stolz darauf. Bei „I Matter“ geht es darum, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein, Romni zu sein und in einem Kinderheim aufzuwachsen. Ich widme diese Auszeichnung allen jungen Menschen, die eine bessere Chance verdienen, die es verdienen, die besten Schulen zu besuchen und dass ihre Stimmen Gehör zu finden. Ich widme sie denen, die von einfachen Dingen träumen, so wie ich es einst tat, und die es verdienen, gesehen, gehört und vor allem daran erinnert zu werden, dass sie wichtig sind“, sagte Alina Șerban bei der Entgegennahme der Auszeichnung.
Auf dem roten Teppich
Schon bei der Weltpremiere der rumänisch-deutsch-belgischen Koproduktion in der Sala Giardino waren rund zwei Dutzend Darsteller aus „I Matter“ anwesend, darunter Denisa Farcaș (die Hauptdarstellerin des Films), Sorin Mihai, Angelina Pavel, Juno (Alexandru Stancu), Vanessa Dancea, Raisa Mihai sowie die 16 Kinder aus den Heimen „Casa Iosif“ und „Casa Sara“, die im Waisenhaus des Films mitwirkten. Auf dem roten Teppich wurde Alina Șerban lautstark von einem Live-Auftritt der legendären Roma-Musikgruppe Mahala Raï Banda aus Bukarest begleitet.
Der stark biografisch geprägte, emotionale Coming-of-Age-Film erzählt – auf Rumänisch und Romanes – die Geschichte von Rebeca, einem Roma-Mädchen, das in einem rumänischen Waisenhaus aufwächst. Das Festivalprogramm skizziert die Handlung wie folgt: „Rebeca, ein junges Roma-Mädchen, droht die Zwangsräumung aus ihrem Waisenhaus, während sie darauf wartet, dass ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen wird. Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Bedrohung ist sie gezwungen, ihre Identität anzunehmen und ihren Lebensweg auf eigene Faust zu meistern. Sie durchläuft einen Wandel von der lähmenden Angst vor dem Verlassen des Heims hin zum Schritt in ein unabhängiges Leben und zur Übernahme der Verantwortung für ihr eigenes Schicksal. Von dem Versuch, vor der Welt zu verbergen, dass sie eine in einer Einrichtung lebende Roma-Frau ist, bis hin zur Akzeptanz ihrer Identität und deren Offenbarung gegenüber anderen.“
Botschaft der Würde
Der Erfolg des Films bedeutet auch einen historischen Durchbruch für die filmische Repräsentation und Sichtbarkeit von Roma im internationalen Kino: „Das ist ein so historischer Moment für mich und auch für die Roma-Gemeinschaft”, zitiert Variety die Regisseurin. „Es ist ein Moment zum Feiern. Und ich möchte zurückblicken und sagen können, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan habe, damit auch die Menschen im Team diesen Moment miterleben können. Und auch, um der Welt eine Botschaft der Würde, des Feierns und des Leids zu vermitteln, das gesehen werden muss.“
Die Filmemacherin verstand ihr Filmprojekt von Vornherein auch als Versuch, „eine Brücke zu einem anderen Verständnis der Roma-Minderheit schlagen, zu einer Perspektive, die wir alle nötig haben“. „Der Film basiert auf meiner eigenen Geschichte“, heißt es dazu in Alina Șerbans Statement auf der Programmseite des Festivals:
Wir haben nur sehr selten die Gelegenheit, Roma in Filmen zu sehen, die komplexe menschliche Erfahrungen durchleben, fernab von Stereotypen. Der Mangel an „menschlichen“ Geschichten über Roma führt dazu, dass es nicht nur an der Möglichkeit mangelt, diese Menschen kennenzulernen, sondern sogar daran, sie überhaupt als Menschen wahrzunehmen, mit denen man mitfühlen kann. Andererseits wird den Roma die Möglichkeit verwehrt, sich in der Außenwelt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit repräsentiert zu sehen. Mangelndes Wissen über die eigene Kultur, systemische Ungleichheit und Diskriminierung führen zu Minderwertigkeitskomplexen und Selbsthass. Als Romni bin ich mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert gewesen, die meine Welt geprägt haben. Ich habe Armut und Diskriminierung und sogar die Vertreibung aus dem Zuhause meiner Kindheit durchgemacht. Es hat lange gedauert, bis ich die Scham darüber, eine Romni zu sein, ablegen, meine ethnische Identität annehmen und meine Kultur bejahen konnte. Aber es hat noch länger gedauert, bis ich in der Lage war, offen darüber zu sprechen, was die Erfahrung der Institutionalisierung [in den Heimen] für mich bedeutete. Die Geschichten, die ich in den vergangenen 15 Jahren – sei es mittels Theater oder Kurzfilm – erzählt habe, zielten darauf ab, das zielten darauf ab, die Menschlichkeit der Roma darzustellen und Raum für unsere Geschichten aus einer Roma-Perspektive zu schaffen und einzufordern.
Venedig, Cannes und Gipsy Queen
Die Präsentation von „I Matter“ war nicht Alina Șerbans erster Auftritt auf dem roten Teppich. Schon vor drei Jahren war sie bei den Filmfestspielen zu Gast – damals in ihrer Funktion als Darstellerin in Goran Stolevskis „Housekeeping for Beginners“. 2018 spielte sie unter der Regie Marta Bergmans die Hauptrolle einer jungen Mutter im belgischen Spielfilm „Alone at My Wedding“ (Seule à mon mariage), der im Rahmen der ACID-Reihe beim Festival in Cannes gezeigt wurde. Und für ihre herausragende Leistung als boxende, alleinerziehende Mutter in der deutsch-österreichischen Produktion „Gipsy Queen“ (Regie: Hüseyin Tabak) gewann sie 2020 den Deutschen Schauspielpreis als beste Hauptdarstellerin.
(Text: RU/dROMa)