Festakt: 30 Jahre Nationalfonds
November 12th, 2025 | Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Veranstaltungen & Ausstellungen
Ein Festakt im Parlament würdigte das 30-jährige Bestehen des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus
Mit der Einrichtung des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus setzte Österreich 1995, 50 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur, ein klares und dauerhaftes Zeichen der Übernahme von historischer Verantwortung. Ein Festakt im Parlament blickte am 10. November auf drei Jahrzehnte der tätigen Verantwortung des Nationalfonds gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus und für die Stärkung der österreichischen Erinnerungskultur zurück. Neben dem Rückblick auf das Geleistete standen die gegenwärtigen und künftigen Aufgaben des Nationalfonds im Mittelpunkt der Veranstaltung.
Haubner und Van der Bellen
Die Begrüßungsworte zum Festakt sprach Zweiter Nationalratspräsident Peter Haubner. Er erinnerte an die Gründung des Nationalfonds als historischen Schritt, mit dem Österreich sich dazu bekannt habe, dass das vom NS-Terrorregime verursachte Leid niemals vergessen, relativiert, verdrängt oder verharmlost werden dürfe. [...] In seiner Festrede würdigte Bundespräsident Alexander Van der Bellen die „tätige Verantwortung“ des Nationalfonds. Er dankte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Nationalfonds, die durch „beständigen Brückenbau“ dazu beigetragen haben, dass Überlebende der NS-Verbrechen und ihre Nachkommen sich wieder als Teil Österreichs fühlen konnten. Die Erinnerung an die Ermordeten sei ein nie abgeschlossener Prozess. Erinnerung bedeute auch Anerkennung. Daher hoffe er auf eine würdige Gedenkstätte für alle Opfergruppen der NS-Verbrechen. [...] Über die Hintergründe der Entstehung des Fonds und die Bedeutung dieses Schrittes sprachen Nationalratspräsident a. D. Andreas Khol und Bundeskanzler a. D. Franz Vranitzky mit Nationalfonds-Vorständin Hannah Lessing.
Dritte Generation: Sarah Gärtner-Horvath und Yuval Yaary
Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Lesung der Nachkommen der dritten Generation Sarah Gärtner-Horvath und Yuval Yaary. Sarah Gärtner-Horvath las aus Erinnerungen ihres Vaters Emmerich Gärtner-Horvath. Er berichtet darin, was ihn bewegte, 2005 am Interviewprojekt zur Geschichte der Burgenland-Roma „Mri Historija“ (Meine Geschichte) teilzunehmen und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erlebnisse während der NS-Zeit zu befragen. Ihr Vater habe drei seiner Geschwister nie kennengelernt, da sie vor seiner Geburt ermordet wurden, berichtete Sarah Gärtner-Horvath. Die Frage, wie so etwas möglich war und warum es so wenig Widerstand dagegen gab, sei für ihn immer drängender geworden.
Das Zeitzeugenprojekt der Burgenland-Roma sei dabei mehr als nur ein Forschungsprojekt. Es sei eine Reise zu den eigenen Wurzeln geworden, unterstrich Gärtner-Horvath. „Es ist ein Erbe und eine Ermutigung, hinzuschauen, wo andere wegsehen. Zu fragen, wenn es bequemer wäre, zu schweigen“, sagte sie. Ihr Vater habe mit denen gesprochen, die zu lange keine Stimme hatten. „Ihre Stimmen sind auch für uns bewahrt – für unsere Generation und jene, die nach uns kommen, damit wir verstehen, wer wir sind, und was es bedeutet, Mensch zu bleiben.“
Yuval Yaary las aus den Erinnerungen seines Großvaters. Moshe Jahoda war Zeuge, wie während des Novemberpogroms 1938 die Synagoge „Turnertempel“ im 15. Wiener Gemeindebezirk brannte und damit ein Stück seiner Kindheit in Flammen aufging. Die Geschichte meines Großvaters habe aber „nicht mit dem Feuer geendet“, betonte Yaary. Sein Leben sei weitergegangen, mit Familie, Kindern und Enkeln wie ihm. Moshe Jahoda habe nach allem Schmerz und Verlust die Kraft gefunden, nach Österreich zurückzukehren, vor allem dank einer jüngeren Generation von Österreicherinnen und Österreichern, die bereit war, offen über die Vergangenheit zu sprechen, Verantwortung zu übernehmen und Verständnis zu zeigen. „Und ich, sein Nachfahre, bin heute hier, weil er nicht aufgehört hat zu glauben, dass Leben und Würde stärker sind als Hass und Zerstörung. Das ist sein Vermächtnis an uns“, sagte Yaari.
Für die musikalische Umrahmung sorgten Aliosha Biz, Violine, Joschi Schneeberger, Kontrabass und Harri Stojka, Gitarre.
(Text: parlament.gv.at und Parlamentskorrespondenz, 10.11.2025)