Rumänien-Wahl: Roma waren mit entscheidend
Mai 25th, 2025 | Published in Politik
Roma-Wählerinnen und -Wähler waren mit entscheidend bei der rumänischen Präsidentschaftswahl 2025. Ein befürchteter Sieg des rechtsextremen Kandidaten George Simion wurde abgewendet – nicht zuletzt auch dank einer beispiellosen Mobilisierung in den Roma-Gemeinden.
Bei der Präsidentschaftwahl in Rumänien am 18. Mai 2025 konnte sich, nach einer turbulenten Vorgeschichte, der pro-europäische liberale Kandidat Nicușor Dan (parteilos), bisher Bürgermeister von Bukarest, durchsetzen. Der von vielen befürchtete Wahlsieg seines rechtsextremen, pro-russischen Konkurrenten George Simion (AUR) blieb aus. Dieser hatte die erste Runde am 4. Mai – bei niedriger Wahlbeteiligung – fulminant für sich entschieden; damit schien eine „Machtergreifung von Rechtsextremisten in greifbare Nähe“ (Deutsche Welle) gerückt. Für Rumänien und Europa wäre ein Wahlsieg Simions in der Stichwahl „ein tiefer Einschnitt und eine politische Katastrophe“ gewesen – „im wichtigsten EU- und NATO-Land Südosteuropas“. Noch nie sei eine Wahl „so entscheidend gewesen, mit so offensichtlichen geopolitischen Auswirkungen“, betonte etwa der rumänische Politologe Sergiu Miscoiu.
Dem parteilosen Kandidaten Dan gelang es, seinen Rückstand von 20 Prozentpunkten auf den Nationalisten Simion in nur zwei Wochen wettzumachen: Er siegte mit 54,6 Prozent, sein Konkurrent kam auf 46,4 Prozent. (Im ersten Wahlgang lag Simion noch mit 41 zu 21 Prozent voran.)
Historische Wahlbeteiligung
Zu verdanken ist dies insbesondere auch den Stimmen aus der Roma-Minderheit. Diese spielte, dank einer stark gestiegenen Wahlbeteiligung von Roma-Wählerinnen und -Wählern, eine entscheidende Rolle bei der Stichwahl. Dies ergab eine Analyse der Stiftung Roma for Democracy (RFD).
Die Auswertung ergab eine historisch hohe Wahlbeteiligung in Gemeinden, in denen die Roma-Volksgruppe stärker vertreten ist. So stieg die Wahlbeteiligung zwischen dem ersten Wahlgang am 5. Mai und der entscheidenden Stichwahl am 18. Mai in 144 Gemeinden, bei denen die Volksgruppe mindestens 5 Prozent der Wahlberechtigten ausmacht, um durchschnittlich 5,71 Prozentpunkte. Dies trifft in besonderem Ausmaß auf die am stärksten benachteiligten Gemeinden wie Turnu Măgurele und Răcari zu. Dort stieg die Wahlbeteiligung sogar um über 27 Prozentpunkte. Profitiert davon hat fast ausschließlich Nicușor Dan. In den Gemeinden mit erheblicher Roma-Population gewann der Wahlsieger über 105.000 Stimmen hinzu, im Gegensatz zu Simion, der im 2. Wahlgang nur rund 39.000 Stimmen mehr als zuvor erreichte. Landesweit trennten die beiden Kandidaten rund 830.000 Stimmen. Mindestens 15,9 Prozent des Abstands, der den Wahlsieg Nicușor Dans bedeutete, kam der Analyse von Roma for Democracy zufolge aus Gemeinden mit großem Roma-Anteil.
„Kein Mandat ohne uns“
Nicușor Dan hat als einziger Kandidat das von Roma for Democracy lancierte Manifest „Kein Mandat ohne uns“ unterzeichnet und somit die darin thematisierte strukturelle Ausgrenzung von Roma in Rumänien demonstrativ anerkannt. Der Rechtskandidat Simion hingegen ignorierte das Dokument.
Mehrere Roma-Organisationen wie RFD und ARESEL mobilisierten daraufhin für den demokratischen Kandidaten, allerdings ohne überhöhte Erwartungen in ihn zu setzen, wie Alin Banu, Geschäftsführer der Roma for Democracy Foundation Romania ausführt: „Dans Unterschrift wurde nicht als Versprechen für Veränderung angesehen. Sie war eine minimale Anerkennung. Allein das trug schon dazu bei, die Wahlbeteiligung in Gemeinden zu erhöhen, in denen sich die politische Passivität seit Jahren festgesetzt hatte.“
Demokratischer Wendepunkt
Das Ereignis markiert laut RFD das erste Mal, dass eine strukturell ausgeschlossene Bevölkerungsgruppe das Wahlergebnis in Rumänien maßgeblich beeinflusst hat. RFD spricht von einem „neuen Maßstab demokratischer Legitimität“, den die Roma-Wählerschaft auch für die Zukunft gesetzt hätte: Künftige Regierungen könnten keine vollständige Autorität mehr beanspruchen, ohne die Ausgrenzung der Roma-Minderheit zu thematisieren.
„Roma-Wähler waren nicht nur präsent – sie spielten eine entscheidende Rolle“, so Alin Banu: „Sie kehrten in die politische Arena zurück, nicht um das herrschende System zu bestätigen, sondern um ihm Grenzen zu setzen. Und damit definierten sie die Bedingungen neu, unter denen die politische Autorität in der sich entwickelnden demokratischen Landschaft Rumäniens Legitimität beanspruchen kann.“
Mobilisierung außerhalb alter Strukturen
Etablierte Parteistrukturen, wie jene der Roma-Partei Partida Romilor, hätten hingegen ihre Mobilisierungskraft verloren, wie Roma for Democracy ausführt: „In Gemeinden, in denen lange Mitte-Links-, PSD-nahe Vermittlungsstrukturen wie Partida Romilor dominierten, blieb die Wahlbeteiligung in beiden Wahlgängen niedrig – ein Zeichen für den Zusammenbruch ihrer Mobilisierungskraft. Solchen Kräften gelang es nicht, die breite Wahlenthaltung der Roma-Wählerschaft umzukehren, trotz der Versuche, die Kontrolle durch Zwang aufrechtzuerhalten – einschließlich des Stimmenkaufs durch Versprechen gezielter Leistungen wie Nothilfe, öffentliche Arbeitsplätze oder Wohnbeihilfen, Einschüchterung und Zugangsbedingungen für lokale Dienste. Eine neue Legitimität wurde anderswo geschaffen – von Roma-Wählern zu ihren Bedingungen.“
Verpflichtungen
Mit der Unterzeichung des Roma-Manifestes „Kein Mandat ohne uns“ hat sich der künftige rumänische Präsident auch zur Umsetzung konkreter Maßnahmen bekannt, wie sie im Manifest skizziert wurden: Dazu zählen die Einrichtung eines Roma-Beirats mit dauerhaftem Konsultativstatus beim Staatspräsidenten, die Implementierung eines Roma-Demokratie-Pakts, die bereits im ersten Amtsjahr erfolgen soll, die Etablierung eines nationalen Roma-Jugendfonds, der die ökonomische Ausgrenzung bekämpfen soll, die rechtliche Ahndung von Stimmenkauf und Einschüchterung sowie die formelle Einbindung von Roma-Organisationen in den landesweiten Reformprozess.
Roma for Democracy (RFD): Die Initiative Roma for Democracy der Roma Foundation for Europe stärkt die politische Stimme von Europas 12 Millionen Roma. Trotz ihrer großen Zahl sind Roma extrem unterrepräsentiert; Rassismus, Ausgrenzung und strukturelle Hindernisse erschweren die Teilhabe. Die Stiftung setzt sich für freie Wahlen und Bürgerrechte, demokratischen Dialog, politische Teilhabe und Repräsentation ein.
(RU/dROMa)