Schulische Segregation in der Slowakei

April 21st, 2025  |  Published in Dokumente & Berichte, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte

"Separate and unequal": Titelseite des Berichts von Amnesty International und European Roma Rights CentreIn einem Bericht verurteilen Amnesty International Slo­wakei und ERRC die „weit verbreitete und zunehmende rassistische Spaltung im Bildungswesen“ und fordern die slowakische Regierung auf, dringend Maßnahmen zu er­greifen, um die Segregation in ihren Schulen zu beenden.

Der Bericht mit dem Titel „Separate and Unequal: School Segregation Persists for Roma in Slovakia“ analysiert die gesetz­gebe­rischen und poli­tischen Reaktionen auf die Ver­weisung der Slowakei an den Europäi­schen Gerichts­hof (EuGH) im April 2023. Die Ergeb­nisse zeigen, dass be­schlos­sene Maß­nahmen nicht au­sreichen, um die tief ver­ankerten Prak­tiken der Segre­gation von Rom*nja wirksam zu be­kämpfen. Gesetzes­reformen – darunter Änderun­gen am Schul­gesetz – mangelt es an Klarheit und Durch­setz­bar­keit, um ver­festigte Un­gleich­heiten zu be­seitigen.

Zehn Jahre nach dem Beginn des EU-Verfahrens zeigt der neue Bericht, dass das slowa­kische Bildungs­system Rom*nja weiter­hin den Zugang zu integra­tiver, hoch­wertiger Bildung verweigert. Ursache dafür sind un­zu­reichende Kontrollen, struk­turelle und infra­struk­turelle Un­gleich­heiten sowie dis­krimini­erende Praktiken. Amnesty Inter­national und das ERRC fordern die Europäi­sche Kom­mission auf, die Umsetzung der Gleich­be­hand­lungs­richt­tlinie durch die Slowakei weiter­hin genau zu überwachen und ge­gebe­nen­falls weitere Maß­nahmen zu ergreifen.

„Unsere Untersuchung zeigt klar, dass es sich hier nicht um zufällige Un­gleich­heiten handelt. Was wir Jahr für Jahr be­obach­ten, ist der schlei­chende Versuch, ein Zwei-Klas­sen-Bil­dungs­system zu legiti­mieren – eines für Kinder mit un­ein­ge­schränk­tem Zugang zum Recht auf Bildung, und eines für jene, denen von Anfang an segre­gierte und minder­wertige Schul­bildung zu­gemutet wird“, so Rado Sloboda, Direktor von Amnesty In­ter­national Slowakei.

Diese weit verbreitete Segregation lässt sich nicht mit Symbol­politik, Pilot­projekten oder halb­herzigen Reformen be­seitigen. Es braucht tief­greifende struk­turelle Ver­änderungen, gezielte Inves­ti­tionen und durch­setzbare Kontroll­mecha­nis­men“, so Sloboda weiter.

Obwohl seit Einleitung des Verfahrens durch die Europäische Kom­mission bereits zehn Jahre ver­gangen sind, sehen wir kaum Ver­änderun­gen bei den Segre­gations­prak­tiken“, sagte Michal Zálešák, Rechts­berater des ERRC. „Der Hauptgrund liegt darin, dass die slowakische Regierung das Problem über Jahre hinweg ge­leugnet hat. Auch wenn der aktuelle Bil­dungs­minister erste Schritte unter­nehmen möchte, um die Segre­gation zu be­enden, bestehen er­hebliche Zweifel daran, ob die bisher be­schlos­senen Maß­nahmen wirksam genug sind, um echte Ver­änderun­gen zu bewirken.“

Massive Benachteiligung in „Roma-Schulen“

Nach wie vor bestehen gravierende Unterschiede bei den Bildungs­ergeb­nissen: Kinder aus Rom*­nja-Commu­ni­tys besuchen über­pro­portio­nal häufig soge­nannte „Roma-Schulen“, in denen Ressour­cen fehlen – oft sogar grund­legende Ein­richtun­gen wie Turn­hallen oder Spielplätze. Die Wieder­holung­srate von Schu­lstufen ist dort deutlich höher. Auch die Abbruch­quoten und die Ergebnisse stan­dardi­sierter Tests sind sig­nifikant schlechter. Beson­ders proble­matisch ist das System des Zwei-Schich­ten-Un­ter­richts, das fast aus­schließ­lich bei Kindern aus Rom*­nja-Com­mu­ni­tys an­ge­wendet wird und ihren Zugang zu qualitativ hoch­wertiger Bildung zu­sätzlich ein­schränkt.

Trotz zahlreicher Gerichtsurteile und wiederholter Empfeh­lungen euro­päischer und in­ter­natio­naler Men­schen­rechts­institu­tio­nen bleibt die Segregation von Rom*nja ein tief verwur­zeltes Problem des slowakischen Bildungs­systems. Seit April 2015 laufen Vertrags­ver­letzungs­ver­fahren gegen die Slowakei wegen Verstoßes gegen das Dis­kriminierungs­verbot auf Grund­lage der ethnischen Herkunft.

Im April 2023 verwies die Europäische Kommission die Slowakei an den Euro­päischen Gerichts­hof, weil sie es versäumt hatte, die ethnische Segre­gation von Kindern aus Rom*­nja-Com­mu­nitys effektiv zu be­kämpfen. Die Kom­mission stellte fest, dass sich die Lage seit 2016 sogar ver­schlechtert habe – die Slowakei weist den höchsten Anteil an schu­lischer Segre­gation von Rom*nja in der ge­samten EU auf.

Auf nationaler Ebene braucht es mutige Reformen, die über symboli­sche Gesetze hinaus­gehen: ein wirk­sames Monitoring, gezielte Res­sourcen­ver­teilung und ein klares po­li­tisches Be­kenntnis der slowakischen Behörden zur Be­endi­gung der rassistischen Segre­gation von Rom*nja.

Separat kann niemals gleich sein. Die Slowakei muss jetzt handeln, um diesen anhal­tenden Verstoß gegen Grund­rechte zu beenden – nicht nur im Interesse der betrof­fenen Kinder, sondern auch, um künfti­gen Genera­tionen den Weg aus Armut und Aus­grenzung zu er­möglichen.

(Pressemitteilung von Amnesty International)

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