Der „Zigeunerbaron“ wird übermalt
März 23rd, 2025 | Published in Musik, Rassismus & Menschenrechte
„Keine Geschichte, die man heute so erzählen will“
Das Lied vom Rand der Welt oder Der „Zigeunerbaron“ – ein neuer Blick auf ein umstrittenes Werk: Mit einem Libretto von Roland Schimmelpfennig und einer Rekomposition von der Musicbanda Franui (Markus Kraler/ Andreas Schett) entsteht eine Neufassung von Johann Strauss‘ Der Zigeunerbaron mit prominenter Besetzung, unter anderem mit Tobias Moretti.
Uraufführung am 25. März 2025 im Wiener MuseumsQuartier (Halle E), Infos und Tickets unter:
→www.johannstrauss2025.at
Strauss’ 1885 uraufgeführte Erfolgsoperette „Der Zigeunerbaron“ ist eines seiner musikalisch ambitioniertesten, zugleich aber sein heute inhaltlich kontroversiellstes Werk. Das so brisante Stück erfährt anlässlich des Jubiläumsjahres seines Komponisten eine musikalische wie literarische Überschreibung, die die darin enthaltenen Spannungsverhältnisse sichtbar macht und in einen heutigen Kontext stellt. Die Bearbeitung ist also kein Bruch mit Strauss, sondern eine Weiterführung seiner Ideen. In der Neufassung von Roland Schimmelpfennig, einem der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker, wird die Geschichte rund um Besitz, Liebe, Krieg, gesellschaftliche Verhältnisse wie auch Selbstermächtigung gleichzeitig märchenhaft und desparat umgedeutet. Das für seinen unverwechselbaren Klang bekannte Tiroler Kammerensemble Musicbanda Franui wird den beliebten Melodien von Strauss eine neue Dimension verleihen. [Johann Strauss 2025]
Roland Schimmelpfennig:
Die berühmte Originaloperette von Johann Strauss ist musikalisch ebenso reizvoll wie inhaltlich problematisch, angefangen beim Titel und einer verklärenden, historisierten Scheinfolklore in Bezug auf gleich mehrere Volksgruppen bis hin zur Kriegsverherrlichung. [Quelle: Rathauskorrespondenz]
Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, sie steht für sich, und mit ihr ihre Sprache, dem müssen wir uns stellen. Aber alte Verletzungen, alter Rassismus, alter Imperialismus, alte Ausgrenzungen, alte sprachliche Gewalt bleiben trotzdem Verletzungen, Rassismus, Gewalt, und ich sehe keinen Sinn darin, diese in einer Musiktheateraufführung zu wiederholen, auch nicht zum, sagen wir mal, Lerneffekt. Ignaz Schnitzers Libretto ist – auch bei größter, wohlwollender Anstrengung – in seiner alten Form keine Geschichte, die man heute so erzählen will. Bei der Originalversion des ,Zigeunervbaron‘ kann einem an verschiedenen Stellen unwohl werden, nicht nur wegen der klischeehaften Fake-Folklore. Sicher, die Operette lebt von der Überzeichnung, aber es ist auffällig, dass da viel über die ,Anderen‘ gelacht wird, über den ,Ungarn‘ als feigen Schweinefleischfresser mit Akzent, die Türken als Vergewaltiger und so weiter. Für das Vaterland wird aber – nach faktischer Zwangsrekrutierung – heroisch gekämpft. [Quelle: Kurier]
Andreas Schett (Franui):
Roland Schimmelpfennig hat das Stück an einen neuen Schauplatz geholt, die neue Geschichte ist so stark, dass auch die ursprünglich gesungenen Texte großteils geblieben sind. Der sogenannte „Zigeunerbaron“ wird damit übermalt und verliert trotzdem seine Kernaussage nicht – mehr noch: Das Stück wird durch die Transformation für uns Zeitgenossen wieder lesbar. [Rathauskorrespondenz]