„Diesen Respekt verdienen wir!“

September 28th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

Jenische LogosOffener Brief der Jenischen an Integrations­ministerin Susanne Raab


Im Jänner 2020 hat die österreichische Regierung in ihrem Regie­rungs­programm „Aus Ver­ant­wor­tung für Öster­reich“ die Prü­fung der An­er­ken­nung der Jenischen an­ge­kün­digt. Heute, fast vier Jahre später, ist dies­be­züg­lich lei­der nur Still­stand zu sehen. Des­halb schicken der Verein Jenische in Öster­reich, der Euro­pä­i­sche Jeni­sche Rat und das Jeni­sche Archiv einen offe­nen Brief an die zu­stän­dige Bun­des­minis­terin Susanne Raab.

Sehr geehrte Frau Ministerin Susanne Raab,

wie Sie wissen, hat die im Regierungsprogramm vom Jänner 2020 an­ge­kündigte „Prüfung der Anerken­nung der jenischen Volks­gruppe in Ös­terreich“ bislang nicht nur nicht statt­ge­funden, sie hat zudem noch nicht einmal be­gonnen. Angesichts der bereits ver­striche­nen Regierungs­zeit wird sie wohl ein reines Lippen­bekenntnis gewesen sein? Wir, der „Verein Jenische in Österreich“, Spre­cher:innen der jeni­schen Volks­gruppe in Öster­reich, haben uns am 30. Jänner 2020 erst­mals an Sie gewandt, be­kommen aber bis heute, bei Ihnen als zustän­diger Ministerin, nicht nur keinen Termin, nein, auch Medien­anfragen zum Thema werden nicht be­ant­wortet. Besorgt um unsere liberale Demo­kratie und irritiert über Ihr Ver­halten, oder besser gesagt, Nicht-Ver­halten, bleibt uns nur mehr dieser Versuch, mit Ihnen in Kon­takt zu treten.

Den Angehörigen einer in Österreich immer besonders diskrimi­nier­ten Minderheit – den von Ihnen igno­rierten Jenischen – sig­nali­sieren Sie damit vor allem eines: Nicht­an­er­ken­nung, um­gangs­sprachlich: Ablehnung. Die Nicht­an­erken­nung dieser Volksgruppe impli­ziert auch die Nicht­aner­kennung des Unrechts und Leids, das an Jenischen in der Nazi-Dik­tatur verübt wurde. Die Dis­kriminie­rung hat 1945 nicht aufgehört. Uns Jenischen hat sich diese Ab­lehnung ein­ge­brannt, wir müssen bis heute damit leben, immer unter Gene­ral­verdacht zu stehen.

Im März 1938, also gleich nach dem „Anschluss“, verdächtigte man uns als Gesamt­gruppe, die „Volks­gemein­schaft“ zu zer­setzen. Wir, das „zigeuner­ähn­liche Gesindel“, mit unserem „minder­wer­tigen Erbgut“ und dem an­gebore­nen „kriminel­len Verhalten“, wurden nicht als „Fremd­rassige“, sondern als „Asoziale“ verfolgt. Unsere Familien­verbände wurden zer­schlagen. Unsere Nach­kommen waren un­er­wünscht. Zwangs­sterili­sierung und Kindes­ab­nahmen standen an der Tages­ordnung. Depo­rtation, Kon­zentra­tions­lager und Ver­nich­tung durch Zwangs­arbeit ebenso.

Unter Generalverdacht standen wir auch nach 1945. In der post­nazisti­schen Gesell­schaft der Zweiten Republik erfuhren Jenische weiter­hin Miss­achtung und Ausschluss. Weiter gingen auch die syste­ma­tischen Abnahmen jenischer Kinder, die um­erzogen werden sollten – und auch um­erzogen wurden, mittels brutaler körper­licher und sexua­li­sierter Gewalt.

Weil Jenische (wie [zu einem großen Teil] auch Sinti und Roma) als „Asoziale“ depor­tiert wurden, „Asoziale“ aber nicht als Verfolgte des NS-Regimes galten, be­kamen Jenische KZ-Über­lebende keine Opferrente. Erst, nach­dem sich Roma 1993 die An­erkennung als Volks­gruppe er­kämpft hatten, wurde dies geändert. Doch mit der Aus­zahlung der endlich formal zu­er­kannten Opfer­renten wurde häufig zu lange ge­wartet, sodass viele Über­leben­den diese nicht mehr erlebt haben.

Die in der Zweiten Republik abgenommenen jenischen Kinder kämpfen bis heute mit ihren Traumata. Viele von ihnen sind bereits ge­storben, die meisten sind in einem Alter, in dem man jeder­zeit mit ihrem Tod rechnen muss. Das be­deutet also, auch diese Opfer werden es wohl nicht mehr erleben, dass Österreich seine Schuld be­kennt. Die An­er­ken­nung der Jeni­schen als Volks­gruppe wäre der erste und wich­tigste Schritt einer Ver­ände­rung der gesell­schaft­lichen Ablehnung, die wir Jenischen immer noch er­fah­ren. Die­sen Respekt ver­dienen wir!

Es gehört nicht zum Allgemeinwissen, dass Diskriminierung und die Zerstörung der jenischen Kultur in der Zweiten Republik bis in die späten 1970er Jahre beinah nahtlos weiter­gingen. Als Integra­tions­minis­terin ist diese Bildungs­lücke aber un­ver­zeihlich. Wir Jenische sehen Sie in der Ver­ant­wortung, endlich die An­erkennung der Jenischen als Volks­gruppe in Österreich in die Wege zu leiten.

Gezeichnet:
Verein Jenische in Österreich
Europäischer Jenischer Rat
Jenisches Archiv

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