„Manchmal träume ich auf Deutsch“

Dezember 31st, 2009  |  Published in Jugend & Bildung, Medien & Presse

Roma-Jugendliche in Serbien (Foto: Novosti)„Krieg und Armut haben sie nach Deutschland gebracht. Dann wurden sie wieder zurückgeschickt: Junge Roma aus Serbien schaffen es nicht, sich anzupassen. Sie kommen in ein Land, das nicht mehr ihre Heimat ist.“

Der serbische Journalist Momir Turudić, einer der diesjährigen Preisträger des „Balkan Fellowship for Journalistic Excellence“ (hier der prämierte Text auf Englisch und Serbisch), schreibt im Standard vom 22.12.2009 über die schwierige Rückkehr nach Serbien, die viele Roma nicht als „Heimkehr“, sondern als „Exil“ erleben:

(…) Der 19-jährige Enis Demirovic erinnert sich, wie geschockt er war, als er wieder nach Serbien kam: „Ich habe tagelang geweint. Ich konnte nicht akzeptieren, dass ich alles verloren hatte. Dies hier war eine komplett andere Welt.“ Enis ist in Wuppertal zur Grundschule gegangen. Als er nach Serbien zurückkehrte, hat er die Schule abgebrochen wie die meisten Rückkehrer-Kinder. „Ich konnte nicht mal die Sprache und hatte Angst vor allem“, erinnert er sich. (…) Tausende junger Roma, die nach Serbien gegangen sind oder geschickt wurden, erzählen eine ähnliche Geschichte. Sie haben die guten Schulen, die komfortablen Wohnungen in Deutschland zurückgelassen. In Serbien ist ihr Leben oft hoffnungslos. Kriminalität ist für einige der einzige Weg, aus dieser Situation herauszukommen. Es gab auch Selbstmord. Obwohl die Regierung Hilfsstrategien ausgearbeitet hat, obwohl viele Nichtregierungsorganisationen kurzfristige Hilfsprojekte anbieten, gibt es nicht genug Geld, um eine langfristige Eingliederung zu unterstützen.

(…) Zoran Panjkovic vom Ministerium für Menschen- und Minderheitenrechte schätzt, dass etwa 25.000 Rückkehrer zu diesem Schritt gezwungen wurden. Etwa doppelt so viele sollen freiwillig gegangen sein. Unklar ist, wie viele noch abgeschoben werden. Im Jahr 2003 schätzte der Europarat, dass es zwischen 50.000 und 100.000 sein könnten, aber in den vergangenen Jahren war auch von 150.000 Personen die Rede. (…) 60 bis 70 Prozent von allen Rückkehrern sind Schätzungen zufolge Roma. (…) Mehr als 70 Prozent der Roma-Kinder in Serbien schließen nie die Grundschule ab. (…) Die Organisation Grupa 484 hat den Werdegang der Kinder aus 64 Rückkehrerfamilien im Belgrader Stadtteil Palilula untersucht: 62 Prozent haben die Schule nicht weiter besucht, nachdem sie nach Serbien kamen.

(…) Pavao Hudik, Psychologe bei Südost-Europa Kultur e. V., einer Berliner Organisation, die Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien hilft, sagt, die meisten jungen Rückkehrer würden aus einer Gesellschaft herausgerissen, in die sie sich gut integriert hätten. „Was offiziell ,Rückkehr‘ genannt wird, sehen sie als Exil“, sagt er. „Serbien wie auch jeder andere Balkanstaat ist ein fremdes Land für sie. (…) Viele Rückkehrer fühlen sich von beiden Ländern alleingelassen. „Am schwierigsten ist es zu verstehen, dass der Staat, den du als deine Heimat betrachtest, es nicht erwarten kann, dich loszuwerden“, sagt Milan. „Und der Staat, in den du zurückgekehrt bist, hat nur eine Botschaft: ,Warum bist du da? Wir brauchen dich nicht.’ Niemand will uns. Wir gehören nirgendwo hin.“

Lesen Sie bitte den hier nur in einigen Auszügen wiedergegebenen Artikel von Momir Turudić, übersetzt von Susanne Klaiber, in voller Länge im Standard vom 22.12.2009.

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