Türkei: Kein Zugang zu wirksamer Hilfe

April 4th, 2023  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Nach dem Erdbeben (Foto: Zero Discrimination via Lebenszeichen)Eine positive Zukunft beginnt mit einem Zuhause


Nach der verheerenden Erdbeben-Katastro­phe sind zwei Roma-Ge­mein­schaf­ten, die Doms und die Abdals, die am meis­ten ge­fähr­dete Grup­pe unter den Über­le­ben­den. Ein gro­ßer Teil hat Schwie­rig­kei­ten beim Zu­gang zu Hilfs­leis­tungen.

Eine Bedarfsanalyse der türkischen Organisa­tion Zero Discri­mi­na­tion As­so­cia­tion.

Zwei Erdbeben der Stärke 7,8 und 7,5 auf der Richterskala erschüt­terten am 6. Februar 2023 den Südosten der Türkei und Syrien. Das Epi­zentrum des ersten Bebens lag in Kahraman­maraş und ver­wüstete elf türkische Pro­vinzen, darunter Hatay, Adıyaman, Malatya und Şanlıurfa. Bei diesem töd­lichsten Erdbeben des Jahr­hun­derts, das die Türkei ver­anlasste, die Alarm­stufe 4 und den Notstand aus­zurufen, verloren 46.000 Menschen ihr Leben. Mehr als 100.000 Men­schen wurden verletzt und 2 Millionen Men­schen wurden durch die Ka­tastrophe ins Landes­innere ver­trieben. Die Weltbank schätzt den direkten Schaden auf 34,2 Milliarden Dollar, 203.958 Gebäude sind ein­gestürzt oder be­schädigt.

Im Zusammenhang mit der verheerenden Katastrophe sind zwei Roma-Ge­mein­schaf­ten, die Doms und die Abdals, die am meisten ge­fährdete Gruppe unter den Über­lebenden. Diese Gruppen stehen vor einer größeren Heraus­forde­rung bei der Be­wälti­gung der Folgen der Ka­tastro­phe. Zwar gibt es keine offi­zielle Volks- oder Gruppen­zählung über die Zahl der Roma, doch leben in den betrof­fenen Provinzen schät­zungs­weise 100.000 Doms und Abdals. Diese Ge­mein­schaften sind in den Bereichen Bildung, Gesund­heit und Beschäftigung benachteiligt. Die meisten haben Probleme bei der Wahr­nehmung ihrer Rechte (Bildung, Gesund­heit, Beschäf­tigung, Wohnen, Lebens­standard, Rechte der Kinder, Rechte der Frauen). Dies führt zu Mar­ginali­sie­rung und sozialer Aus­grenzung.

Armut, Analphabetismus und Drogenkonsum

Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt zwischen 5 und 9 Personen. Viele Haushalte haben kein kontinuier­liches oder regel­mäßiges Ein­kommen und sind nicht sozial­ver­sichert. Dom- und Abdal-Haus­halte sind auf un­kon­ventio­nelle Arbeiten wie Pförtner­dienste, Schuh­putzen, Straßenhandel, Müll- und Schrott­sammeln an­gewiesen, da sie vom Arbeitsmarkt aus­ge­schlossen sind. Einige spielen auch Musik auf der Straße, in Tavernen und bei Hochzeiten; viele arbeiten als Saison­arbeiter in der saiso­nalen Land­wirtschaft. Sie be­ginnen schon in jungen Jahren zu arbeiten. Es ist üblich, 4 bis 6-jährige Roma-Kinder zu sehen. Kinder, die auf der Straße Ser­vietten verkaufen.

Viele Menschen leben in Substandard-Häusern mit undichten Dächern und ohne Fenster­bänke. Der jüngste Anstieg der Mieten hat zu einer Über­belegung der Haushalte geführt, da die ohnehin schon über­füllten Groß­familien be­gonnen haben, zu­sammen­zu­leben. Infolge dieser über­füllten Haushalte treten virale und bak­terielle Infek­tions­krank­heiten häufiger bei Säuglingen, Kleinkindern und Kindern auf, deren Immun­system aufgrund un­zu­rei­chender Er­nährung so­wohl im Mutterleib als auch nach der Geburt geschwächt ist.

Chronische Krankheiten treten bereits in den späten Zwanzigern und frühen Dreißi­gern auf. Die sich gegen­seitig ver­stär­kenden Aus­wirkungen der Be­nach­teiligung, wie die niedri­gere Lebens­erwartung, sind bei den Roma-Ge­mein­schaften in der Türkei zu be­obachten. Sie liegt 10 Jahre unter dem türkischen Durch­schnitt (Sodev & ZDA, 2021). Der Ge­sundheits­zustand eines durch­schnitt­lich 60-jährigen Mitglieds einer Roma-Ge­mein­schaft ist viel schlechter als der ihrer Alters­ge­nossen aus anderen Gruppen in der Türkei, und auch die be­obach­tete Be­hin­derungs­rate ist höher. Drogen­konsum ist ein weit ver­breite­tes Problem in den Ge­mein­schaften. Das Alter des Erst­konsums ist auf das Grund­schul­alter gesunken. Es wird davon aus­ge­gangen, dass ein erhöhter Drogen­konsum mit höherer Krimi­nalität, häuslicher Gewalt und zer­rütteten Familien in Ver­bindung steht.

Das Bildungsniveau in der Roma-Gemeinschaft ist sehr niedrig; viele Menschen sind nicht in der Lage, die Grund­schule ab­zu­schließen und brechen die Schule ab. Frühe Ehe­schlie­ßungen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sind weit verbreitet, ebenso wie Schul­abwesen­heit. Be­obach­tungen vor Ort deuten darauf hin, dass sich die Situation durch die Covid-Pan­demie noch verschärft hat. Nach Angaben von Roma-Ak­ti­visten sind die Roma in der Gesell­schaft mit tief ver­wurzelten Vorurteilen und Stigma­ti­sie­rungen kon­frontiert. Sie werden ge­mein­hin mit Krimi­nalität, Armut und „schlech­tem Benehmen“ in Ver­bindung gebracht, was manchmal zu dis­kriminieren­dem Verhalten führt. Laut einer Umfrage von Sodev & ZDA (2021) fühlen sich 40 % der Roma dis­kriminiert. Von diesen 40 % hat die Hälfte das Gefühl, dass sie „täglich dis­kriminiert werden“.

Kein Zugang zu wirksamer Hilfe

Da sie ohnehin in allen Lebensbereichen benachteiligt sind und mit tief verwurzel­ten Vorurteilen und sozialer Aus­grenzung zu kämpfen haben, fällt es schwer, die Heraus­forderun­gen zu be­wältigen, die die Kahra­man­ma­raş-Erd­beben mit sich bringen. Die Roma in den betrof­fenen Provin­zen wurden in unter­schied­li­chem Maße beeinträchtigt. So wurden beispiels­weise in Hatay, Antakya, alle drei Roma-Viertel zerstört. Auch in den Bezirken Kırıkhan und Iskenderun in der Provinz Hatay wurden viele Häuser be­schädigt. In Adıyaman und Kahra­manmaraş ist die Situation ähnlich wie in Hatay. Tat­sächlich waren Hatay, Karhra­manmaraş und Adiyaman die Provinzen, die am schlimms­ten be­troffen waren. Malatya, Osmaniye, Diyarbakır, Gaziantep und Şanlıurfa be­finden sich vergleichs­weise in einem besseren Zustand. Allerdings wurden auch in diesen Provinzen viele Gebäude be­schädigt. Ein großer Teil, wenn nicht sogar alle (in einigen Orten) können nicht in ihre Häuser gehen und halten sich trotz der Winter­kälte draußen in behelfs­mäßi­gen Zelten auf.

Die erdbebenbedingten Migrationsströme unter den Roma-Gruppen weisen ein hetero­genes Muster auf. Während beispiels­weise ein Großteil der Über­lebenden aus Hatay floh, blieben die Über­lebenden in Gaziantep und Şanlırfa in den ersten Wochen nach dem Erd­beben vor Ort. Den­noch wandern die­jenigen, die aus Hatay, ins­besondere aus Antakya, geflohen sind, in die Nähe der Viertel zurück, in denen ihre Häuser einst standen. Die Migra­tions­ströme bleiben auch in der vierten Woche nach dem Erdbeben dyna­misch. Ihre Lebens­grund­lage ist voll­ständig verloren gegangen. Aufgrund der seit langem be­stehen­den Vorurteile innerhalb der Gesell­schaft und der bereits be­stehen­den sozialen Aus­grenzung haben sie keinen wirk­samen Zugang zu Hilfs­mechanis­men. Die Bereit­stellung von Massen­hilfe ist für benach­tei­ligte Gruppen, die am Rande der Gesell­schaft leben, in der Tat nicht geeignet.

Derzeit können die Abdals und Doms in den betroffenen Regionen ihre Grund­bedürf­nisse nicht be­friedigen. Sie haben zwar die gleichen Bedürf­nisse wie alle anderen ein­kommens­schwa­chen Gruppen – Lebensmittel, Zelte oder Container, Über­winterung, Wasser, Sanitär- und Hygiene­dienst­leistun­gen, Kleidung (ins­beson­dere Unterwäsche und Socken) –, aber sie haben auch Bedürfn­isse, die für ihre Gruppe spe­zifisch sind.

Ein großer Teil der Abdal- und Dom-Gruppen hat Schwierigkeiten beim Zugang zu Hilfs­leistungen nach der Katastrophe, un­ab­hängig von der Institution, die die Hilfe berei­tstellt. Vor­urteile, Miss­trauen und soziale Aus­grenzung spielen dabei eine Rolle. Die Bereit­stellung von Massenhilfe ist für diese Gruppen un­geeignet. Da viele Men­schen in der Nähe ihrer Häuser wohnen, sind sie auf Transport­mittel an­gewiesen, um die Ver­teilungs­stellen für die Sofort­hilfe zu erreichen. Dies stellt eine Belas­tung für die bereits er­schöpften Budgets dar. Der Trans­port von Hilfsgütern von den Ver­teilungs­stellen zu den Wohnvierteln ist ohne Transport­mittel sehr schwierig, da schwere Gegen­stände etwa 3 bis 4 Kilo­meter weit ge­schleppt werden müssen.

Oft wird die Verteilung an dem Ort, an dem Abdal- und die Dom-Gruppen wohnen, proble­ma­tisch. Plün­derungs­nach­richten, die in den ersten Tagen nach dem Erdbeben ver­breitet wurden, und Vorurteile, die Roma mit Krimi­nalität in Verbindung bringen, schaffen ein un­günstiges Umfeld für die Ver­teilungen in den Abdal- und Dom-Vierteln. Es gibt Fälle, in denen die Mit­arbeiter der Hilfs­organi­sa­tionen aus Angst vor Plünderun­gen zögerten, in die Viertel zu gehen. Da die Hilfsgüter nur sehr selten in diese Viertel ge­liefert werden und diese Gruppen es nicht gewohnt sind, Schlange zu stehen, kommt es bei der Verteilung zu Unruhen, wenn die Anführer der Gemein­schaften nicht an­wesend sind. Diese Un­ordnung ver­stärkt wie­derum die Gerüchte über Plünderun­gen. Es gab Fälle, in denen die Verteilungen ge­stoppt wurden. Die Verteilung von Hilfsgütern muss daher unter Berücksichtigung der Merkmale dieser Gruppen und des miss­trauischen Umfelds or­ganisiert werden. Lokale zivil­gesell­schaftliche Organi­satio­nen sowie männliche und weibliche Gemeinde­vorsteher sollten eine aktive Rolle bei der Organi­sation der Verteilung spielen. In den erdbeben­geschä­dig­ten Städten wurde mit der Bereit­stellung zahl­reicher Hilfsdienste für die Zeit nach der Katastrophe be­gonnen. Psycho­soziale Unter­stützung ist be­sonders wichtig für all jene, die durch das Erdbeben trauma­tisiert sind. Viele der Dom- und Abdal-Gruppen haben keinen Zugang zu den Infor­ma­tio­nen über die Bereits­tellung dieser Dienste. Selbst wenn sie von den Diensten wissen, zögern sie, sie zusam­men mit anderen Gruppen in Anspruch zu nehmen, weil sie von Nicht-Roma dis­kriminie­rendes Verhalten erwarten. Sie be­nöti­gen eine Vermittlung zwischen den Hilfs­organi­satio­nen und der Gemein­schaft, um Zugang zu Nothilfe und Diens­tleistun­gen zu erhalten, die es in der Region bereits gibt.

Die türkische Regierung kündigte Bargeldunterstützungs­mechanismen für diejenigen an, die ihre Familien­mit­glieder oder ihre Häuser während des Erdbebens verloren haben. Finan­zielle Unter­stützung und Miet­zu­schüsse gibt es auch für die­jenigen, deren Häuser entweder als schwer oder mittel­schwer beschädigt ein­gestuft werden. Die Regierung hat diese Maß­nahmen zwar an­ge­kündigt und erklärt, dass jeder Anspruchs­berech­tigte die Hilfe auf ein mit seiner Identitäts­nummer ver­knüpftes Bankkonto erhalten wird, aber nicht jeder weiß von der vorgesehenen Hilfe. Außer­dem wissen sie nicht, welche Rechtsmittel sie einlegen können und wie sie im Falle von Un­stimmig­keiten Zugang zu diesen Me­chanis­men erhalten. Sie brauchen Unter­stützung beim Zugang zu diesen Rechten.

Essen und Kleidung

Viele der Gruppen haben keinen regelmäßigen Zugang zu Lebensmitteln. Sie sind es gewohnt, in Zelten zu kochen, sofern sie über Gasflaschen verfügen. Die gestiegenen Energie­preise und die erschöpften Haushalts­ressour­cen lassen ihnen jedoch keine andere Wahl, als Holz oder Abfälle zu sammeln und zu ver­brennen. Vor dem Erdbeben wurde Kohle verteilt, die jedoch auf­grund der ge­stiege­nen Nachfrage verhältnis­mäßig früh auslief. Daher sind sie auf regel­mäßige Nahrungs­mittel­hilfe und Flaschengas angewiesen. Vor allem Frauen betonen, dass Tee sie in kalten Nächten warm hält. Ein weiterer Bedarf ist winter­taugliche Kleidung, wie sie auch von anderen Gruppen, die in Zelten unter­gebracht sind, gefordert wird. Nylon­strümpfe sind ein häufig ge­äußertes Bedürfnis, das durch Massen­ver­teilun­gen nicht be­friedigt wird.

Winterausrüstung, Öfen und Brennstoff für die Öfen sind drin­gend er­for­derlich

Viele Menschen leben unter freiem Himmel in behelfsmäßigen Zelten ohne sanitäre Einrich­tungen und elektrischen Licht. Sie wollen die Viertel, in denen sich ihre Häuser befinden, nicht ver­lassen, weil sie sich dort sicher fühlen. In den ersten Tagen hatten sie Angst vor Plünderun­gen ihrer Häuser und ihres Besitzes. Später wuchs ihre Besorgnis über die „Zwangs­um­sied­lung“. Sie bauten Not­unterkünfte aus den ihnen zur Ver­fügung stehen­den Mater­ialien. Einige deckten ihre Müllwagen mit Planen ab und suchten darin Schutz, andere bauten Zelte aus Planen. Mit Hilfe von Mate­rialien, die vor Ort gefunden wurden (z. B. Planen, die für die Somme­rzelte der Land­arbeiter ver­wendet werden), und kleinen Spenden konnten einige etwas bessere Zelte bauen, die jedoch nicht an­nähernd ausreichen, um die Haushalte im Winter zu schützen.

Wasser und sanitäre Anlagen

Es ist anzumerken, dass es in vielen der betroffenen Orte kaum organisierte Lager gibt. Nur ein kleiner Teil der Abdals und Doms war in der Lage, von Regierung bereit­ge­stellte Zelte zu finden. Keines der behelfs­mäßigen Lager hat Zugang zu Wasser. In Orten wie Hatay ist der Zugang zu Wasser noch proble­ma­ti­scher. Trinkwasser ist Mangel­ware. Der Zugang zu Toiletten ist ein weiteres Problem. Die­jenigen Haus­halte, die über Steh­häuser und flie­ßendes Wasser in ihrem Garten verfügen, nutzen diese, auch wenn sie nicht in der Nähe ihres Lagers liegen. Für viele ist dies jedoch ein Luxus. Viele waren seit dem Erdbeben nicht in der Lage zu duschen. Auch das Tragen von sauberer Kleidung ist proble­ma­tisch, da es keine Wäscherei oder Wasch­dienste gibt. Es gibt Fälle, in denen zwei oder drei Haushalte in einem Zelt zusammenleben. Auch wenn es sich bei diesen Familien um Ver­wandte handelt, wirft diese Situation für die Frauen Probleme mit der Privat­sphäre auf.

Existenzgrundlagen

Der Lebensunterhalt der Dom- und Abdal-Gruppen hängt von prekären Tagesjobs ab. Die meisten haben keine Erspar­nisse und kein Vermögen. Da ihr Lebens­unterhalt völlig zu­sammen­gebrochen ist, sind sie auf Hilfe an­gewiesen. Die Ad-hoc-Hilfe, die sie früher von den Soli­daritäts­stiftun­gen der Gouverneure und den Gemeinden er­hielten, ist jedoch stark zurück­ge­gangen, da es mehr Menschen gibt, die Hilfe benötigen. Viele der Doms und Abdals in den be­troffenen Gebieten sind saisonale Land­arbeiter. Sie planen, bereits ab Mitte April an Orte zu reisen, an denen sie land­wirtschaft­liche Arbeit finden können. Viele der tra­ditionellen Saison­arbeiter in der Land­wirtschaft haben jedoch Angst, keine Arbeit zu finden, da viele andere Gruppen, die mit den Härten des Erdbebens kon­frontiert sind, auf dem land­wirtschaft­lichen Arbeits­markt konkurrieren könnten. Es herrscht Un­gewissheit über die nächsten Monate. Dem­ent­sprechend be­nötigen die Doms und Abdals einen effizien­ten Zugang zu den Hilfs­systemen sowie Bargeld­unter­stützung in irgendeiner Form, um den Bedarf zu decken, der durch die Hilfs­lieferungen, die sie erhalten, nicht gedeckt werden kann.

Gesundheit

Die Bedingungen nach dem Erdbeben stellen ein weiteres Risiko für die ohnehin schwache Gesund­heit der Dom- und Abdal-Grup­pen dar. Die un­hygienischen Be­dingun­gen und der un­zu­reichende Schutz, den die be­helfs­mäßigen Zelte bieten, bilden den Nährboden für Virus- und Bak­terien­infek­tionen. Säuglinge, Kinder, schwangere Frauen und ältere Menschen sind beson­ders anfällig. Bei den Besuchen zur Bedarfs­ermittlung wurde in jedem Zelt min­destens ein krankes Baby, ein krankes Kind oder ein kranker älterer Mensch mit Symptomen wie hohem Fieber, Husten, Grippe und Darm­infektionen fest­gestellt. Schwangere Frauen haben keinen Zugang zu Diensten für eine sichere Mutterschaft. Diejenigen, die eine lang­fristige und nach­haltige Behandlung be­nötigen, wie Diabetes und Krebs, mussten ihre Be­handlun­gen unter­brechen. In Orten wie Hatay und Adıyaman, wo wichtige Strukturen der Ge­sundheits­ver­sorgung beschädigt wurden, ist der Zugang zu G­esundheits­diensten trotz mobiler Feld­kranken­häuser proble­matisch. In einigen Orten sind Fälle von Läusen und Krätze weit verbreitet. Der Drogen­konsum in den Gemein­schaften gibt weiterhin Anlass zu großer Sorge. Für die Haushalte, in denen ein Mitglied Drogen kon­sumiert, ist es noch schwieriger, die Situation in einem einzigen Zelt zu be­wältigen. Die psychische Belastung für die Familie nimmt zu. Außer­dem gibt es Berichte über zu­neh­mende häusliche Gewalt. Das Erdbeben war für alle, die in den betroffenen Gebieten leben, eine trauma­tisierende Erfahrung. Die negativen psycho­logi­schen Aus­wirkungen sind jedoch vor allem bei Frauen und Kindern zu beobachten. Schlafmangel, Depressionen und die Angst, sich in Gebäuden auf­zu­halten, gehören zu den häufigsten Beschwerden.

Bildung

Für Dom- und Abdal-Schüler, die in den betroffenen Gebieten leben, war der Schulbesuch proble­matisch. Aufgrund der hohen Ab­wesen­heits- und Schul­abbrecher­quoten sind die Kinder und Jugend­lichen der Dom und Abdal be­sonders anfällig für Unter­brechun­gen des Schul­unterrichts. Derzeit ist es für viele Familien schwierig, ihre Kinder zur Schule zu schicken, da viele in Zelten leben. Außer­dem haben die Schüler in den überfüllten Zelten keinen Platz zum Lernen. Auch die Einschulung der Kinder von Familien, die aus den betrof­fenen Gebieten in siche­rere Gebiete geflohen sind, gibt Anlass zur Sorge. Ohne jegliche Inter­vention ist ein Anstieg der Schul­abbrecher­quote sehr wahr­scheinlich.

Wiederaufbau und Wohnraumverbesserung

Infolge des Erdbebens stürzten viele Häuser ein, und noch mehr wurden in unter­schiedli­chem Maße beschädigt. In An­betracht der ohnehin schon un­zu­reichenden Wohn­ver­hältnisse besteht dringender Bedarf an Maßnahmen zum Wiederaufbau und zur Verbesserung der Wohn­ver­hältnisse. Diese Maßnahmen sollten den Lebensgewohnheiten der Dom- und Abdal-Ge­mein­schaften Rechnung tragen. Außer­dem sollten neue Wohnungen in den Vierteln gebaut werden, in denen sie bereits leben, ohne das soziale Gefüge zu stören und eine Gentrifi­zierung zu verhindern. Wenn eine solche Inter­vention das soziale Gefüge stört und zu Gentri­fi­zierung führt, werden die Be­wältigungs­mechanis­men dieser Gruppen zerstört, da diese Gemein­schaften Widrig­keiten mit Hilfe ihres ver­binden­den Sozial­kapitals be­wältigen. Un­mittel­bar vor dem Erdbeben stieg der Standortwert der Roma-Viertel, und die Dom- und Abdal-Grup­pen be­fürch­teten eine Umsiedlung in die Außen­bezirke der Städte. Diese Angst besteht weiterhin.

Most vunerable: Kinder, Frauen, ältere Erwachsene

Die Zahl der älteren Erwachsenen (60+) in der Bevölkerung von Dom und Abdal ist vergleichsweise gering. Viele von ihnen haben mit schweren gesund­heitli­chen Problemen zu kämpfen, die von Alzheimer bis zu chronisch obstruk­tiven Lungen­erkran­­kungen, von Prostatakrebs bis zu Harn- und Stuhl­inkonti­nenz reichen. Der Mangel an grund­legenden hygieni­schen Be­dingungen und medizinischer Versorgung stellt sie vor beson­dere Heraus­forderun­gen. Frauen sind mit einer erhöh­ten Pflege­belastung konfrontiert. Sie sind diejenigen, die für die Beschaffung von Wasser und Lebens­mitteln in einer Umgebung ver­ant­wortlich sind, in der die Hilfsgüter nur spärlich verteilt werden. Das Putzen, die Betreu­ung von Kindern und älteren Menschen und das Kochen in einem behelfsmäßigen Lager ohne Wasser und mit un­prakti­schen Öfen machen diese täglichen Aufgaben noch beschwerlicher. Für viele Frauen, insbesondere für die­jenigen, die keinen ver­lässlichen Ehepartner oder männ­lichen Verwandten haben, ist die Sicherheit ein Problem. Auch wenn es nicht offen an­gesprochen wird, haben viele Angst vor Belästigung. Zelte aus Laken bieten nicht den Schutz eines Gebäudes, und die fehlen­de Beleuchtung in der Nacht verstärkt dieses Gefühl der Unsicher­heit. Überfüllte Zelte werfen auch die Frage der Privatsphäre auf. Die zunehmende häusliche Gewalt ist ein weiteres Problem, mit dem die Frauen konfrontiert sind. Kinder sind eine weitere, ver­gleichs­weise stärker ge­fährdete Gruppe unter den Roma. Viele von ihnen gehen nicht zur Schule, und das Risiko eines Schul­abbruchs ist höher als in früheren Jahren, auch während der Covid-Pan­demie. Sie verbringen ihre Zeit mit Spielen auf der Straße, ohne von Erwachsenen be­auf­sichtigt zu werden. In An­betracht der Sicher­heits­probleme und des ver­stärkten Konsums von Substanzen sind sie ver­gleichs­weise anfälliger für Missbrauch. Mangelnde sanitäre Ein­richtungen und Unter­ernährung führen dazu, dass Kinder anfälliger für In­fektions­krank­heiten sind.

Die Zero Discrimination Association wurde 2009 in Istanbul von einer Gruppe von Aktivisten und Frei­willigen ge­gründet, um das Leben benach­teilig­ter Gruppen zu verbessern, ins­beson­dere von Roma und Gemeinschaften, die ähn­liche Nachteile haben. Die Ver­einigung verfolgt einen auf Rechten basie­renden Ansatz und bemüht sich um die Stärkung des sozialen Zu­sammen­halts und der sozialen Ein­gliederung benach­teilig­ter Gruppen. Außerdem setzt er sich für deren Rechte ein. In Zu­sammen­arbeit mit anderen zivil­gesell­schaftli­chen Or­gani­sa­tionen führt das ZDA Akti­vitäten zur Ver­besserung des Dialogs zwischen öffent­lichen Ein­richtungen, zivil­gesell­schaft­lichen Organi­sa­tio­nen der Roma und Roma-Ge­mein­schaften durch, um Rechts­ver­letzungen und Dis­krimi­nierun­gen zu verhindern, denen benach­tei­ligte Gruppen, insbesondere Roma und Ge­mein­schaften, die wie Roma leben, ausgesetzt sind. Das ZDA ist in 34 Orten in der Türkei tätig, um Roma-Grup­pen und andere be­nach­teiligte Gemein­schaften beim Zugang zu ihren Grund­rechten und deren Nutzung zu unter­stützen.

(Text: ZDA via Lebenszeichen)

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